Die Zukunftsbranche Telemedizin verknüpft IT mit Business-Know-how

E-Health wird die Gesundheitsbranche in den kommenden Jahren revolutionieren

Nirgendwo verspricht die Digitalisierung größere Fortschritte als in der Medizin. Zu erkennen ist der Wandel im Health-Sektor aber bisher kaum. Die Ideen sind vorhanden, doch das allein wird nicht reichen, um die deutsche Medizin in die Zukunft zu führen. Jedoch kann die Verbindung von Wirtschaft und Informatik zu guten Ergebnissen führen.

Es ist schon verblüffend, dass die Digitalisierung im Gesundheits-Sektor in Deutschland nicht längst weiter vorangeschritten ist. Eigentlich verspricht der technologische Wandel in kaum einem Bereich größeres Potenzial als in der Medizin, nirgendwo scheinen zu den akuten Problemen besser digitale Lösungen zu passen. Schnellere Datenübertragungen und einfacherer Kundenkontakt sollen die Versorgung vereinfachen und die Ärzte entlasten, Telemedizin soll ländliche Gegenden bequem per Bildschirm mit Fachärzten versorgen und so dem Ärztemangel entgegenwirken. Dennoch ist in der Praxis noch wenig vom neuen Trend zu spüren. Braucht es einen Innovations-Aufbruch? Ein Blick auf die Landkarte der E-Health-Start-ups widerspricht: Deutschland fehlt es nicht an Erfindern, anders lassen sich die zahlreichen Projekte kaum erklären. Die Branche arbeitet an der Telemedizin, mHealth-Apps oder der Vernetzung von Facharzt und Krankenhaus. Den breiten Markt konnte bisher niemand erobern, doch das liegt weniger am Stadium der Entwicklung als an gesetzlichen und fi nan ziellen Hürden.

Mit der neuen Regelung wird die telemedizinische Erstbehandlung in Deutschland möglich

Das Fernbehandlungsgesetz behindert zum Beispiel die Telemedizin, eine wenig attraktive finanzielle Vergütung drosselt die Innovation in vielen Bereichen. Hier sind vor allem Politik und Ärztekammern gefordert: Auf dem Bundesärztekammertag 2018 in Erfurt von 08. bis 11. Mai wurde das Gesetz zwar gelockert, um der Telemedizin den Weg zum Massenmarkt zu eröffnen.

Doch Rezepte dürfen weiterhin nur vor Ort ausgestellt werden, die ausschließliche Fernbehandlung ist dadurch immer noch stark eingeschränkt. Eine weitere Öffnung, Investitionen und Förderprogramme werden in den nächsten Jahren bestimmen, wie die Digitalisierung der Gesundheitsbranche voranschreitet. Das Potenzial ist zweifellos immens: In einer Studie geht das Beratungsunternehmen PwC von Einsparungsmöglichkeiten bis zu 40 Milliarden Euro pro Jahr im gesamten Gesundheitssektor aus, das Telemedizin-Start-up DrEd hofft darauf, dass durch die Fernberatung bis zu einem Drittel aller Arztbesuche überflüssig werden.

Die Schwerpunkte des E-Health-Gesetzes von 2015

Die Start-ups bringen sich bereits in Position, müssen aber ebenfalls ihre Hausaufgaben machen. Digital verfügbare Patientendaten müssen mit höchsten Standards gesichert werden, auch die Technologien und vor allem ihre Finanzierungs-Modelle müssen neu durchdacht und konzipiert werden. Bisher problematisch für die Telemedizin: Ärzte dürfen Patienten aktuell überhaupt nur dann per Videogespräch beraten, wenn vorher schon eine persönliche Untersuchung stattgefunden hat. Mehr als reine Kontrolltermine dürfen faktisch nicht geführt werden, der Effekt ist für Arzt wie Patient marginal.

Und auch finanziell lohnt sich die Telemedizin bisher nicht: Pro Videosprechstunde erhalten Ärzte einen Förderzuschlag von 4,21 Euro, dieser gilt für maximal 50 Videosprechstunden pro Quartal. Diese 200 Euro sollen eigentlich die Kosten für die Anschaffung der nötigen Kommunikations- Software decken, in der Praxis ist der Zuschuss aber viel zu gering. Abzüglich der Anschaffungs- und Instandhaltungskosten verdienen Ärzte während der Videosprechstunden daher einfach zu wenig – und bieten telemedizinische Maßnahmen lieber gar nicht erst an.

Dies soll sich zukünftig ändern. Nachdem auf dem Ärztetag vom 8. bis 11. Mai 2018 das grundsätzliche Fernbehandlungsverbot für Erstbehandlungen gelockert wurde, werden bald mehr Behandlungsfälle über die Telemedizin abgehandelt werden können. Der Anwendungsrahmen wird dadurch breiter werden, nun müssen bessere finanzielle Anreize geschaffen werden.

