Karriere bei Wirtschaftsprüfern – Big Four oder Mittelstand?

Big Four oder Mittelstand, high potential wirtschaftsprüfer

Die Qual der Wahl – Big Four oder Mittelstand?

„Exzellente Ausbildung für Berufseinsteiger”

Die Wirtschaftsprüfungsunternehmen bieten Absolventen sowohl in der Beratung als auch in der Prüfung Perspektiven. Wer wo besser aufgehoben ist, was die Big Four von den Mittelständlern unterscheidet und welche neuen Perspektiven mit der Digitalisierung verbunden sind, erklärt Chefredakteur Nicolai Haase.

Die üblichen Vorurteile bei Wirtschaftsprüfern in einem Satz: Langweilig, staubig, zeitintensiv, Häkchenmacher. Die Realität: Anspruchsvoll, abwechslungsreich, sehr gut bezahlt, krisensicher. Und damit definitiv ein Job für die Besten, denn das Wirtschaftsprüferexamen hat es in sich. Melanie Bartel ist diesen Weg gegangen und hat sich von einer der vier großen WP-Gesellschaften zur Steuerberaterin und Wirtschaftsprüferin ausbilden lassen. Heute arbeitet sie als Mitglied der Geschäftsführung in der mittelständischen Beratung ihres Vaters und bringt dabei als junge Mutter Beruf und Familie unter einen Hut. Mit dem Berufseinstieg war sie sich damals nicht sicher, ob sie den richtigen Schritt getan hatte: Die ersten Wochen waren sehr hart. Ich hatte einen menschlich sehr schwierigen Chef, der glücklicherweise nach einigen Monaten die Abteilung wechselte.”

Auch wenn sie die Ausbildung zur Steuer­beraterin und zur Wirtschaftsprüferin als „vom Lernaufwand sehr anspruchsvoll“ sieht, ist sie heute aus zwei Gründen froh, diesen Weg gegangen zu sein: „Zum einen fühle ich mich unheimlich fundiert ausgebildet. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge sind mir um ein vielfaches klarer als noch im Studium, das oft nur an der Oberfläche kratzte.“ Gleichzeitig schätzt die Mutter eine dreijährigen Sohnes die Möglichkeiten, in Teilzeit zu arbeiten: „Gerade für Frauen ist der Beruf meines Erachtens sehr interessant. Während sich Beratungsprojekte nur selten in Teilzeit bewerkstelligen lassen, ist das bei Prüfungsmandaten anders. Dort betreue ich derzeit mehrere kleiner Mandate und kann diese auch zeitlich sehr flexibel betreuen.” Für sie steht fest, dass es keine bessere Ausbildung für Berufseinsteiger mit wirtschaftswissenschaftlichem Background gibt: „Die wirklich fundierten Kenntnisse geben mir enorme Sicherheit in der täglichen Praxis.”

Einen Wirtschaftsprüfer mit einem Arzt zu vergleichen ist aus mehreren Gründen nicht ganz verkehrt: Der Wirtschaftsprüfer hat eine fast genauso lange Berufsausbildung wie ein Arzt und erfährt in Unternehmen eine ähnlich hohe Wertschätzung – nur eben als anerkannter Experte in den Themengebieten Steuern und Bilanzen. Dazu kommt die Tatsache, dass Unternehmen mit entsprechender Rechtsform und Umsatzhöhe verpflichtet sind, ihre Bilanzen testieren zu lassen, also quasi zu einem behördlich angeordneten Gesundheitscheck geschickt werden. Das trifft auch auf Unternehmen bestimmter Wirtschaftszweige wie Banken, Versicherungen und die öffentliche Hand zu.

Die Funktion des Wirtschaftsprüfers besteht bei Unternehmen unter anderem darin, festzustellen, ob das Unternehmen finanziell und rechtlich die nötige Fitness hat, um weiter am Wirtschaftsleben teilzunehmen. Der Staat hat das Erstellen von Testaten seit 1961 an den Berufsstand der Wirtschaftsprüfer und vereidigten Buchprüfer delegiert.

