„Die Wirtschaftsprüfung bleibt People Business“

Beruf im Wandel

Wer sich als Student für das Thema Wirtschaftsprüfung interessiert, kennt die sogenannten Big 4 natürlich. Was Absolventen von heute allerdings auch wissen sollten: Das aktuelle Berufsbild des Wirtschaftsprüfers unterliegt dem gleichen digitalen Wandel, der die gesamte Gesellschaft momentan transformiert. Susanne Jäger, Partnerin bei EY (Ernst & Young) im Fachbereich Financial Accounting and Advisory Services, gibt einen Ausblick darauf, wonach die Recruiter wirklich suchen und worauf es für Wirtschaftsprüfer zukünftig ankommt.

Frau Jäger, Sie sind Partnerin und tätig im Bereich Financial Accounting and Advisory Services bei EY. Wie erfolgte Ihr persönlicher Einstieg in die Wirtschaftsprüfung?
Während meines Studiums in Marburg hatte ich drei Spezialfächer belegt: Wirtschaftsprüfung, Finanzwesen und Steuerrecht. Auf das Thema „Steuern“ setzte ich meinen Hauptfokus, denn ich habe beim Steuerberater gearbeitet und weitere Praktika in diesem Bereich absolviert. Im letzten Semester kam ich dann mit dem Thema Unternehmensbewertung in Kontakt und habe festgestellt, wie spannend es ist. Also habe ich mich recht spontan von der Steuerberatung abgewendet und bin in die Wirtschaftsprüfung gegangen. Aktuell liegt mein Fokus jedoch etwas mehr auf der Accounting-Beratung.

Ihr CV liest sich übrigens beeindruckend – auch internationale Projekte gehören zu Ihren Aufgaben. Sind Sie dafür oft unterwegs?
Ja, aber nicht mehr so viel wie am An­fang meiner Karriere, da bin ich viel in Deutschland gereist. Man könnte fast sagen, es gibt kein Fleckchen in Deutschland, das ich nicht kenne. Aktuell habe ich internationale Mandate, für die ich auch mal nach Shanghai, Hongkong oder in die USA fliege. Manchmal nutzen wir die­se Reisen, um einen oder zwei Tage U­laub dranzuhängen und schauen uns dann die Stadt an, so zum Beispiel demnächst zum Weihnachtsshopping in New York. Wir verbinden also das Angenehme mit dem Nützlichen und wachsen als Team dadurch noch stärker zusammen.

Prinzipiell ist der individuelle Reiseaufwand abhängig von unseren Mandanten. Gemäß unserem Regionalprinzip achten wir darauf, die Kollegen nicht an einem Tag nach Hamburg und am anderen nach München zu schicken, sondern möglichst regional einzusetzen. Trotzdem sind manche Bundesländer durchaus auch groß oder bestimmte Mandate erfordern Reisetätigkeiten. Daher muss sowohl in der Prüfung als auch in der Beratung eine gewisse Bereitschaft zu reisen vorhanden sein. Bei manchen Projekten arbeiten wir auch fast ausschließlich vom Büro aus, beispiels­weise auch bei einem aktuellen Projekt, welches von mir betreut wird. Insgesamt ist es auf sechs Monate ausgelegt und wir sind nur ein Mal pro Woche beim Mandanten vor Ort. Es findet sich damit eigentlich für jede Le­bens­lage eine gute Konstellation.

Grundsätzlich hat die Digitalisierung natürlich auch einen Einfluss auf unsere Reisetätigkeit, denn wir können vom Büro aus viel mehr Aufgaben erledigen als früher. Auf der anderen Seite ist die Beziehung zu unseren Mandanten immens wichtig. Wir sind ein „People Business“ und aufgrund unserer Tätigkeit brauchen wir einen persönlichen Kontakt zu unseren Mandanten. Nur so können wir deren Themen wirklich verstehen.

Apropos „People Business“. Welchen Stellenwert hat der „Remote Audit“ bei EY?
Das eine schließt das andere nicht aus. Wir sind mit den Mandanten vernetzt und haben jederzeit Zugriff auf ihre Systeme. Dank der Prüfungstools können wir oft unabhängig von Ort und Zeit arbeiten. Das bedeutet aber nicht, dass die persönliche Beziehung zum Mandanten an Relevanz verliert, ganz im Gegenteil.

Welche Rolle übernehmen junge Ab­solventen innerhalb solcher Projekte?
Die jungen Kollegen sind von Anfang an Teil des Teams und bekommen dort, abgestimmt auf ihre Vorkenntnisse, auch verantwortungsvolle Aufgaben übertragen. Je nach Teamgröße und Aufgabe können sich die jungen Kollegen sehr schnell in anspruchsvolle und komplexe Themen einarbeiten. Die Lernkurve in den ersten zwei bis drei Jahren in der Wirtschaftsprüfung und Beratung ist sehr steil.

Wie steht es denn um die Akquise neuer Projekte?
Das ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Hierbei arbeite ich in der Regel mit den erfahrenen Teammitgliedern zusammen und gebe je nach Anforderungen auch sehr jungen Kollegen die Chance hierbei mitzuwirken um von Anfang auch diesen wichtigen Teil unserer Arbeit zu lernen.

