Die vielen Seiten der Wirtschaftsprüfung

Die Wirtschaftsprüfung ist – entgegen der Vorurteile – ein vielseitiges und spannendes Fachgebiet, in dem unterschiedliche Aufgabenbereiche und Kunden dafür sorgen, dass der Alltag definitiv nicht monoton wird. Zu den kommenden Herausforderungen der Branche, dem Studium und Tipps zur Bewerbung erzählt Prof. Dr. Sven Schäfer von der TH Köln.

Prof. Dr. Schäfer, die Wirtschaftsprüfung (WP) steht vor vielen Veränderungen, mit denen sie in den kommenden Jahren zurechtkommen muss.
Die WP-Branche ist regelmäßig erheblichen Änderungen unterworfen. Der Wandel stellt damit einen integralen Bestandteil der Tätigkeit als Wirtschaftsprüfer/in dar. So schlagen sich alle Entwicklungen im Wirtschaftsleben national und international, direkt oder indirekt, früher oder später auch in der Wirtschaftsprüfung nieder. Hinzu kommen zum Beispiel laufende Änderungen der regulatorischen Grundlagen sowie der Prüfungsstandards, ständige Überarbeitungen und Neuentwicklungen der Rechnungslegungsregelungen als Prüfungsgegenstand oder die grundsätzlich schneller werdende technologische Weiterentwicklung bei Erfassung, Verarbeitung sowie Auswertung von Daten. Nicht zu vergessen auch die technischen und organisatorischen Veränderungen des eigenen Arbeitsumfelds und der regelmäßige Wechsel von Mandanten, unternehmensspezifischer Aufträge, Auftragsarten und Kommunikationspartnern.

Wie sehen Sie die absehbare Zukunft der Branche?
Konkret bezogen auf die kommenden Jahre sind meines Erachtens insbesondere drei Aufgaben hervorzuheben:

  • Qualifizierten Nachwuchs halten und gewinnen.
  • Der Umgang mit digitalisierten Informationen sowie Abläufen beziehungsweise Prozessen und deren Prüfung einschließlich der Ableitung von Beratungsempfehlungen als Ergebnis der Prüfungshandlungen.
  • Eine sachgerechte Gebührenordnung für den Bereich der gesetzlichen Abschlussprüfung einführen, um die Qualität der Prüfung nachhaltig sicherzustellen und dem immer größer werdenden Preisdruck auf dem Markt entgegenzuwirken.

Sie sprachen eben schon die Digitalisierung an. Welchen Einfluss wird sie zukünftig haben?
Einen sehr hohen. Mit dem Einsatz digitaler Lösungen sollen neben Arbeitsvereinfachungen insbesondere quantitative und qualitative Daten- sowie Prozessauswertungen vorgenommen werden, um eine hinreichende Prüfungssicherheit zu generieren. Dazu müssen Prüfer die Funktionsweise und Datenverarbeitung verschiedener Algorithmen sowie Programme verstehen, die Ergebnisse und erzeugten Informationen beurteilen sowie die Prüfungsaussagen beziehungsweise gewonnene Prüfungssicherheit kritisch hinterfragen. Die wesentliche Grundlage dafür ist aber immer zunächst das fachliche Wissen im Bereich der Wirtschaftsprüfung sowie das Erlernen einer kritischen Grundhaltung. Der Umgang mit der Digitalisierung im Bereich der WP lässt sich sehr anschaulich mit der Durchführung einer Jahresabschlussanalyse vergleichen. Nicht die Ermittlung der Kennzahlen ist die Kunst, sondern deren Auswahl, Interpretation und das anschließende Treffen von Entscheidungen. Allerdings besteht jetzt die Herausforderung darin, die nunmehr nicht mehr selbst ermittelten Kennzahlen und Informationen zunächst einmal zu verstehen. Fazit: Ohne Denken geht es auch mit zunehmender Digitalisierung nicht!

Mit einem gewissen Technologieverständnisses und Spaß an digitalen Neuerungen lässt sich die Anwendung der verschiedenen Analyseinstrumente und Programme relativ einfach erlernen. Alle Berufseinsteiger durchlaufen regelmäßig gesellschaftsbezogene Schulungsprogramme, welche die Anwendungskenntnisse in einem beziehungsweise wenigen Tagen vermitteln. Das Erlernen mandanten- und prüfungsgesellschaftsspezifischer Anwendungen kommt von alleine.

