Risikomanagement – Karriere im Finanzsektor

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Im Risikomanagement bleibt der Nachwuchs aus.

Was erwartet Berufseinsteiger im Bereich Risikomanagement?

Das Risikomanagement der Banken sucht dringend ­Nachwuchs und auch in anderen Bereichen sind die ­Karriereperspektiven gut. Welche Segmente das sind, erklärt Ingolf­ Jungmann, ­Vizepräsident der renommierten Frankfurt School of Finance & Management und profunder Kenner der Bankenlandschaft.

Müssen die Banken in Zeiten immer mündigerer Konsumenten neben den hauseigenen Produkten nicht auch immer mehr Fremdprodukte anbieten?
Das tun sie doch auch! In diese Richtung geht die Entwicklung seit mehreren Jahren. Wenn Sie vor zehn Jahren eine Bank betreten haben, erhielten Sie nur die Produkte dieser Bank. Heute bekommen Sie bereits Fremdprodukte angeboten, weil die Bank genau weiß, dass sie im Produktvertrieb nicht zu schmal sein darf. Es gibt allerdings auch noch einen anderen  Effekt: Der Regulierer ist seit der Finanzkrise sehr viel strenger in der Protokollpflicht bei Finanzberatungsgesprächen mit Kunden. Die ganze Fragestellung der Risikoklassifizierung des Kunden, also wie risikoscheu oder -affin ist er, führt dazu, dass die Banken gezwungen sind, produktneutral in die Beratung hineinzutreten. Sie müssen den Bedarf des Kunden besser identifizieren und ihm auch Produkte anbieten, die nicht aus dem eigenen Hause kommen.

Wird der Job des Bankberaters anspruchsvoller, wenn er einen so großen Marktüberblick haben muss?
Ja, das stimmt, die Anforderungen an die Bankberater steigen permanent. Das hat auch eine zunehmende Akademisierung im Vertriebsbereich zur Folge, weil hier mit speziellen analytischen Fertigkeiten umgegangen werden muss. Das wiederum führt zu einer fortwährenden Spezialisierung: Braucht ein Kunde eine Beratung im Wertpapiergeschäft, sitzt er beim Wertpapierberater, benötigt er eine Immobilienfinanzierung wird er üblicherweise zu einem Spezialisten im Hause überwiesen und so weiter. Er hat zwar einen persönlichen ­Ansprech­partner, aber durch die ­zunehmende ­Komplexität der Fragestellungen und die steigende Kompetenz des Kunden wird eine Spezialisierung der Berater befördert.

Der CFP ist die höchste Qualifikation im Markt

Was zeichnet einen Certified Financial Planner (CFP) aus?
CFP“ darf sich nur nennen, wer die entsprechende Zentralprüfung gemacht hat und die „vier E‘s“ (education, examination, experience, ethics) erfüllt. Das erste „E“ steht für die entsprechende Ausbildung und Qualifizierung. Die dauert üblicherweise ein Jahr und qualifiziert den CFP-Anwärter in allen Fragen des Privatkunden- und Finanzplanungsgeschäfts. Das zweite „E“ ist die Examination, es müssen also alle Prüfungen bestanden worden sein. Drittens muss eine bestimmte Experience, also mehrjährige Berufserfahrung vorhanden sein. Das vierte „E“ beschreibt die ethischen Standesregeln, die erfüllt werden müssen. Danach ist der CFP fähig zu einer kompetenten, umfassenden Finanzberatung. Ziel ist nicht der reine Produktvertrieb, sondern die auf den Kunden und seine Lebensphasen ausgerichtete, potenziell lebenslange Betreuung.

Wenn Sie einen Bachelor- oder Masterabschluss mit dem vergleichen, was man bei der CFP-Prüfung mitbringen muss – was ist schwerer?
Das sind ganz unterschiedliche Sachen. Bei Bachelor und Master bringen Sie ein universitäres Studium mit. Sie machen BWL, VWL, Marketing und haben eine hohe analytische Kompetenz. Der CFP ist ein gnadenlos guter Fachmann, wahrscheinlich die höchste Qualifikation, die im Markt vorhanden ist, um bestmögliche, ganzheitliche Finanzberatung auf den Kunden ausgerichtet zu ermöglichen. Der Masterabsolvent kennt sich im Zweifelsfall mit dem Portfolio-Management nicht aus, er weiß nicht wie im Immobilienmanagement die Finanzierung genau funktioniert. Er hat eher eine allgemeine oder mathematische, analytische Kompetenz. Aber der CFP ist der Königsabschluss im Rahmen der ganzheitlichen Finanzberatung. Sie können davon ausgehen, dass die besten Berater im Markt CFP`s sind, auch wenn es sicherlich immer Ausnahmen gibt.