Vor welchen Herausforderungen steht die Wirtschaftsprüfung in den nächs­ten Jahren?
Auf der einen Seite haben wir die digitale Transformation, die im Accounting viele Prozesse durch Robotics und Künstliche Intelligenz verändern wird. In dem Maße, wie sich die Welt unserer Mandanten verändert, in diesem Maße werden wir uns verändern und idealerweise noch einen Schritt voraus sein. Die Prüfer der Zukunft werden zusätzlich zu ihrer Accounting-Kompetenz auch Informatik-Know-how aufbauen und eng mit IT-Spezialisten zusammenarbeiten, um Anforderungen von Bilanzierungsstandards in IT-Lösungen abzubilden.

Auf der anderen Seite geht es darum, für diese neuen Aufgabenfelder auch die richtigen Talente an Board zu haben. „Richtig“ sind zukünftig nicht mehr nur die klassischen Profile, also Kollegen mit einem Finance-Schwerpunkt. Wir suchen auch Wissenschaftler, Mathematiker und Informatiker – also Berufsgruppen, die vor einigen Jahren in der Wirtschaftsprüfung sehr selten waren. Das wird mit Sicherheit die Vielfalt der Aufgaben des Wirtschaftsprüfers weiter erhöhen.

Doch ein Mathematiker hat selten eine wirtschaftliche Ausbildung.
Deswegen werden sich die Teams in der Zukunft stark verändern. In anderen Worten: Es treffen sehr unterschiedliche Charaktere und Know-how aufeinander. Je­des Teammitglied ist hinsichtlich Mind­set und Skillset unterschiedlich – und genau das bildet die richtige Grundlage für unsere Teams und wird den Beruf des Wirtschaftsprüfers durch die Vielzahl der Aufgaben noch spannender machen.

Hatten Sie selbst schon Berührungspunkte mit dem Thema Blockchain/ Digitalisierung?
Sicher, die digitalen Technologien sind bereits heute schon Teil unseres Prüferalltags. Ich programmiere zwar keine Bots, aber es gibt schon heute viele Prüfungsgebiete, die mit Hilfe von Bots geprüft werden. Deren Ergebnisse zu analysieren und zu interpretieren ist dann die Sache des Wirtschaftsprüfers – das erfordert sehr gutes Accounting Know-how, Erfahrung und Industrieexpertise.

Das klingt nach einem geänderten Be­rufsbild.
Das ist es auch. Als Mitarbeiter in einer Wirtschaftsprüfung müssen Sie immer mehr eine gewisse Affinität haben, sich mit großen Datensätzen auseinanderzusetzen und analytisch zu arbeiten. Auf der anderen Seite werden wir natürlich weiterhin Kollegen brauchen, deren Schwerpunkt im Accounting liegt. Denn am Ende des Tages sind wir immer noch diejenigen, die sozusagen das Gesetz und die richtige Anwendung der Accounting Standards vertreten. Unterschiedliche Berufsfelder eben, aber am Ende in einem Team vereint.

Welchen Aufgabenbereich in der Wirtschaftsprüfung allgemein finden Sie persönlich am faszinierendsten?
Der Umgang und die Kommunikation mit den Menschen sind für mich persönlich sehr wichtig. Natürlich brauchen Wirtschaftsprüfer das faktische Handwerkszeug. Allerdings dürfen sie nicht nur die Standards kennen. Für mich ist daneben vor allem wichtig, dass ich mit meinen Mandanten rede und ihnen zu­höre. Außerdem möchte ich als Mensch wahrgenommen werden und nicht als diejenige mit dem erhobenen Zeigefinger. Die Beziehung zwischen ei­nem Mandanten und dem Wirtschaftsprüfer oder dem Berater ist ein Miteinander, das auf gegenseitigem Vertrauen basiert.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag bei EY erinnern?
Oh ja, sehr gut sogar. Zu dem Zeitpunkt habe ich noch in Marburg gewohnt. Völlig naiv bin ich morgens nach Frankfurt gefahren und habe gar nicht daran gedacht, dass der Verkehr in der Woche eine mittlere Katastrophe ist. Ich kam gerade noch pünktlich und dann ging auch schon der Onboarding-Tag los.

Welche Soft Skills wünschen Sie sich von zukünftigen Kollegen?
Da mir die menschliche Ebene sehr wichtig ist, achte ich darauf, dass sie zu uns als Team passen. Sie sollten flexibel und teamfähig sein und sich auch an unterschiedliche Menschen anpassen können: Wir brauchen keine Einzelkämpfer. Natürlich sind Noten wichtig, aber ich finde, man kann als junger Mensch schnell und sehr viel lernen. Deswegen bin ich nicht sehr dogmatisch, was spezielle Ausbildungen betrifft. Und wie ich schon beschrieben habe, das künftige Berufsbild des Wirtschaftsprüfers ist sehr vielfältig.

Im Gegenzug wünsche ich mir, dass unsere Mitarbeiter mit den Anforderungen, die junge Generationen an uns als Arbeitgeber stellen, offen umgehen und wir ins Gespräch kommen. Wir werden in Zukunft immer individualisierter arbeiten und flexible Arbeitsmodelle werden wahrscheinlich die Regel. Nicht nur die Gesellschaft wird sich ändern, auch Ar­beitgeber gestalten ihr Umfeld aktiv mit.


 

Unsere Interviewpartnerin Susanne Jäger studierte in Marburg und Durham (NC, USA), wo sie mit einem MBA der Fuqua School of Business abschloss. Die Wirtschaftsprüferin arbeitet seit 20 Jahren bei EY und verantwortet komplexe Beratungsprojekte sowie weltweite Prüfungen.

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