Senior Managerin Julia Brockmann erklärt, was Financial Services Assurance bei Deloitte macht, wie KI und Governance zusammenhängen und was Einsteiger:innen mitbringen sollten.

Julia Brockmann ist Senior Managerin bei Deloitte und hilft Finanzunternehmen dabei, ihre IT-Systeme und Prozesse sicher und regulatorisch aufzustellen. Im Interview gibt sie Einblicke in ihren Arbeitsalltag zwischen KI-Governance, Cyberrisiken und internationalen Prüfungsprojekten und erklärt, warum Lebensläufe nicht immer geradlinig sein müssen. Von ihren Erfahrungen in der Gastronomie profitiert sie noch heute.
Was du wissen solltest
- Der Weg: Julia Brockmann studierte Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Banking & Insurance und arbeitete danach als IT-Projektleiterin und im Public Sector, bevor sie zu Deloitte kam. Heute ist sie Senior Managerin.
- Die Arbeit: In der Financial Services Assurance verbindet sie Technologie, Regulierung und Finanzwirtschaft. Sie hilft Banken und Versicherungen, IT-Systeme, Prozesse und Kontrollen sicher aufzustellen, etwa beim Berechtigungsmanagement oder bei KI-Governance.
- Die Voraussetzungen: Einsteiger:innen müssen noch keine Expert:innen sein. Entscheidend sind Neugier, Lernbereitschaft und Flexibilität, und Brockmann sieht in Kommunikation und kritischem Denken die Kompetenzen, die mit KI noch wichtiger werden.
Audit kennen die meisten – aber was genau verbirgt sich hinter Financial Services Assurance?
Viele verbinden den Bereich Financial Services Assurance zunächst mit der klassischen Wirtschaftsprüfung. In meinem Bereich arbeiten wir allerdings an der Schnittstelle von Technologie, Regulierung und Finanzwirtschaft. Wir unterstützen Banken und Versicherungen dabei, ihre IT-Systeme, Prozesse und Kontrollen sicher und zukunftsfähig aufzustellen. Das reicht von Transformations- und Governance-Projekten bis zur Vorbereitung auf regulatorische Prüfungen.
Besonders spannend finde ich, dass wir technische Fragestellungen mit strategischen und regulatorischen Anforderungen verbinden und dabei oft sehr nah an aktuellen Entwicklungen wie Cloud, Cyber Security oder KI arbeiten.
In der Finanzwirtschaft wird viel über KI gesprochen. Wie nimmst Du ihren Einsatz in der täglichen Arbeit wahr?
KI verändert unsere Arbeit bereits heute deutlich. Wir nutzen sie beispielsweise, um große Datenmengen schneller auszuwerten, Ergebnisse zu strukturieren oder Qualitätssicherungen effizienter durchzuführen. Dadurch gewinnen wir Zeit für die Aufgaben, bei denen menschliche Erfahrung und Urteilsvermögen entscheidend sind. Gerade in der Finanzbranche bleiben die Einordnung von Ergebnissen, die
Beratung unserer Kunden und das Entwickeln von Lösungen sehr persönliche Aufgaben.
Der Einsatz von KI erfolgt dabei innerhalb klar definierter Rahmenbedingungen und unter Berücksichtigung von Datenschutz, Vertraulichkeits- und Sicherheitsanforderungen. Gerade weil wir in der Finanzbranche teils mit sensiblen Daten arbeiten, gelten klare Regeln und Vorgaben auch seitens unserer Auftraggeber, wie KI eingesetzt werden darf. Tatsächlich erwarten auch immer mehr Kunden den Einsatz von KI aufgrund der damit verbundenen Effizienzpotenziale. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass entsprechende Technologien zunehmend auch Einzug in ihre eigenen Organisationen halten. Kurz gesagt: KI macht uns effizienter, ersetzt aber nicht den Menschen hinter der Entscheidung.
Wie kontrolliert man eine Technologie, die sich schneller weiterentwickelt als viele Regeln und Prozesse?
