
Wo Steuerrecht auf Strategie trifft: M&A Tax bei Deloitte
Private Equity, Transaktionsvolumen in Milliardenhöhe, enge Zusammenarbeit mit Spezialist:innen aus Finance, Legal und Valuation: Nevin Borucu ist Partnerin im Bereich M&A Tax bei Deloitte. Im Interview erklärt sie, warum dieser Bereich für Berufseinsteiger:innen besonders schnell fordernd und fördernd zugleich ist.
Du bist Partnerin im Bereich M&A (Mergers & Acquisitions) Tax und Private Equity bei Deloitte. Womit beschäftigt Ihr Euch dabei?
Unser Arbeitsalltag ist ein reines Projektgeschäft. Wir beraten überwiegend Mid-Cap und Large-Cap Private Equity-Investoren beim Kauf oder Verkauf von Unternehmensgruppen bei Transaktionsvolumen ab 100 Millionen Euro bis zu mehreren Milliarden Euro. Dazu gehören unter anderem die steuerliche Due Diligence, die Strukturierung und die Beratung im Hinblick auf die Finanzierung und Vertragsgestaltung. Auch Themen wie Tax Models, Funds Flow oder Cap Tables sind feste Bestandteile unserer Arbeit.
Was unser Team dabei besonders macht: Wir decken sämtliche Sektoren ab, also beraten sowohl klassische Core Private Equity Transaktionen als auch Infrastruktur, Financial Services und Real Estate Transaktionen. Gerade in komplexen Private Equity Strukturen verfügen wir über eine sehr ausgeprägte Expertise und gelten als ausgesprochene Spezialisten.
Welche Rolle spielt die steuerliche Perspektive bei M&A- und Private Equity-Transaktionen?
Im Private Equity-Bereich sprechen wir tatsächlich über sehr große Transaktionsvolumen; dementsprechend kann es bei unseren Transaktionen sehr schnell zu sehr hohen Steuerschäden kommen. Dabei geht es nicht nur um die steuerlichen Risiken aus einer Due Diligence. Es geht vielmehr um Steuerschäden, die etwa aufgrund einer nicht durchdachten Akquisitionsstruktur entstehen, übersehene Steuereffekte bestimmter Transaktionsschritte oder durch fehlende Hinweise zum Tax Model oder zu Vertragsklauseln.
M&A Tax hat eine zentrale Schlüsselrolle dahingehend, dass wir die kommerziellen Ziele unserer Mandanten aufgreifen und so umsetzen, dass die Transaktion steuerlich optimal strukturiert ist. Das ist gleichzeitig der spannende wie auch herausfordernde Teil an unserer Arbeit. Unsere Mandanten verlangen von uns maximale Aufmerksamkeit, schnelle Denk- und Reaktionszeiten sowie präzise Antworten und Lösungsvorschläge. Die entscheidenden Hebel für eine erfolgreiche Transaktion liegen daher oft in Details: Wie schnell erkennen wir Risiken? Wie vorausschauend strukturieren wir? Wie klar und handlungsorientiert kommunizieren wir? Das sind Fähigkeiten, die man nicht studieren oder nachlesen kann, sondern selbst auf Projekten „erleben“ und erlernen muss.
Mit welchen Bereichen arbeitet Ihr bei Deloitte zusammen – und wo entsteht dabei der größte Mehrwert?
M&A Tax ist tatsächlich einer der am stärksten vernetzten Bereiche bei Deloitte. Einerseits arbeiten wir auf laufenden Transaktionen eng mit anderen Bereichen zusammen – wie zum Beispiel Financial Advisory, Valuation, Corporate Finance und Legal. Auf der anderen Seite binden wir viele Bereiche auch im Nachgang von Transaktionen ein – um hier einige Beispiele zu nennen: Wenn die Struktur ein Management Equity Programm (MEP) vorsieht, bringen wir unsere Valuation-Kolleg:innen ins Spiel, die die Bewertung der Beteiligungen übernehmen. Nach einer erfolgreichen Akquisition erhalten wir in der Regel den Zuschlag, die Steuererklärungen für die Portfolio-Unternehmen zu übernehmen, was wir an unsere Business-Tax-Kollegen weitergeben. Bei der Strukturierung grenzüberschreitender Gesellschafterdarlehen arbeiten wir zudem eng mit unserem Transfer Pricing Team zusammen, das die Fremdvergleichsanalysen durchführt.
Das zeigt auch, wie breit M&A Tax bei Deloitte vernetzt ist: Als Service Line arbeiten wir eng mit Kolleg:innen aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen zusammen. Für unsere Mandanten bedeutet das, dass sie bei komplexen Transaktionen spezialisierte Expertise aus einer Hand erhalten, ohne dass die Gesamtstrategie aus dem Blick gerät.