Doch schon jetzt ist absehbar, dass die Telemedizin eher mittel- als langfristig durchstarten wird. In den USA wird mit einem Umsatz-Sprung von 80 Milliarden Dollar im Jahr 2017 auf 200 Milliarden Dollar im Jahr 2020 ein enormes Wachstum der Telemedizin prognostiziert, in Deutschland ist in den nächsten Jahren ebenfalls ein Aufschwung zu erwarten. Dadurch sind auch die deutschen Startups immer interessanter für Investoren und wetteifern um den Gesundheitsmarkt der nächsten Jahre. Ein für den Markt entscheidender Punkt: Ärztekammer und Gesundheitsminister Spahn betonen, dass die Kontrolle bei der Ärzteschaft bleiben soll und nicht durch Internetkonzerne übernommen werden darf. Von der Umsetzung dieser Aussage wird abhängen, wie stark sich internationale Konkurrenz, aber auch die deutschen Start-ups selbst, in Zukunft positionieren können.

Einer der Vorreiter ist TeleClinic. Das Münchener Start-up führt aktuell das bisher einzige Modell-Projekt „docdirekt“ zur Telemedizin in Deutschland durch. Möglich gemacht hat das die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg und die zugehörige Landesärztekammer, die als erste einen Testlauf für Telemedizin genehmigt haben. Aktuell arbeiten 200 Ärzte an dem Pilot-Projekt in Tuttlingen und Stuttgart mit, mehrere Krankenkassen übernehmen mittlerweile die Kosten der Behandlung. Doch die Konkurrenz schläft nicht: Weitere junge Unternehmen wie Patientus oder Fernarzt.com arbeiten ebenfalls an Lösungen für die Telemedizin, andere entwickeln sichere mobile Patientenakten oder Apps, die Körperfunktionen überwachen und eigenständige Therapieformen bereithalten.

Dass der Markt trotz der bisherigen Barrieren schon umkämpft ist, liegt auch am Ausland: Deutschland hinkt nicht nur insgesamt in der Digitalisierung hinterher, gerade bei der Telemedizin sind andere Länder um Jahre voraus. In Schweden oder der Schweiz ist die Telemedizin beispielsweise schon seit Jahren Standard. Mit „Kry“ soll in Baden-Württemberg bald ein Anbieter mit jahrelanger telemedizinischer Expertise aus Schweden und Spanien zum Einsatz kommen. Andere Wege geht DrEd, hier wird das Ferndiagnose-Verbot einfach umgangen, indem die Patienten an Ärzte aus dem Ausland vermittelt werden. Sobald sichdie Gesetze lockern, dürften aber auch diese Unternehmen zunehmend mit deutschen Ärzten zusammenarbeiten.

Mittelfristig dürfte die Konkurrenz noch deutlich anwachsen, da auch die Global Player das Potenzial der Telemedizin erkannt haben und investieren. So ist Google Ventures in den USA an Doctor on Demand beteiligt, während Microsoft Anteile an MDLive hält. Da diese auch den deutschen Markt ins Auge fassen könnten, sind Pioniere schon jetzt gefordert, wenn sie Technologien für den Massenmarkt mitentwickeln möchten.

Deutsche E-Health-Start-ups werden für Investoren immer interessanter

Die zentrale Frage des E-Health-Marktes wird die der Finanzierung sein. Ärzte und Krankenhäuser benötigen teure Infrastruktur, die sowohl zuverlässig als auch sicher und einfach zu bedienen ist. Ohne flächendeckende Verbreitung können die Einrichtungen nicht effektiv miteinander kommunizieren, deshalb müssen neue Produkte über offene Schnittstellen und gemeinsame Standards verfügen. Telemedizinische Behandlungen müssen ebenfalls besser gefördert werden, damit sich Ärzte die Entlastung nicht mit finanziellen Einbußen erkaufen müssen. Auch die Start-ups, insbesondere im Health- App-Markt, müssen neue Wege zur Monetisierung ihrer Angebote finden.

Denn hier nimmt der deutsche Markt eine Sonderstellung ein: Deutsche Kunden sind es nicht gewohnt, für medizinische Dienstleistungen zu zahlen, sondern erwarten, dass die Krankenkassen sämtliche Kosten übernehmen. In anderen Ländern ist es dagegen üblich, selbst für medizinische Dienste zu bezahlen, was die Finanzierung der Digital-Angebote vereinfacht. In Deutsch land könnte dagegen ein Wettlauf darum beginnen, welche Apps und Angebote von Krankenkassen zertifiziert und bezahlt werden. Telemedizinische Angebote wie DrEd er heben zwar aktuell Kosten für die Vermittlung von Sprechstunden mit englischen Ärzten, es bleibt jedoch abzuwarten, ob sich dieses Modell etablieren kann, wenn sich der deutsche Markt öffnet.