Aufgaben von Wirtschaftsprüfern

Das Aufgabenspektrum von Wirtschaftsprüfern ist viel breiter als es die Berufsbezeichnung vermuten lässt. Sicherlich ist die Prüfung von Jahres- und Konzernabschlüssen ein Schwerpunkt der Tätigkeit. Es werden aber genauso die Kreditwürdigkeit, die Wirtschaftlichkeit und auch die Kontroll- und IT-Systeme von Unternehmen geprüft. Aufgrund der zunehmenden Digitalisierung der Wirtschaft müssen sich Wirtschaftsprüfer in den unterschiedlichen IT-Systemen ihrer Mandanten immer besser auskennen, denn er prüft ja letztlich auch die Zahlen, die die jeweilige IT des Kunden bereitstellt (mehr zur Digitalisierung in der Wirtschaftsprüfung erfahren Sie im nächsten Artikel). Wirtschaftsprüfer müssen außerdem die Unternehmen als Ganzes verstehen, um diese auch beurteilen zu können.

Diese Prüfprozesse finden meistens auf sehr hoher Verantwortungsebene beim Kunden statt, entsprechend viel Empathie und Fingerspitzengefühl sind beim Prüfer gefordert, denn dieser kann nahezu alle Zahlen eines Unternehmens einsehen. Den Prüfern wird sehr viel Vertrauen entgegengebracht und absolute Diskretion erwartet.

Aufgrund ihrer Kenntnisse werden Wirtschaftsprüfer aber auch häufig als Berater angefordert, beispielsweise wenn es um Due Diligence, also Unternehmensbewertungen geht. Diese kann dann benötigt werden, wenn ein Unternehmen ein anderes kaufen möchte.

Genauso können Wirtschaftsprüfer aber auch in Steuerrechtsfragen, bei Finanzierungen, bei Un­ternehmensnachfolgen oder bei Auslandsexpansionen zu Rate gezogen werden, um nur einige weitere Beispiele zu nennen.

Die Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer

Die Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer ist anspruchsvoll und das ist wahrscheinlich noch untertrieben. Das Wirtschaftsprüferexamen gehört zu den schwersten deutschen Berufsexamina überhaupt. Das liegt nicht zuletzt an der Menge von Lernstoff, den die Prüflinge bewältigen müssen. Das Institut der Wirtschaftsprüfer ist derzeit selber in Planungen, wie man diese Komplexität beherrschbarer machen kann. Die gute Nachricht für alle Interessierten: Es führen viele Straßen nach Rom, also zur Prüfung. Ganz kurz zusammengefasst gibt es vier unterschiedliche Wege. Unabdingbar für den akademischen Pfad ist ein Bachelorstudium, am besten in Wirtschaftswissenschaften, aber auch Wirtschaftsinformatiker, oder -mathematiker oder Informatiker sind sehr gefragt. Nach dem Studium steigt man in der Wirtschaftsprüfung ein, assistiert und kann nach zwei Jahren Berufspraxis, in der man überwiegend an Abschlussprüfungen mitgearbeitet hat, das Wirtschaftsprüferexamen machen. Das ist der härteste der vier Wege, denn man macht alle Prüfungen auf einmal. Dabei gibt es vier Prüfungsgebiete: Wirtschaftliches Prüfungswesen, Un­ternehmensbewertung und Berufsrecht Angewandte Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre Wirtschaftsrecht Steuerrecht

Alternative Wege zum Wirtschaftsprüferexamen

Der zweite klassische Weg ist nach dem Masterstudium und zwei Jahren Berufseinstieg oder dem Bachelorstudium und drei Jahren Berufserfahrung erst einmal die Steuerberaterprüfung zu machen und nach einem weiteren Jahr im Beruf den Wirtschaftsprüfer. Vorteil: Die Prüfung in Steuerrecht entfällt.

