Aufbruch nach Asien!

Nach dem Studium Deutschland verlassen

In eine neue Stadt ziehen, in der man niemanden kennt, kostet meistens schon Überwindung. Ist diese auch noch außerhalb Deutschlands, überlegt man lieber zweimal. Doch für Melissa Brandner ging ein Traum in Erfüllung: Ihr neuer Job sollte in Singapur sein. Welche Erfahrungen und Tipps zum Auswandern hat sie?

Eigentlich hatte ich nach meinem dualen Bachelor bei einem Messebauunternehmen schon für ein Jahr in Vollzeit an einer Universität am Bodensee als Eventmanagerin gearbeitet. Als es dort zu personellen Veränderungen kam und ich dort nicht mehr glücklich war, kündig­te ich. Jung und ungebunden, wie ich war, fing ich an, weltweit nach interessanten Stellen zu suchen. „Singapur? Da erwarte dir mal nicht zu viel…“, bekam ich häufig als Antwort in Gesprächen über meine Jobsuche zu hören. Das sei viel zu weit weg und warum sollte man dort jemanden einstellen, der noch am Be­ginn seines Arbeitslebens stehe?

Kurz nach Weihnachten bekam ich eine interessante E-Mail. Die Stelle, auf die ich mich in Singapur beworben hatte, war bereits vergeben. Allerdings sei mein Profil aufgefallen und ich wäre eventuell passend für eine andere, die erst kürzlich frei geworden und noch nicht einmal ausgeschrieben war. Falls ich Lust hätte, könnten wir einen Skype-Termin vereinbaren. Na­türlich wollte ich – ich freute mich sogar un­glaublich! Nach insgesamt zwei Video-Calls musste ich noch einige Wochen warten und je­der Tag kam mir wie eine Ewigkeit vor. Dann endlich kam die Zusage, ich hatte den Job! Allerdings sollte ich die neue Stelle bereits in zwei Wochen antreten.

Natürlich hatte ich mich vorher schon informiert, welche Schritte ich für einen Umzug unternehmen müsste, doch nun musste alles unglaublich schnell passieren. Ich begann, mich nach einem Visum zu erkundigen, was sich als Leichtigkeit entpuppte: Ich konnte zunächst über ein Touristenvisum einreisen und dann vor Ort das Arbeitsvisum bekommen, das mein Arbeitgeber schon beantragt hatte. Den Reisepass hatte ich bereits per Eilverfahren erneuern lassen und nun ging es um viele bürokratische Erledigungen: mit Versicherungen und meiner Bank telefonieren, eine Auslandsrechtsschutzversicherung abschließen, mich über Wohnsitzabmeldung und Steuerpflicht informieren und mein Auto verkaufen. Meinen Arbeitsvertrag mit sämtlichen Unterlagen sendete ich per Ex­presseinschreiben nach Singapur. Außerdem sortierte ich viele meiner Sachen aus, denn ich wollte nicht zu viel mitnehmen und hatte am Ende mein gesamtes Leben in einen kleinen und einen großen Koffer gepackt.

So flog ich dann also nach Singapur und hatte dort noch ein paar Tage, um anzukommen und mir die Stadt anzusehen. Von Anfang an – zumindest nachdem ich meinen Jetlag überwunden hatte – verliebte ich mich in diese Stadt, die sich am besten als riesiger Garten beschreiben lässt, da Singapur so unvorstellbar grün ist! Außerdem gibt es viele Gegensätze: Zum Beispiel die riesigen Wolkenkratzer direkt neben den traditionellen „Food Hawkern“, einer Ansammlung von kleinen Garküchen rund um Tischgruppen, wo sowohl der Geschäftsmann als auch der Taxifahrer zum Mittagessen zusammenkommen.

Die Wohnungssuche war, wider Erwarten, extrem leicht und schon am zweiten Tag hatte ich ein WG-Zimmer sicher. Die Nächte bis zum Einzug habe ich im Gemeinschaftsschlafraum eines Hostels überbrückt.

Meine neue Arbeit hat mir von Anfang an sehr gut gefallen, ich arbeite in einem multikulturellen Team mit einigen Deutschen und mir gefällt die Vielfältigkeit meines neuen Jobs bei der Auslandshandelskammer. Dort treffe ich ständig neue, interessante Leute mit den verschiedensten beruflichen, sozialen und kulturellen Hintergründen und habe spannende, abwechslungsreiche Aufgaben. Mit den „Singapuris“ verstehe ich mich sehr gut, die meisten sind sehr umgängliche, aufmerksame und hilfsbereite Menschen. Da Singapur ein wahrer Schmelztiegel verschiedenster Volksgruppen ist, gibt es viele Bräuche zu entdecken und tolle Menschen und Kulturen kennenzulernen: Chinesen, Inder, Malaien, Vietnamesen, Taiwanesen und viele mehr.


Melissa Top 5-Tipps

  • Sei mutig und mach es einfach, denke nicht zu viel nach. Erkunde deine neue Heimat beispielsweise am Anfang ohne Internetpaket auf dem Handy, laufe einfach darauf los und verlier dich in der Stadt. Auf diese Weise findest du die tollsten Orte!
  • Wage das Neue und Unbekannte! Probiere unbekanntes, lokales Essen und gehe Reisen (vor allem auch alleine)! Das sind beides super Einstiegsthemen für Gespräche.
  • Suche dir Leute, denen du dich voll an­vertrauen kannst. Es werden Situationen kommen, in denen du nicht weiter weißt und du dich alleine fühlst.
  • Suche Kontakt zu den Einheimischen und verstecke dich nicht in der Expat-Community, denn die Locals können dir die besten Tipps und Einblicke in ihre Kultur geben!
  • Informiere dich vorab über das Sozial- und Gesundheitssystem und treffe Vorkehrungen, das kann einem sonst einen ganz schönen Strich durch die Rechnung machen!

