Weniger Arbeiten – geht das bei einem demografisch bedingten, abnehmenden Arbeitskräfteangebot?

Prognosen zeigen, wie viele Arbeitskräfte im kommenden Jahrzehnt dem Arbeitsmarkt weniger zur Verfügung stehen. Wenn die gleiche Arbeit von weniger Menschen erledigt werden muss, dann müssten diese eigentlich mehr arbeiten als heute. Das kollidiert mit dem Wunsch nach weniger Arbeitszeit. Ein Gespräch mit Dr. Johann Fuchs, der als Wissenschaftler im Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit tätig ist.

Die Arbeitsmarktprognosen gehen davon aus, dass durch die zunehmende Verrentung geburtenstarker Jahrgänge und einer im Verhältnis dazu deutlich geringeren Anzahl an Berufseinsteigern die Anzahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte bis 2030 um bis zu 4 Millionen Arbeitskräfte sinken wird. Wie valide sind diese Annahmen (und welche Varianzen könnten entstehen)?

Soweit es ausschließlich die demografische Entwicklung betrifft sind die prognostizierten Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt bis 2035 nahezu 100% sicher, denn schon heute leben bereits sämtliche Personen, die 2035 potenziell als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen. Da die Sterblichkeit im arbeitsmarktrelevanten Altersintervall keine Rolle spielt, wissen wir bereits jetzt, wie viele Menschen, die derzeit in Deutschland leben, zum Erwerbspersonenpotenzial im Jahr 2035 zählen, wenn … ja, wenn es nicht zwei weitere Einflussfaktoren gäbe.

Eine gewisse Rolle spielt wie sich die Erwerbsbeteiligung in Zukunft entwickelt. Nicht alle Menschen arbeiten beziehungsweise können oder wollen arbeiten. Allerdings ist der Anteil derer, die als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, in Deutschland hoch und wird aller Voraussicht sogar noch steigen. So sind fast 90% aller Frauen deutscher Nationalität im mittleren Alter bereits heute Teil des Erwerbspersonenpotenzials; Tendenz weiter steigend.

Reserven gäbe es noch bei den Ausländerinnen, die weniger häufig als die Deutschen zum Erwerbspersonenpotenzial zählen. Diese potentiellen Reserven sind allerdings zahlenmäßig recht begrenzt, weil die Ausgangszahl der Ausländerinnen sehr viel kleiner als die der deutschen Frauen ist.

Bei den Älteren spielt natürlich das gesetzliche Rentenalter eine große Rolle. Inzwischen zählen fast 70% der 60- bis 64-Jährigen zum Erwerbspersonenpotenzial; Tendenz ebenfalls steigend; Stichwort „Rente mit 67“. Insofern sind die inländischen personellen Reserven zu einem erheblichen Teil ausgeschöpft.

Oft werden auch längere Arbeitszeiten als Kompensation genannt, das heißt weniger Erwerbspersonen müssten mehr arbeiten: siehe unten zur Arbeitszeit.

Der andere, leider sehr schwer prognostizierbare Einflussfaktor ist die (Netto-)Zuwanderung. Für ein konstantes Erwerbspersonenpotenzial wäre eine jährliche Nettozuwanderung von 400.000 Personen (Achtung: das sind nicht alles Arbeitskräfte!) erforderlich. Auf der Basis unserer Prognosemodelle folgern wir jedoch die Möglichkeit eines starken Rückgangs der Nettozuwanderung; realistischer dürfte ein jährlicher Wanderungssaldo von 200.000 bis 300.000 Personen sein.

Zusammenfassung: Ein Rückgang in der genannten Größenordnung von 4 Millionen bis 2030 ist möglich, aber alles in allem eher wenig wahrscheinlich. Berücksichtigt man nämlich die steigenden Erwerbsquoten plus eine Nettozuwanderung von 200.000 bis 300.000 Migranten pro Jahr, dann dürfte ein Rückgang von 1 bis 2 Millionen Arbeitskräften von 2018 bis 2030 ein einigermaßen realistisches Szenario darstellen. Die Betonung liegt auf der Netto-Zuwanderung von 200.000 bis 300.000. Zu beachten ist, dass die demografischen Tendenzen 2030 nicht aufhören zu wirken: Bis 2035 ist ein Rückgang um 2 bis 3 Millionen Arbeitskräften (2018 bis 2035) unter den genannten Bedingungen durchaus wahrscheinlich.