Das Stichwort lautet: „dynamische Governance“. Statt starrer Regeln und Vorgaben sollte man ein Rahmenwerk aufbauen, welches eher die Ziele und Ergebnisse einzelner Kontrollen im Blick hat, statt fest definierte Prüfungsschritte festzulegen. Innerhalb dieses flexiblen Rahmenwerks können Innovationen umgesetzt und neue Technologien eingesetzt werden, ohne dass die Governance aufgrund der schnellen Weiterentwicklung stets grundlegend angepasst werden muss. Dennoch sind regelmäßige Überprüfungen und gegebenenfalls Anpassungen erforderlich, um neuen Risiken, Vorgaben und technologischen Entwicklungen Rechnung zu tragen. Kontrollen können je nach Zielsetzung dazu beitragen, Risiken zu verhindern, zu mitigieren oder frühzeitig zu erkennen. Gerade bei KI-Systemen, welche hochautomatisiert sind, ist es wichtig, auch den wirtschaftlichen Aspekt mitzubetrachten und alternative Mitigationsmaßnahmen auszuloten.
Nehmen wir als Beispiel einen Agenten, welcher vollautomatisiert den Underwriting-Prozess bei einer Versicherung durchführt. Aus Governance-Sicht stellt eine Human-in-the-Loop-Kontrolle häufig eine wirksame Maßnahme zur Risikomitigation dar. Sie bietet jedoch nicht in jedem Anwendungsfall das optimale Verhältnis zwischen Risikoabsicherung und Wirtschaftlichkeit. Eine umfassende manuelle Überprüfung sämtlicher KI-Ergebnisse kann den angestrebten Effizienzgewinn in bestimmten Szenarien deutlich reduzieren. Abhängig vom jeweiligen Risikoprofil und den regulatorischen sowie organisatorischen Anforderungen können auch andere Kontrollmechanismen geeignet sein. Stattdessen kann man beispielsweise bereits beim Training der KI gewisse Abweichungsquoten als KPIs festlegen, ein technisches Outputmonitoring einführen oder gar einen Supervisory-Agenten einsetzen, welcher die Ergebnisse anderer Agenten überwacht.
Cyber Resilience und IT Governance klingen zunächst nach trockener Regulierung. Was steht für ein Unternehmen der Finanzbranche dabei auf dem Spiel?
Da täuscht der Eindruck zum Glück! Was zunächst nach Regulierung klingt, betrifft in der Praxis häufig ganz konkrete Herausforderungen. Was passiert beispielsweise, wenn ein wichtiger IT-Dienstleister ausfällt? Wie schützt man sensible Kundendaten vor Cyberangriffen? Oder wie stellt man sicher, dass nur die richtigen Personen Zugriff auf kritische Systeme haben? Genau bei solchen Fragestellungen unterstützen wir unsere Kunden. Dadurch wird schnell klar: Regulatorik ist oft kein Selbstzweck, sondern hilft Unternehmen dabei, reale Risiken besser zu beherrschen. Außerdem ist IT-Governance nicht nur ein trockenes Regulatorik-Thema. Eine schlanke und effiziente Governance ist zwingend notwendig, um Cyberrisiken sowie technischen und regulatorischen Neuerungen etc. gut begegnen zu können.
„Die Vielfalt der Aufgaben macht für mich den Reiz der Beratung aus”
Gehört dazu auch, die Organisation auf einen entsprechenden Tech-Stack zu heben?
Absolut! Wenn beispielsweise in einem internationalen Versicherungsunternehmen mehrere Tausend Mitarbeitende auf sensible Systeme zugreifen, helfen wir dabei, sicherzustellen, dass jede Person genau die Berechtigungen hat, die sie für ihre Aufgabe braucht. Das richtige Tool und dessen konsequente Anwendung können dazu beitragen, Interessenkonflikte sowie potenzielle Betrugsaktivitäten im (Leistungs-) Zahlungsverkehr frühzeitig zu erkennen und präventiv zu adressieren.
Da viele unserer Kunden international aufgestellt sind, arbeiten wir außerdem in unseren Projekten häufig mit Teams und Ansprechpartner:innen aus verschiedenen Ländern zusammen. Dadurch entstehen spannende Einblicke in unterschiedliche Arbeitsweisen, Technologien und regulatorische Anforderungen.
Wenn Tools immer leistungsfähiger werden, was bleibt dann die eigentliche Leistung einer Beraterin oder eines Beraters?