In den Krankenhäusern ist die Digitalisierung bereits einen Schritt weiter: Laut dem E-Health-Gesetz sollen bis Ende des Jahres flächendeckend alle Krankenhäuser mit einer Telematik-Infrastruktur ausgestattet sein, um schnell Informationen unter den Experten austauschen zu können. Zudem soll dann jeder Patient über eine elektronische Gesundheitskarte verfügen können. Da – mit können Mediziner im Ernstfall schneller auf wichtige Informationen wie Vorerkrankungen oder Unverträglichkeiten des Patienten zugreifen und diese in ihre Behandlungsmethode einfließen lassen. Dies ist aber nur der erste Schritt, in den nächsten Jahren werden  Investitionen in Milliardenhöhe nötig sein, um die Infrastruktur weiter auszubauen.

Damit soll beispielsweise die Teleradiologie zum Standard werden, mit der Radiologen direkt kontaktiert werden und ohne anwesend zu sein Diagnosen stellen. Vorreiter ist Deutschland bereits jetzt bei der Vernetzung von Krankenhäusern mit speziell auf Schlaganfälle spezialisierten Stroke-Units. Durch die Video-Konferenz-Systeme können die Spezialisten auch Krankenhäusern ohne eigene Schlaganfall-Einheit bei der Behandlung zu Seite stehen. Dadurch werden die Folgeschäden für Schlaganfall-Patienten in abgelegenen Gegenden deutlich reduziert.Wie schnell die deutsche Gesundheitsbranche den digitalen Wandel bewältigt, hängt maßgeblich vom Investitionswillen von Staat, Krankenhäusern und Krankenkassen ab. Mit einer schrittweise Öffnung wird es für die deutsche Start-up-Szene entscheidend sein, sich schon vor dem Markteintritt der internationalen Mitbewerber zu positionieren. Ebenso wichtig wie die Technologien werden dabei erfolgreiche Monetarisierungs-Strategien sein, einem Kerngebiet des Wirtschaftswissenschaftlers.

An dieser Stelle zeigt sich einmal wieder,welch breite Themenfelder zwischen Wirtschaft und Informationstechnologie auf Absolventen warten. Denn neben den Vermarktungsstrategien wird die Datensicherheit eine zentrale Fragestellung bleiben, die sogar noch dringlicher als in anderen Branchen für die Implementierung neuer Technologien und Anwendungen sein wird. Hier werden Politik und Entwickler das richtige Maß aus Öffnung der Gesundheitsbranche und kontrolliertem Fortschritt finden müssen, um gleichzeitig mit der Entwicklung Schritt zu halten und die hohen Qualitätsstandards beizubehalten.

Beispiel eines Start-ups

Prof. Dr. Reinhard Meier ist medizinischer Leiter und Mitgründer der TeleClinic

TeleClinic ermöglicht den digitalen Arztbesuch über moderne Kommunikationsmittel wie Smartphone, Telefon oder PC. Schließlich sollte gesundheitliche Versorgung nicht semi-professionellen Apps oder Dr. Google überlassen werden. Der erste Gesundheitsmarkt muss also Antworten auf diese Entwicklungen liefern. Dazu kooperiert TeleClinic mit 200 in Deutschland niedergelassenen Ärzten und zahlreichen Krankenversicherungen so wie der KV Baden-Württemberg. Das Unternehmen möchte den Zugang zu medizinischer Versorgung erleichtern, aber auch Ärzten die Möglichkeit geben ihren Patientenstamm zu erweitern. Den physischen Arztbesuch werden digitale Angebote und Fernbehandlungen zwar nicht ersetzen, aber ergänzen. Für niedergelassene Ärzte bietet TeleClinic einen zusätzlichen Verdienst neben dem Praxisbetrieb, während sich junge Ärzte außerhalb des Krankenhausbetriebs ein zweites Standbein aufbauen können. Die TeleClinic- Infrastruktur ist kostenlos, einfach zu handhaben und bietet ein großes Support- Team. Nichtsdestotrotz musste zu Beginn Überzeugungsarbeit geleistet werden. Mit dem Beschluss zur Auflockerung des Fernbehandlungsverbots auf dem 121. Deut schen Ärztetag häuften sich aber die An fragen. Prof. Dr. Reinhard Meier begrüßt diese Entscheidung. „Es wurde Innovationskraft bewiesen und die Weichen in Richtung Zukunft gestellt. Der Beschluss stärkt die Ärzteschaft hierzulande im europäischen Wettbewerb.“ Ärzte können nun autark entscheiden, in welchen Fällen Fernbehandlungen Sinn machen und werden international wettbewerbsfähig. Als nächstes gilt es diese Modernisierung zeitnah umzusetzen und voranzutreiben.

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