Der Trend geht dahin, dass viele Kunden den Bankfilialen fernbleiben. Liegt das daran, dass sie nicht die interessanten Beratungsfelder der Bank sehen, sondern nur die Schalterhalle? Die Banken bieten viele Services an, die zwar Geld kosten, von denen man aber nichts weiß. Ihr Dilemma ist: Was man vorne sieht wird immer weniger. Durch die Automatisierung im Selbstbedienungsbereich werden nicht mehr so viele  Schaltermitarbeiter gebraucht. Für die Privatkunden fängt die als relevant empfundene Qualität erst dahinter an, aber sie bleibt unterrepräsentiert. Neue Geschäftsstellenkonzepte, die den Berater sichtbar machen, sollen diese Qualität nach außen tragen und den Kunden wieder erreichen. Davon verspricht man sich eine Bindung an den Berater. Kompetent sind sie alle, aber das hilft wenig, wenn die Kunden fernbleiben. Deshalb will man mit einem breiteren Kommunikationsangebot Geschäfte gegebenenfalls auch ohne Geschäftsstellenbesuch abwickeln, das persönliche Gespräch dabei aber beibehalten. Dies funktioniert etwa über Telefontermine und ­Videokonferenzen, durch die man den Berater auch um 21 Uhr abends noch erreichen kann.

Im Firmenkundengeschäft gibt es sehr gute Einstiegschancen

Wird das Firmenkundengeschäft generell unterschätzt?
Das Problem ist, dass vor allem das Investmentbanking, das Privatkundengeschäft und die ganzheitliche Finanzberatung den größten Glamour haben. Das Firmenkundengeschäft wirkt dagegen häufig unscheinbar. Das hat zum Beispiel zur Folge, dass es sich ein junger Banker, der sich für diesen Karriereweg interessiert, erst erkämpfen muss, überhaupt eine Traineephase im Firmenkundenbereich machen zu können. Was wir allgemein aus dem Bankengeschäft kennen ist nicht das Firmenkundengeschäft. Dabei ist das ein ganz wichtiger Bereich!

Als Förderer und Begleiter des Mittelstandes ermöglicht der Firmenkundenbetreuer hier sehr viel. Erfordert das im Risikomanagement nicht sehr viel Menschenkenntnis?
Ja, sicherlich, wobei das im Bankensektor durch das Vier-Augen-Prinzip geregelt wird. In der Pflicht sind also gleichermaßen Kreditsachbearbeiter und Firmenkundenbetreuer. Letzterer muss im Kundengespräch eine Geschäftseinschätzung vornehmen. Er votiert, ob bestimmte Kreditbedarfe unterstützt werden sollen. Dahinter steht die Kreditabteilung, die keinen oder wenig Kundenkontakt hat. Sie sieht sich die nackten Zahlen an, um eine neutrale und den Standards der Bank gehorchende Entscheidung zu fällen. Beide Abteilungen arbeiten zusammen.

Wie sind die Karrierechancen im Firmenkundengeschäft?
Für Ihre Leserschaft, die mit einem BWL-Abschluss in die Bankenbranche starten will, sehe ich gute Chance im Firmenkundengeschäft, weil man hier akademische Qualifikationen benötigt. Sie müssen Bilanzen lesen, unternehmerische Entscheidungen intellektuell nachvollziehen können und analytische Kompetenzen haben – all das haben Sie im Studium gelernt. Hier geht es auch um volkswirtschaftliche Fragen, das geht weit über das normale Banken-Know-how hinaus.

Hat das Investmentbanking beim Nachwuchs an Attraktivität verloren?
Nein. Wenn eine Investmentbank bei uns auf den Campus kommt und sich, ihre Services oder Job offers vorstellt, ist der Hörsaal bis auf den letzten Platz gefüllt. Für die karriereorientierten zukünftigen Banker ist das Investmentbanking weiterhin hoch attraktiv. Andererseits weiß auch jeder, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wir können momentan weniger Studenten im Investmentbanking ausbilden, weil der Markt zur Zeit zurückgeht. Nicht das Geschäft an sich ist rückläufig, aber die Zahl derjenigen, die in dem Bereich tätig sind.