Wie ich oben bereits angerissen habe, bin ich fest davon überzeugt, dass unser Job nicht durch KI ersetzt wird. Er wird sich durch KI zwar ändern, aber eine KI ist nur so gut wie die Person, die sie bedient. Es müssen immer noch die richtigen Fragen gestellt und die passenden Prompts entwickelt und eingegeben werden. Dazu muss man in der Lage sein, den Themenbereich, den man in die KI spielt, zu verstehen und zu bewerten, um überhaupt einordnen zu können, ob das Ergebnis der KI sinnvoll und richtig ist. Fachliches Wissen bleibt demnach wichtig. Gleichzeitig werden Fähigkeiten wie Kommunikation, kritisches Denken und das verständliche Vermitteln komplexer Zusammenhänge sogar noch entscheidender.
Ich habe in meinem Job gelernt: Du kannst noch so oft das Richtige sagen, wenn du es nicht so transportiert bekommst, dass dein Gegenüber es verstehen und vor allem umsetzen kann, dann kann es nicht funktionieren. Eine KI kann Informationen liefern. Ob diese Informationen sinnvoll sind, wie sie einzuordnen sind und wie man daraus gemeinsam mit dem Kunden eine gute Lösung entwickelt, bleibt aber weiterhin Aufgabe von Menschen. Beratung ist am Ende ein Vertrauensgeschäft.
Was macht Dir besondere Freude daran, Unternehmen durch regulatorische Anforderungen zu führen und dabei sicherer zu machen?
Am meisten motiviert mich, dass unsere Arbeit einen spürbaren Nutzen hat. Wir tragen dazu bei, dass sensible Daten geschützt werden und Unternehmen auch in Krisensituationen zuverlässig funktionieren. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zu Stabilität und Vertrauen im Finanzsektor. Gleichzeitig lerne ich selbst ständig dazu. Themen wie KI, Cyber Security oder digitale Transformation entwickeln sich rasant weiter. Dadurch bleibt die Arbeit abwechslungsreich und spannend. Besonders schätze ich aber die Zusammenarbeit mit ganz unterschiedlichen Menschen. An einem Tag spreche ich mit IT-Expert:innen, am nächsten mit Fachbereichen oder dem Management. Aber nicht nur beim Kunden, sondern auch bei Deloitte intern arbeite ich tagtäglich mit vielen verschiedenen Kolleg:innen zusammen, teils auch aus anderen Bereichen. Genau diese Vielfalt macht für mich den Reiz der Beratung aus.
Dein eigener Weg führte vom Studium mit Schwerpunkt Banking & Insurance über IT-Projektmanagement und den Public Sector zu Deloitte. Welche Erfahrungen haben Dich auf diesem Weg besonders geprägt und auf Deine heutige Rolle als Senior Managerin vorbereitet?
Mir hat es wahnsinnig geholfen, verschiedene Branchen zu sehen und zu erleben, insbesondere auch um herauszufinden, dass ich mich in der Finanz- und IT-Branche zu Hause fühle. Dass ich einige Jahre als IT-Projektleiterin ganz nah in der technischen Entwicklung eingebunden war, hilft mir heute extrem dabei, technische Anforderungen besser einzuordnen und bewerten zu können und insbesondere auch die Brücke zwischen Fachbereich und IT zu schlagen.
Ich kann daher nur jedem empfehlen, auch neben dem Studium schon mal das ein oder andere auszuprobieren. Es muss nicht immer ein geradliniger CV sein, solange er für einen selbst Sinn ergibt und man die Erfahrungen, die man unterwegs gesammelt hat, gewinnbringend einsetzen kann. Viele Fähigkeiten, die ich beispielsweise während meiner langjährigen Tätigkeit in der Gastronomie erworben habe, kommen mir auch heute noch im Beratungsgeschäft zugute. Der Umgang mit verschiedenen Menschen, die Teamarbeit und das Arbeiten unter Zeitdruck unterscheiden sich im Kern gar nicht so sehr – ob es sich nun um ein Beratungsprojekt handelt oder um die Samstagabendschicht. Letztendlich war es mir aber auch immer wichtig, einen guten Mentor oder Chefin zu haben, der oder die mich unterstützt, fordert und mit deren Grundwerten ich in der Zusammenarbeit übereinstimme.
„Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sind entscheiden”
Technische Bereiche werden noch häufig als Männerdomäne wahrgenommen. Wie nimmst Du die Kultur diesbezüglich bei Deinem Arbeitgeber wahr?