Die Wirtschaftsprüfung wird fälschlich oft als monotones Fach gesehen. Was macht die Branche so interessant und welche Geschäftsfelder empfinden Sie persönlich als besonders spannend?
Da gibt es eine Vielzahl von Dinge. Wirtschaftsprüfung ist grundsätzlich die Beschäftigung mit der Rechnungslegung. Es gilt (komplexe) Prüfungs- und Beratungsfragen insbesondere nach HGB und IFRS im Einzel- und Konzernabschluss zu lösen. Darüber hinaus verspricht die Tätigkeit in höchstem Maße Abwechslung, da jeder Auftrag, jeder Mandant und jede Fragestellung anders ist oder andere Schwerpunkte aufweist. Zudem muss man sich immer mit den aktuellen Themen auseinandersetzen und diese durchdringen. Ferner steht immer die Identifikation und Steuerung von Risiken im Fokus. Bei der Durchführung von Aufträgen im Bereich der Wirtschaftsprüfung handelt es sich um Projektmanagementtätigkeiten. Dabei ist ein Urteil oder eine Stellungnahme in einem bestimmten Zeitrahmen mittels eines Einsatzes von zu führenden Mitarbeitern/innen unter Beachtung mandantenspezifischer Bedürfnisse und unternehmerischer Erfordernisse abzugeben. Auch hat man mit Experten aus unterschiedlichen Bereichen zusammenzuarbeiten, diese anzuleiten sowie zu koordinieren und mit ihnen zu diskutieren.

Weitere Abwechslung und interessante Erfahrungen bringen Sonderprojekte wie Börsengänge, IFRS-Umstellungsprojekte oder auch abzubildende Unternehmenserwerbe. Zudem erfolgt die Tätigkeit als Wirtschaftsprüfer/in vollständig unabhängig und eigenverantwortlich, so dass man keinen Weisungen unterliegt. Auch die Karrierechancen sind hervorragend. Innerhalb des Bereichs bestehen Aufstiegschancen bis zu Partnern/innen an einer WP-Gesellschaft. Ebenfalls bietet sich immer die Möglichkeit, selbständig tätig zu werden. Darüber hinaus ist aufgrund der hervorragenden Ausbildung und der umfassenden fachlichen Qualifikation ein Wechsel in Führungspositionen oder andere Stellen bei Industrie und Dienstleistungsunternehmen jederzeit denkbar.

Besonders spannend finde ich persönlich die rechnungslegungsnahe Beratung von Mandanten nach HGB und IFRS, mit der man zwangsläufig als Wirtschaftsprüfer/in im Bereich der Prüfung konfrontiert wird. Insbesondere komplexe, übergreifende Fragestellungen die rechtlich, steuerlich, rechnungslegungspolitisch und betriebswirtschaftlich diskutiert, gewürdigt, gestaltet werden müssen und/oder einer Empfehlung bedürfen, stellen fachliche Herausforderungen dar, die in höchstem Maße Spaß machen.

Interviewpartner Prof. Dr. Sven Schäfer ist Wirtschaftsprüfer und Studiengangsleiter des Masters für Wirtschaftsprüfung, Steuern, Recht und Finanzen (M.Sc./LL.M.) an der TH Köln.

Kommen wir nun zum Studium selbst. Welche Kurse bieten Sie an, die auf eine erfolgreiche Karriere in der Wirtschaftsprüfung vorbereiten?
In den Bachelorstudiengängen Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsrecht an der TH Köln besteht die Möglichkeit, zum einen den einschlägigen Schwerpunkt „Steuern und Wirtschaftsprüfung“ zu wählen. Zum anderen existiert die Option auch den für den Bereich der Wirtschaftsprüfung äußerst relevanten Schwerpunkt „Externes Rechnungswesen“ zu nehmen. Insgesamt können zwei Schwerpunkte gewählt werden. Der Schwerpunkt „Externes Rechnungswesen“ umfasst die drei Pflichtveranstaltungen „Internationale Rechnungslegung“, „Konzernrechnungslegung“ sowie „Unternehmensanalyse und Unternehmensbewertung“ sowie ein weiteres Wahlfach wie zum Beispiel „Digitalisierung im Rechnungswesen“. Der Schwerpunkt „Steuern und Wirtschaftsprüfung“ fokussiert sich auf den Bereich der Steuern, beinhaltet aber auch die Veranstaltung „Wirtschafts- und Jahresabschlussprüfung“.