Eine der Schlussfolgerung aus den Prognosen ist, dass sich der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren noch stärker zu einem Arbeitnehmermarkt entwickelt. Wenn gerade in den Mangeldisziplinen die Arbeitnehmer diktieren können, was sie von einem Arbeitgeber erwarten, könnte eine Folge sein, dass die Arbeitszeiten zugunsten einer als angenehmer empfundenen Work-Life-Balance sinken. Ist dies vorstellbar?

Tatsache ist, dass die Arbeitslosigkeit von gut und sehr gut qualifizierten Personen schon nahe an der Vollbeschäftigungsmarke ist. Die Arbeitslosenquote von Hochschulabsolventen liegt bei 2%, die von beruflich Qualifizierten bei 3,4%. Da kann ein Arbeitnehmer sicher seine Wünsche in vielen Fällen leichter durchsetzen. Neben der reinen Wochen- bzw. Jahresarbeitszeit ist vor allem auch an eine weitere Flexibilisierung zu denken, einschließlich Home-Office etc.

Ob es volkswirtschaftlich zu sinkenden Arbeitszeiten kommen wird ist schwer zu sagen. Diskutiert wird häufig, inwieweit es möglich sei, weniger Arbeitskräfte (in Köpfen gerechnet!) durch eine längere Arbeitszeit (Jahresarbeitszeit in Stunden!) zu kompensieren und so das volkswirtschaftlich relevante Arbeitsvolumen (Arbeitskräfte mal Arbeitsstunden) zu stabilisieren,

Folgt man den Arbeitszeitwünschen der Beschäftigten, dann wollen zwar viele Teilzeitbeschäftigte ihre Arbeitszeit gerne ausweiten, aber eben nicht auf Vollzeit aufstocken. Umgekehrt möchten viele, vor allem Vollzeitbeschäftigte kürzertreten. Der Nettoeffekt aus Verlängerungs- und Reduktionswünschen ist quantitativ somit überschaubar. http://doku.iab.de/kurzber/2016/kb0816.pdf

Betrachtet man die statistisch gemessene Arbeitszeit fällt in den letzten Jahren noch kein Rückgang der pro-Kopf gerechneten Jahresarbeitszeit auf. Die Teilzeitquote, also der Anteil der Beschäftigten in Teilzeit an allen Beschäftigten, steigt zwar seit Jahren, aber die Zuwächse sind gering. Möglicherweise drückt sich hier aus, dass eine Reduktion der Arbeitszeit für die Unternehmen die weniger „beliebte“ Variante zur Bekämpfung von Mangelerscheinungen ist. Zugeständnisse könnte es eben bei der Flexibilisierung, eventuell auch bei monetären (Löhne) und nichtmonetären Gehaltskomponenten geben.

Auf der einen Seite sinkt das Arbeitskräfteangebot, auf der anderen Seite sollen KI und Automation für Effizienzgewinne sorgen. Wie sicher kann man davon ausgehen, welche Folgen die Digitalisierung für den Arbeitsmarkt hat?

KI und Automation kann man unter die Überschrift Produktivität subsummieren. Trotz gestiegener Produktivität ist die Zahl der Arbeitskräfte derzeit auf einem Rekordniveau und auch das in Stunden gemessene Arbeitsvolumen steigt seit Jahren. Eine aktuelle Studie geht davon aus, dass in Deutschland der Bedarf an Arbeitskräften bis 2035 um etwa 1% sinkt – ausgehend von 44,9 Mio. im Jahr 2018.

In einer 2019 publizierten Studie haben Johann Fuchs, Alexander Kubis (beide IAB) und Lutz Schneider (Hochschule Coburg) die demografisch geprägte Entwicklung des Erwerbspersonenpotenzials diesem u.a. durch die Produktivität geprägten Arbeitskräftebedarf der Wirtschaft für einen Zeitraum bis 2035 gegenübergestellt. Ohne Zuwanderung von rund 260.000 Personen pro Jahr würde demnach das Erwerbspersonenpotenzial in Deutschland nicht ausreichen, um alle vorhandenen Arbeitsplätze zu besetzen. (Hinweis: Die von Fuchs/Kubis/Schneider zugrunde gelegte Zahl an Erwerbstätigen entspricht in etwa der Zahl aus der aktuell am IAB erschienenen Studie.)

Share.