Von der Transaktion zur Teamführung – was Erfolg in der M&A-Tax-Karriere wirklich bedeutet
Was motiviert Dich persönlich in M&A Tax – und was bedeutet Erfolg für Dich?
Meine Motivation hat sich im Laufe der Jahre stark verändert. Früher, also in meinen Anfangszeiten und auch auf dem Weg zu meiner Partnerrolle, habe ich Erfolg anders empfunden: Ich wollte schneller sein als andere Berater. Ich wollte in jeder Transaktion hervorstechen und mir die Wertschätzung und das Vertrauen der Mandanten für eine erfolgreich geführte und abgeschlossene Transaktion gewinnen. Täglich mit immer neuen Herausforderungen und zeitweise auch Druck konfrontiert zu sein, die es zu bestehen galt, war mein größter Motivationstreiber. An jeder Transaktion konnte ich lernen, wachsen und besser werden. Gerade unser Münchner M&A Tax Team, mit seiner enormen Transaktionsdichte und der Vielfalt an Transaktionen, hat meinen persönlichen Lern- und Entwicklungsprozess enorm beschleunigt.
Mit der Zeit haben sich meine Perspektive und meine Prioritäten etwas geändert. Was mich wirklich motiviert, sind die Menschen um mich herum. Es erfüllt mich, zu sehen, wie junge Kolleg:innen, die noch am Anfang stehen oder zu Beginn vielleicht leise oder zurückhaltend waren, mit den Jahren der Zusammenarbeit wachsen. Wie sie sicherer werden, komplexe Themen souverän lösen, wie sich ihre Auffassungsgabe und ihre Schnelligkeit verändern und sie ein eigenes Standing entwickeln. Diese Entwicklung mitzuerleben – und einen eigenen Beitrag dazu geleistet zu haben – ,das sind für mich echte Glücksmomente.
Ab einer gewissen Position und Erfahrung bedeutet Erfolg für mich, anderen Personen die Möglichkeit zu geben, die beste Version von sich selbst zu werden – fachlich und menschlich. Und genau diese Kultur und dieses Selbstverständnis weiterzugeben, ist für mich einer der schönsten Aspekte meiner Rolle.
Deloitte gilt als sehr technologiestark. Du bist seit 11 Jahren im Unternehmen – wie hat sich die Arbeit verändert?
In den vergangenen elf Jahren hat sich sehr viel verändert, insbesondere durch die Digitalisierung. Auch in M&A Tax nutzen wir heute diverse Tools, die Prozesse beschleunigen und unterstützen, zum Beispiel bei der Dokumentenauswertung im Rahmen der Due Diligence. Was sich allerdings nicht verändert hat – und auch nicht verändern wird – ist die qualitative Überprüfung und Bewertung der Ergebnisse. Schließlich ist Künstliche Intelligenz kein Ersatz für bestimmte Tätigkeiten, sondern ein Arbeitsmittel, das es stetig zu optimieren gilt.
Man sollte dabei allerdings nicht vergessen: Jede Struktur, jedes Projekt und jede Mandantenanfrage ist einzigartig. Und genau dadurch bleibt ein großer Teil unserer Arbeit nicht standardisierbar. Das bedeutet auch, dass trotz digitaler Unterstützung ein hohes Maß an Erfahrung, Urteilsvermögen und einzelfallabhängige persönliche Beratung essenziell bleibt.
Wird M&A Tax künftig stärker als Business Advisor agieren – also mit einem breiteren strategischen Fokus als die klassische Steuerexpertise?
Aus meiner Sicht: definitiv. Schon jetzt agieren wir in einer solchen Rolle, die weit über die klassische steuerliche Expertise hinausgeht. Auch unsere Mandanten sehen uns als Business Advisor. Ein gutes Beispiel ist die Generierung von Transaktionen: Wir nutzen unser breites Netzwerk, um mögliche Assets vorzustellen und potenzielle Käufer mit Verkäufern zusammenzubringen.
Auch unsere Transaktionen sind so aufgebaut, dass wir nicht nur die steuerlichen Aspekte beraten, sondern das Projekt mit dem Mandanten zusammen betreuen und auch die wirtschaftlichen Aspekte gemeinsam erörtern. Eine meiner Kernaufgaben besteht beispielsweise darin, Strukturen meiner Mandanten zu analysieren und zu überlegen, wie diese wirtschaftlich künftig effizienter aufgestellt werden können – beispielsweise durch alternative Transaktionsstrukturen. Das erfordert einen detaillierten und stetigen Austausch, einen hohen Grad an Mandantenkontakt und ein echtes Verständnis für unternehmerische Zusammenhänge.