Darüber hinaus bietet die TH Köln den Masterstudiengang „Wirtschaftsprüfung, Steuern, Recht und Finanzen“ (kurz CFO-Master) an. Dieser qualifiziert die Studierenden unter anderem für verantwortliche Tätigkeiten und Führungspositionen im Finanzbereich von Unternehmen und vermittelt die Kenntnisse und Fähigkeiten, die dem Berufsprofil von Wirtschaftsprüfern/innen entsprechen. Der CFO- Master ist daher an High Potentials gerichtet. Der Masterstudiengang bietet neben dem Masterabschluss (M.Sc. oder LL.M.) die Anrechnungsmöglichkeiten für eine spätere verkürzte Ablegung des Wirtschaftsprüfungsexamens nach § 13b WPO. Durch die Anrechnung der Prüfungsleistungen (reguläre Modulprüfungen im Studiengang) in den Prüfungsgebieten „Angewandte Betriebswirtschaftslehre/Volkswirtschaftslehre“ und/oder „Wirtschaftsrecht“ werden drei von sieben Klausuren oder zwei von vier Prüfungsgebieten des Wirtschaftsprüfungsexamens in das Studium vorverlagert. Aufgrund der Anrechnungsmöglichkeit orientieren sich die Vorlesungsinhalte des Studiengangs demzufolge an der Konkretisierung der Prüfungsgebiete des Wirtschaftsprüfungsexamens in § 4 WiPrPrüfV und dem Referenzrahmen für die Anerkennung von Studiengängen nach § 8a WPO beziehungsweise nach § 13b WPO. Aufgrund der Anrechnung der Studienleistungen im Wirtschaftsprüfungsexamen haben die Modulziele der höchsten Taxonomiestufe (Kompetenzausprägung F: Bewertung) zu entsprechen. Das Erreichen der Kompetenzausprägung wird durch externe und von der Wirtschaftsprüferkammer ausgewählte Gutachter/innen überprüft. Dazu sind die Veranstaltungsunterlagen einschließlich der durchgenommenen Aufgaben, Fälle, Fallstudien und Ähnliches sowie die Klausuren in den Bereichen „Angewandte BWL, VWL“ sowie „Wirtschaftsrecht“ jährlich einzureichen. Damit liegt das Niveau unserer qualitätsgesicherten Ausbildung zwangsläufig über dem Niveau von Masterstudiengängen der meisten anderen Universitäten und Hochschulen ohne entsprechend begutachtete Klausuren und Veranstaltungsunterlagen.

Sowohl in den Bachelorstudiengängen als auch im Masterstudiengang arbeiten wir mit zahlreichen Wirtschaftsprüfungs-, Steuerberatungs- und Rechtsanwaltsgesellschaften verschiedener Größe zusammen. Neben den Big 4 sind hier beispielsweise Rödl & Partner oder Ebner Stolz zu nennen. Sie führen Lehraufträge durch, unterstützen die Bearbeitung von Fallstudien, stellen Praktikumsplätze bereit, halten Vorträge oder betreuen kooperativ Bachelor- und Masterarbeiten.

Der Schwerpunkt meiner Professur liegt auf dem externen Rechnungswesen. Ich halte sowohl im Bachelor als auch als Studiengangsleiter des CFO-Masters im Master diverse Veranstaltungen zum externen Rechnungswesen und zur Unternehmensbewertung. Dabei lege ich neben der fachlichen Ausbildung Wert auf die Entwicklung einer kritischen Grundhaltung bei den Studierenden. Beides, sowohl die fachliche Qualifikation als auch die kritische Grundhaltung, sehe ich als essenziell für einen erfolgreichen Start in die Praxis und für die spätere Berufstätigkeit.

Hat man das Studium nun beendet, folgt die Suche nach dem richtigen Arbeitgeber. Wie unterscheiden sich die verschiedenen Gesellschaften und wie findet man eine, die zu einem passt?
Dies ist eine sehr schwierige Frage. Es gibt unzählige Unterschiede zwischen den Gesellschaften aber auch innerhalb einer Gesellschaft in Abhängigkeit des Tätigkeitsbereichs und der Niederlassungsgröße. So kommt es darauf an, ob man Banken, Versicherungen, Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, Unternehmen der öffentlichen Hand wie zum Beispiel Verkehrsbetriebe oder auch Krankenhäuser prüft, ob ein Einsatz bei Groß-, Mittel- oder Kleinmandaten erfolgt, ob die Mandate die Prüfung von Einzel- und/oder Konzernabschlüssen beinhalten und ob die Abschlüsse primär auf den Regelungen des HGB oder auch auf IFRS und gegebenenfalls US GAAP beruhen. Diese Liste kann man beliebig erweitern. Insofern bietet es sich an, Praktika bei unterschiedlichen Unternehmen und in verschiedenen Tätigkeitsbereichen durchzuführen.

Eine weitere wichtige und persönlich zu treffende Entscheidung ist, ob man primär in Spezialbereichen wie dem Risikomanagement, der Restrukturierungsberatung, der Transaktionsberatung, der IT-Prüfung, in Fachabteilungen oder auch bei Börsengängen eingesetzt werden möchte. Zudem nimmt momentan auch bei einigen Unternehmen die Bereitschaft zu, ihre Nachwuchskräfte in mehreren Bereichen (zum Beispiel Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung, Wirtschaftsprüfung und Corporate Finance) einzusetzen. In jedem Fall gilt, dass man seinen eigenen Neigungen folgen sollte. Zudem sollte man seinem Gefühl vertrauen, das sich durch Gespräche, Tätigkeiten und Informationen über die WP-Gesellschaft herausbildet. In keinem Fall darf eine Entscheidung allein auf Grundlage des Namens getroffen werden.

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