Der Mix aus Praxis und Theorie

Wer in die Logistikbranche einsteigen will, sollte sich schon im Studium um eine ausgewogenen Anteil zwischen praktischem und theoretischem Wissen bemühen. Denn wer sich schon ein wenig in der Branche auskennt, kann leichter Fuß fassen. Tipps zur Branche und zum Berufseinstieg geben Prof. Dr. Ellen RoemerDr. Sonja Schade sowie Prof. Dr.-Ing. Richard Grässler von der Hochschule Ruhr West.

Welchen Herausforderungen muss sich die Logistik-Branche in den kommenden Jahren stellen?
Die Logistik wird in naher Zukunft noch wesentlich stärker durch die Digitalisierung beeinflusst werden, als dieses bisher der Fall gewesen ist. Beispielsweise die Citylogistik und dabei speziell die Aufgaben der Paket-Dienstleister werden sich zum einen aufgrund des steigenden E-Commerce und zum anderen aufgrund zunehmender Nachhaltigkeitsanforderungen neu strukturieren müssen. Dabei wird es sowohl um die strategische Neugestaltung der Zulieferung als auch um die operative Nutzung von autonomen Transportsystemen und Depotkonzepten gehen.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung und wie bereitet man sich als WiWi-Studierender mit Branchenziel Logistik auf deren Auswirkungen am besten vor?
Die Digitalisierung wird zentrale Bedeutung in der Weiterentwicklung der Logistik haben, wie insbesondere auch die aktuelle Corona-Krise gezeigt hat. Stabile und kontaktlose (und damit i.d.R. digitale) Informationsflüsse sind notwendig, um Produktions- und Logistikabläufe gestalten zu können. Studierende sollten sich deshalb bereits im Studium auf diese Trends vorbereiten, durch Module im Studium, die sich auf digitale Anwendungen beziehen oder auch durch Praktika oder Abschlussarbeiten zum Thema Logistik 4.0.

Was macht den besonderen Reiz in der Logistik aus und welche Geschäftsfelder empfinden Sie persönlich als besonders spannend?
Der besondere Reiz liegt sicherlich in der Vielseitigkeit und in dem hohen Anwendungsbezug der Logistik. Viele neue Technologien bringen neue Chancen und Geschäftsfelder mit sich, sodass gerade durch den Einsatz von Augmented/Virtual Reality bzw. Robotik gravierende Änderungen in den operativen Prozessen zu erwarten sind. Auch hier zeigt die Corona-Krise, dass schnelles Handeln und die Anpassung an sich ständig ändernde Voraussetzungen zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden können.

Wie bereiten Sie Studierende darauf vor, nach dem Abschluss des Studiums direkt auch in der Praxis bestehen zu können?
Als Hochschule sind unsere Veranstaltungen immer sehr nah an der Praxis. Zu allen theoretischen Inhalten werden Fallbeispiele aus der Praxis bearbeitet. Neben der theoretischen Ausbildung finden Exkursionen zu Praxispartnern statt oder Praxispartner kommen in die Veranstaltungen (persönlich oder virtuell per Videokonferenz), um aus ihren Unternehmen zu berichten und verschiedene Themen mit den Studierenden zu diskutieren. Im Studienverlaufsplan ist darüber hinaus eine Praxisphase von fünf Monaten vorgesehen, in der die Studierenden ihr erworbenes Wissen anwenden können. Es gibt ebenfalls einen dualen Studiengang, bei dem die Studierenden neben dem Studium in einem Unternehmen berufsbegleitend arbeiten. Hier ist die Verzahnung zwischen dem Studium und der Tätigkeit im Unternehmen sehr wichtig, die wir gerade versuchen über Qualitätsstandards zu optimieren.

Welche Themen und Projekte werden derzeit an Ihrem Lehrstuhl fokussiert?
Derzeit arbeiten wir sehr intensiv an der Digitalisierung des Studienganges (nicht erst seit Corona). Wir haben Drittmittel eingeworben, um den gesamten Studiengang in Bezug auf die Lehr-/Lerninhalte und in Bezug auf die Lehr-/Lernformate zu digitalisieren. Beispielsweise wollen wir ein VR/AR Lab aufbauen, in dem verschiedene Lager- und Kommissionier-Techniken erprobt werden können. Dies soll den Studierenden ermöglichen, die Tätigkeiten und Techniken in der operativen Logistik unter realistischen Bedingungen erleben zu können (erlebtes Lernen).

Wie unterscheiden sich die Logistikunternehmen und wie finde ich den passenden Arbeitgeber innerhalb der Logistikbranche?
Zunächst einmal müssen Absolventen sich die Frage stellen, ob sie bei einem spezialisierten Logistikunternehmen oder in der Logistik-Abteilung eines Produktions-/Handelsunternehmens tätig werden möchten. Daran orientieren sich die Aufgaben und Bedingungen im späteren Job in erster Linie. Gerade in der aktuell wirtschaftlich schwierigen Phase bieten sich die größten Potenziale sicherlich in der Logistik im Bereich E-Commerce. Allein Amazon baut sein Unternehmensnetz derzeit massiv aus, sodass entgegen der geltenden Kurzarbeiterregelungen im Großteil der deutschen Wirtschaft hier aktuell vermehrt eingestellt werden wird.

Worauf achten Arbeitgeber der Logistikbranche Ihrer Erfahrung nach am meisten, wenn Sie Kandidaten beurteilen?
Am liebsten sind den Unternehmen die Bewerber, die mit frischem Wind direkt von der Hochschule kommen und dabei mindestens 10 Jahre einschlägige Berufserfahrung mitbringen. Wer das nicht 😉 leisten kann, sollte darauf achten, zumindest Praktika in der Logistik vorweisen zu können und mit einem möglichst aktuellen Thema in der Bachelorarbeit das Interesse der Personaler zu wecken. Eine strukturierte und fehlerfreie Bewerbung ist dabei der wichtigste Baustein zum guten „ersten Eindruck“…

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