Die dritte Möglichkeit ist nach dem Bachelorstudium einen berufsbegleitenden „Master in Wirtschaftsprüfung“ zu machen, den manche Hochschulen anbieten. Vorteil: Die Studienleistungen aus  den Fächern Angewandte Betriebswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre  und Wirtschaftsrecht werden angerechnet. Dadurch ist man direkt nach seinem Masterabschluss zum Wirtschaftsprüferexamen zugelassen.

Der vierte Weg beginnt schon im Bachelorstudium. Einige Hochschulen bieten einen Bachelor an, der die gerade ge­nannten Fächer schon im Studium vermittelt. Nur wenige Hochschulen bieten derzeit beide Fächer an.

Wer also die Komplexität des Prüferexamens minimieren möchte, hat damit mehrere Möglichkeiten, man sollte diese nur frühzeitig kennen. Das Institut der Wirtschaftsprüfer hat übrigens gerade die Initiative „Expedition Wirtschaft“ gestartet, die Studierenden der ersten Semes­tern einen möglichst frühen Einblick in das Berufsbild der Wirtschaftsprüfer geben möchte und Teilnehmern anbietet, einen Tag lang mit einem Wirtschaftsprüfer zusammenzuarbeiten.

Erste Erfahrungen bei Wirtschaftsprüfern sammeln

Wer sich für diesen Berufszweig und die spezialisierten Studiengänge interessiert ist außerdem nicht schlecht beraten, ein längeres Praktikum bei einem Wirtschaftsprüfer zu absolvieren. Und wer im Verlaufe eines solchen Praktikums feststellt, dass der Beruf doch nicht das Richtige für einen ist, sollte unbedingt eine Zeitlang in den Unternehmensberatungsteil der Wirtschaftsprüfer wechseln.

Viele Studierende wissen gar nicht, dass sowohl die Big Four (PWC, Deloitte, Ernst & Young und KPMG) aber auch mittelständische Wirtschaftsprüfer wie RSM, Ebner Stolz und Partner, dhpg, Baker Tilly, Dornbach, Mazars und etliche andere neben den Wirtschaftsprüferabteilungen mittlerweile auch teilweise sehr große Beratungseinheiten aufgebaut haben. Diese machen klassische Unternehmensberatung, Transformations- und Digitalisierungsprojekte, beraten Banken, Versicherungen, mittelständische Unternehmen, Konzerne. Viele Praktikanten haben so einen nicht weniger spannenden und ebenfalls gut bezahlten Berufseinstieg gefunden.

Big Four oder Mittelstand?

Ob man übrigens in einem der großen Prüfungskonzerne der Big Four seinen Berufseinstieg sucht oder in einer mittelständischen oder kleinen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ist eine Geschmacksfrage. Am besten findet man über entsprechende Praktika heraus, welches der beiden Modelle einem mehr zusagt. Für die Big Four spricht die Möglichkeit wirklich große Mandate übernehmen und sehr große, internationale Konzerne beraten zu können. Unternehmen aus dem DAX 30 und dem MDAX werden sehr häufig von den großen Prüfungskonzernen betreut. Es kann einem aber passieren, dass man sich aufgrund der großen Mandate unter Umständen schneller auf bestimmte Themenbereiche aus dem Prüfungsalltag spezialisiert, was durchaus interessant und anspruchsvoll ist. Für mittelständische und kleine Prüfungsgesellschaften spricht ein überschaubarer Mitarbeiterkreis, unter Umständen schnellere Verantwortung für einzelne Mandanten und auch ein nicht minder interessanter Kundenkreis, der aus großen aber auch vielen mittelständischen und kleinen Unternehmen besteht.