Das Bankengeschäft von heute ist immer IT-basiert

Warum bleibt das Volumen gleich, aber die Beschäftigtenzahl geht zurück?
Wir befinden uns in einer Orientierungsphase. Das Investmentbanking entwickelt sich endlich wieder positiv. Es wird also wieder stärker eingestellt werden, aber im Moment ist man noch zurückhaltend. In Zukunft werden wir in Deutschland erstmals wieder relevante Börsengänge beobachten. Das M&A-Geschäft wird im Bankingbereich und in der Industrie zunehmen. Das Thema Investmentbanking erfährt wachsende Relevanz. Nach der Finanzkrise wurde zunächst alles auf hold gestellt oder zurückgefahren. Jetzt gibt es erste Indikatoren, dass sich das Investmentbanking erholt. Das wird sich auf den Bedarf an Mitarbeitern auswirken, aber wie immer mit einer zeitlichen Verzögerung.

Welche Bankenbereiche sind die spannendsten für IT-Wissenschaftler?
Das gesamte Prozessmanagement muss heutzutage IT basiert sein und das Datenmanagement im Sinne des Customer Relation Management optimiert werden. Auch die Technik zur Unterlegung der vom Regulierer vorgegebenen Daten, die entweder an den Regulierer, die EZB oder die Bundesbank gegeben werden, muss datentechnisch abgebildet werden. Es gibt heute kein Bankgeschäft mehr, das nicht IT-basiert ist. Die IT ist quasi das Rückgrat des gesamten Bankenwesens. Früher hätte man das über das Know-how oder die Qualität des Beraters gesagt, aber heutzutage kann eine Bank nicht existieren, wenn sie keine vernünftige IT hat.

Innovativer Ansatz der Deutschen Bank, Querdenker einzustellen

Gibt es weitere Bereiche, auf die ich als Absolvent achten sollte?
Ganz wichtig für Bewerber ist der Headquarter-Bereich. Das ganze Aufgabengebiet rund um Risikomanagement und Controlling, da stehen die Türen weit offen!

Gutes Risikomanagement ist gerade nach der Finanzkrise ein wichtiges Thema geworden. Welche Fähigkeiten sollten Bewerber in welchem Bereich mitbringen?
Risikomanager fehlen im Moment überall. BWL-Erfahrung, mathematische und analytische Fähigkeiten – das alles wird verlangt und kann hier gezeigt werden. Natürlich werden Sie nicht direkt nach dem Einstieg in die komplexesten Fragen oder Eigenkapitalberechnungen eingebunden. Erst mal müssen Sie in den Bereich reinkommen. Hierfür gibt es innovative Konzepte, zum Beispiel von der Deutschen Bank, wo auch Leute mit einem sehr kreativen, vielleicht überhaupt nicht mathematisch geprägten Hintergrund eingestellt werden. Hier sind Querdenker gefragt, die mit neuen Ansätzen das Risikomanagement der Zukunft gestalten. Beim Thema Compliance steht die Einhaltung der intern definierten und der externen Standards im Vordergrund. Und im Controlling geht es darum, dass die Geschäfte nicht aus dem Ruder laufen.

Welche zukünftigen Themen sehen Sie im Bankenmarkt auf uns zukommen?
Wie wird die Geschäftswelt bei abnehmender Zahl der Geschäftsstellen aussehen? Wie wird sich die Geschäftsstelle der Zukunft darstellen? Das sind große Themen auf der Vertriebsseite. In der kommenden Zeit sollte weniger von „den Banken“ oder „den Privatbanken“ gesprochen werden, statt dessen sollten wir über „Geschäftsmodelle“ reden. So wie jetzt alle ins Privatkundengeschäft drängen, wird dort bald ein massiver Wettbewerb herrschen. Irgendwann wird der eine oder andere aus diesem Wettbewerb ausscheiden. Es wird also sehr spannend werden, wie die einzelnen Geschäftsmodelle der Banken in der Zukunft aussehen werden und wie diese die jeweiligen Kernkompetenzen für sich definieren.

Das Gespräch mit Ingolf Jungmann führte Caspar Brandi.


© Frankfurt School of Finance & Management

Ingolf Jungmann ist Vizepräsident und Geschäftsführer der Frankfurt School of Finance & Management. Für sein Engagement in der Qualifizierung der strategischen Finanzplanung ist er 2009 vom Financial Planning Standards Board Deutschland e.V. (FPSB)  zum „Honorary Certified Financial Planner“ (HonCFP) ernannt worden.

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