Neue Leute kennenzulernen war entgegen meiner Erwartungen sehr einfach. Von Anfang an bin ich in die New Creation Church gegangen, die größte Freikirche Singapurs mit knapp 33.000 Besuchern jeden Sonntag. Dort fand ich über die Junge-Erwachsenen-Gruppe schnell Anschluss. Zusätzlich habe ich einen neuen Sport begonnen: israelisches Krav Maga­­­­­. Dort war ich anfangs die einzige Ausländerin, bis noch ein Brite dazukam. Zudem ler­ne ich in meinem Job sehr viele Leute kennen und habe auch in meinen Kollegen neue Freunde finden können. In einer WG ist man außerdem nie alleine!

Was mir den Start hier besonders leicht gemacht hat, ist das exzellente Mobilnetz. Ich habe jederzeit eine gute Online-Verbindung und kann per Whats­app fast kostenlos telefonieren, nur an die Zeitverschiebung nach Deutschland musste ich mich gewöhnen. Mit meiner Mama habe ich anfangs jeden Tag telefoniert, vor allem weil ich auch so viel zu erzählen hatte. Ich bin sehr dankbar dafür, dass es heute die technischen Voraussetzungen gib, so einfach Kontakt zu halten. Nur mit meiner etwas schwerhörigen Omi ist es ein bisschen schwieriger, aber auch das schaffen wir bisher ganz gut und sie liest jeden meiner Blogeinträge. Vor Kurzem haben mich meine Eltern und mein Bruder nun in Singapur besucht und sie waren ganz begeistert. Ich selbst werde an Weihnachten wieder für zwei Wochen nach Deutschland zurückfliegen. Glühweintrinken bei 30 Grad und fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit kann ich mir dann doch nicht so richtig vorstellen!

Singapur ist eine unglaubliche Stadt. Es kommt einem fast vor, als würde man bereits in der Zukunft leben, denn die Digitalisierung ist hier viel fortgeschrittener als in Deutschland. So gibt es hier bereits in den Straßenverkehr eingebundene Teststrecken für autonom fahrende Busse und die ersten Paket-Drohnen starten auch demnächst. Die Steuererklärung kann man hier übrigens per App in zirka 5 Minuten erledigen, ein Unternehmen ist in 3 bis 5 Tagen ge­gründet und startklar.

Singapur ist eine der sichersten Städte der Welt, vor allem wegen der flächendeckenden Videoüberwachung und den ziemlich empfindlichen Strafen. Das macht es vor allem für eine junge Frau sehr angenehm, da ich abends ohne jegliche Bedenken alleine herumlaufen kann. Das gibt auch meiner Familie zuhause ein gutes Gefühl. Singapur ist im weltweiten Ranking allerdings auch die teuerste Stadt der Welt. Das merkt man allerdings hauptsächlich bei der Miete und Luxusprodukten (Autos, richtige Restaurants, Alkohol und Zigaretten). Für mein WG-Zimmer bezahle ich so viel wie früher für meine komplette Wohnung, jedoch wohne ich in einem Condominium, also einer Wohnanlage, die einem Hotel ähnelt mit Pool und Fitnessstudio. Dafür sind fast alle lebensnotwenigen Produkte erschwinglich oder sogar günstig, denn ein vollwertiges Essen bekommt man für gerade mal 2 Euro.

Mein Alltag sieht so aus, dass ich in einem ähnlichen Outfit wie im Frühjahr in Deutschland ins Büro gehe, da hier alles stark klimatisiert wird. Morgens nehme ich den Bus, was zirka 10 Minuten dauert. Zur Mittagszeit gehe ich mit meinen Kollegen in der einstündigen Pause in einen „Foud Court“ (klimatisiertes Hawker-Center) essen. Nach dem Abendessen gehe ich entweder in einer der Malls einkaufen oder zum Sport, ganz normal eben, denn auch hier gibt es Routine. Am Wochenende gehe ich dann häufig morgens auf einem der traditionellen Märkte (Wet Markets) einkaufen, dort gibt es von frischem Fisch und Fleisch, über Gemüse und Durian (die berühmte Stinkfrucht) alles, was das Herz begehrt. Für das neue Jahr habe ich mir vor allem vorgenommen, an den Wo­chen­enden viel zu reisen. Dafür bietet sich Singapur im Herzen Südostasiens wirklich an. Bisher war ich mehrfach in Indonesien und Malaysia, aber vor allem Thailand, Vietnam, Japan, Myanmar und Laos stehen ganz oben auf meiner Liste. Das ist alles in 2 bis 3 Stunden Flugzeit erreichbar. Häufig werde ich gefragt, wie lange ich plane, in Singapur zu bleiben. Das weiß ich allerdings noch nicht – ich denke, ich lasse mich vom Leben überraschen, das hat schließlich bisher wunderbar funktioniert.

Wer mehr über meinen Auswanderungsprozess und mein Leben in Singapur erfahren möchte, kann gerne meinen Blog „New Things First – Becoming an Xpat in Singapore“ unter newthingsfirst.wordpress.com besuchen.

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