Die Frage bekomme ich tatsächlich häufig gestellt – auch aus meinem Bekanntenkreis. Und die Wahrnehmung ist aktuell auch nicht ganz verkehrt – gerade in technischen und regulatorischen Rollen sind Frauen noch immer unterrepräsentiert. Deswegen bin ich sehr froh, dass ich seitens Deloitte die Chance habe, proaktiv neue Kolleginnen für unseren Bereich zu gewinnen und zu begeistern, beispielsweise auf verschiedenen Recruiting- Events oder Messen. Auch innerhalb Deloitte gibt es verschiedene Netzwerke und Communities, um unsere weiblichen Kolleginnen zu supporten, zu vernetzen und auch für Leadership-Rollen gezielt auszubilden. Persönlich freut es mich besonders, dass unser Team in den vergangenen Jahren immer vielfältiger geworden ist. Unser Fokus liegt darauf, unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen und gemeinsam die besten Lösungen zu entwickeln – unabhängig von Geschlecht sowie beruflichem oder persönlichem Hintergrund.
Wenn eine Bewerberin oder ein Bewerber Dir gegenübersitzt: Woran erkennen beide Seiten, dass es gut passen könnte?
Niemand muss zu Beginn bereits Expertin oder Experte für Cyber Security, IT-Governance oder KI sein. Viel wichtiger sind Neugier, Lernbereitschaft und die Motivation, sich in neue Themen einzuarbeiten. Die Beratungsbranche, aber auch die Geschäftsmodelle unserer Kunden, befinden sich derzeit in einem starken Wandel. Um in diesem Umfeld weiterhin erfolgreich zu sein, sind Flexibilität und Anpassungsfähigkeit entscheidend. Wir müssen in der Lage sein, uns schnellstmöglich auf die neuen Bedürfnisse unserer Kunden einzustellen und unsere eigenen Skills entsprechend zu adaptieren. Selbstverständlich ist das etwas, was man auch mit den Berufsjahren immer mehr lernt, aber diese Grundvoraussetzungen sollte ein:e Bewerber:in mitbringen.
Besonders gut passen Menschen zu uns, die gerne Verantwortung übernehmen, komplexe Zusammenhänge verstehen möchten und Freude an der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Menschen haben. Fachliches Wissen kann man aufbauen. Die richtige Einstellung und Offenheit für Neues sind oft der entscheidendere Erfolgsfaktor. Außerdem achten wir bei uns im Team sehr stark auf ein gutes Miteinander, denn wir können unsere Ziele immer nur als Team erreichen.
Häufige Fragen zum Bereich Financial Services Assurance bei Deloitte
Verdrängt KI Jobs in der Beratung?
Nach Brockmanns Einschätzung wird der Beratungsjob nicht durch KI ersetzt, er verändert sich aber. Fachliches Wissen bleibt wichtig, weil man beurteilen muss, ob ein KI-Ergebnis sinnvoll ist. Gleichzeitig gewinnen Kommunikation, kritisches Denken und das verständliche Vermitteln komplexer Zusammenhänge an Gewicht.
Wie lässt sich KI kontrollieren, wenn sie sich schneller entwickelt als die Regeln?
Brockmann setzt auf dynamische Governance: Statt starrer Prüfschritte legt man Ziele und Ergebnisse einzelner Kontrollen fest, innerhalb derer neue Technologien eingesetzt werden können. Eine manuelle Prüfung jedes KI-Ergebnisses ist nicht in jedem Fall wirtschaftlich. Alternativen können etwa Abweichungsquoten als KPIs, ein technisches Output-Monitoring oder ein Supervisory-Agent sein, der die Ergebnisse anderer Agenten überwacht.
Schadet ein Lebenslauf mit Umwegen dem Einstieg?
Nicht zwingend. Brockmann sagt, ein Lebenslauf muss nicht geradlinig sein, solange er für den Einzelnen Sinn ergibt und die gesammelten Erfahrungen gewinnbringend eingesetzt werden können. Ihre Zeit in der Gastronomie hilft ihr heute etwa beim Umgang mit Menschen, bei der Teamarbeit und beim Arbeiten unter Zeitdruck.
Welche Karrierewege und Einstiegsmöglichkeiten bietet Deloitte?
Deloitte bietet verschiedene Praktika und Einstiegsmöglichkeiten in unterschiedlichen Fachbereichen. Mehr zu Profil, Karriere und offenen Stellen findest du auf der Deloitte Karriere Seite.