Bei den Big Four kann die Arbeit teilweise sehr international sein. Dabei muss man sich nicht nur mit deutschen sondern auch internationalen Prüfungsrichtlinien auskennen. Dafür ist aber mit mehr Reisetätigkeiten zu rechnen, weil häufig beim Mandanten vor Ort geprüft wird. Das kann auch bedeuten, vier Tage in der Woche über Wochen hinweg in einer anderen Stadt zu wohnen. In kleineren Prüfungsgesellschaften ist das Einzugsgebiet der Klienten meist kleiner und man ist abends häufiger bei seiner Familie zu Hause. Dafür sind die Verdienstmöglichkeiten als Partner in einer der vier großen Prüfungskonzerne besser, wobei man an dieser Stelle festhalten muss, dass man sowohl in kleinen als auch in großen Prüfungsunternehmen sehr gut bezahlt wird. Wirtschaftsprüfer verdienen als Partner oft im unteren sechsstelligen Bereich. Es ist übrigens nicht unüblich, dass Wirtschaftsprüfer aus den großen Beratungsgesellschaften in kleinere Gesellschaften wechseln, umgekehrt ist das seltener der Fall. Im Falle der kleineren Mandate agieren die Prüfer sehr häufig mit der Unternehmensspitze und den Unternehmensinhabern, die auch zu Steuererklärungen und Unternehmensnachfolgen beraten werden. Bei den richtig großen Mandaten der Big Four kann das ebenso der Fall sein, oft sind aber die Leiter der Abteilungen für Rechnungswesen die ersten Ansprechpartner.

Aber egal ob große Wirtschaftsprüfung, mittelständische oder kleine – alle haben eine Gemeinsamkeit: Man berät häufig Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen und kann im Laufe des Berufslebens eine beachtliche Branchenexpertise aufbauen. All diese Tatsachen zusammen machen den oft unterschätzten Beruf spannend, abwechslungsreich und an­spruchsvoll.


Fakten auf einen Blick

Das WP-Examen
Das Wirtschaftsprüferexamen ist ein Staatsexamen und wirklich anspruchsvoll. Laut Institut der Wirtschaftsprüfer (IDW) bestehen 50 bis 60 Prozent die Prüfung im ersten Anlauf. Gut 20 Prozent können nicht bestandene Prüfungsteile in einer Ergänzungsprüfung wiederholen, die dann von 90 Prozent der Teilnehmer bestanden wird.

Kosten der Prüfung
Die Arbeitgeber unterstützen ihre Mitarbeiter bei der Absolvierung der Berufsexamina (Steuerberater- und WP-Examen) sowohl finanziell (durch Übernahme der Prüfungsgebühren, Beteiligung an den Kosten des Repetitoriums und den Studiengebühren) als auch im Rahmen entsprechender Arbeitszeitmodelle, die eine angemessene Freistellung für die Prüfungsvorbereitung vorsehen.

Der erste Kontakt in die Branche
Das IDW hat ein Angebot entwickelt, wie man sehr schnell und kurz in die Branche reinschnuppern kann. Studenten des ersten bis dritten Semesters können sich ab sofort auf der Seite www.epedition-wirtschaft.de regis­trieren und Tagespraktika in der Wirtschaftsprüfung vermittelt bekommen. Die im IDW organisierten Wirtschaftsprüfungspraxen sind dabei die Gastgeber und Mentoren – deutschlandweit. Ältere Semester können auf der gleichen Seite längere Praktika vermittelt bekommen.

Die Berufsperspektiven
Die Berufsperspektiven für junge, qualifizierte und motivierte Absolventen sind sehr günstig: Etwa ein Drittel der Wirtschaftsprüfer ist derzeit älter als 55 Jahre, nicht wenige scheiden in absehbarer Zeit aus dem Berufsleben aus. Dementsprechend nachgefragt ist der Nachwuchs sowohl bei großen, mittelständischen und kleinen Wirtschaftsprüferpraxen aber auch in der Industrie, Banken und Versicherungen.

Die Verdienstmöglichkeiten
Berufseinsteiger verdienen nach dem Studium und vor dem Wirtschaftsprüferexamen zwischen 37.000 und 45.000 Euro. Als Faustregel gilt, dass sich das Einstiegsgehalt binnen sechs Jahren verdoppelt. Danach kann sich das Gehalt noch deutlich steigern, wenn man beispielsweise Umsatz- und Mitarbeiterverantwortung als Manager oder Partner übernimmt.

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