Führung, Familie, Freiraum – Nevin Borucus Haltung jenseits der Transaktion
Als Partnerin prägst Du auch die Kultur innerhalb Deines Teams. Welche Prinzipien sind Dir in der Führung besonders wichtig?
Mir ist bewusst, dass wir im Team ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, Stärken und Erfahrungen zusammenbringen. Genau das ist eine große Chance – wenn man eine gesunde Führungskultur lebt. Daher gebe ich jedem Teammitglied vom ersten Tag an ein paar Prinzipien mit, die ich selbst erlernt habe:
Scheue dich – vor allem zu Beginn – nicht vor Fehlern. Sie sind ein natürlicher Teil des Lernprozesses.
Nutze Fehler als Lernchance: Verstehe, warum sie passiert sind, reflektiere und gestalte deine Arbeitsweise so, dass du daran wachsen kannst.
Stelle Fragen und suche den Austausch im Team; andere Ideen und Perspektiven eröffnen auch dir neue Ansätze.
Nimm Kritik an – gute wie schlechte. Verzichte darauf, dich zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Konzentriere dich stattdessen darauf, es beim nächsten Mal besser zu machen. Sei geduldig. Jeder startet irgendwann einmal bei null und das ist völlig in Ordnung. Wir begleiten dich gern und teilen unser Wissen und unsere Erfahrung mit dir.
Versuche stets genau zu erfassen, was dein Gegenüber von dir möchte. Bleib dabei empathisch und bewerte jede Situation neu. Das fällt sogar vielen Berufsträger:innen schwer und will erlernt werden.
Du bist Mutter eines Sohnes. Wie erlebst Du Deloitte mit Blick auf Familienfreundlichkeit und unterschiedliche Lebenssituationen?
Ich glaube, was man als junge Mama am meisten braucht, ist die Möglichkeit zur Flexibilität und die Anpassung des Arbeitsumfelds an die neue Situation. Auch eine gegenseitige solide Vertrauensbasis ist sehr wichtig. Dann wird auch die Leistung passen. Bei mir hat das prima funktioniert, insbesondere durch die riesige Unterstützung meiner Teams. Dafür bin ich sehr dankbar.
Insgesamt kann man sagen, dass Deloitte eine offene und familienfreundliche Unternehmenskultur aufweist und so eine sehr gute Grundlage schafft, die in den jeweiligen Teams aufgegriffen und individuell mit Leben gefüllt wird. Jede Kollegin, die Karriere und Familie miteinander vereinbaren möchte, verdient dabei unsere volle Unterstützung. Dafür braucht es ein Team und ein Umfeld, das sich an ihren Bedürfnissen orientiert. Gleichzeitig sollten wir im Blick behalten, welche Beiträge sie bereits geleistet hat – und weiterhin leisten wird. Eine verlässliche Begleitung in dieser prägenden Phase ist ein zentraler Ausdruck unserer Wertschätzung.
Du hast früh Leistungssport betrieben und Dich dann für ein Jurastudium entschieden – wie gelingt es Dir heute, persönliche Freiräume zu erhalten?

Ja, die Profitenniskarriere ist es am Ende leider nicht geworden – und rückblickend war es genau die richtige Entscheidung, den Absprung zum Studium zu schaffen. Der Leistungssport hat mich sehr geprägt: Ich war ehrgeizig und aufopfernd – auch in meiner Arbeit. Bis zu meiner Schwangerschaft – eigentlich sogar bis zur Entbindung – habe ich sehr leistungsorientiert gearbeitet, weil ich es nicht anders kannte.
Erst mit etwas Abstand habe ich erkannt, dass das keine gesunde Haltung ist. Die Arbeit kann unglaublich erfüllend sein: Sie gibt einem die Möglichkeit, emotional und intellektuell zu wachsen, kleine und große Erfolge zu feiern sowie Teil eines Teams und dessen Gemeinschaft zu sein. M&A Tax wird zwar nachgesagt, dass man regelmäßig bis spät in die Nacht arbeitet – in der Realität stimmt das so pauschal aber nicht: Natürlich gibt es auch intensive Phasen, insbesondere in Projekthochzeiten. In einem gut eingespielten Team mit transparenter Kommunikation, klaren Strukturen und echter gegenseitiger Unterstützung lässt sich die Arbeitsbelastung jedoch sehr gut steuern.
Durch meine jahrelange Praxiserfahrung weiß ich heute sehr gut, wie man dafür die richtigen Rahmenbedingungen schafft: Effizient gestaltete Prozesse, ein klar strukturiertes Team und ein offener Umgang mit den Bedürfnissen der Teammitglieder. Diese Voraussetzungen helfen nicht nur mir, sondern dem gesamten Team, persönliche Freiräume bewusst zu erhalten.
Ein letzter, sehr wesentlicher Punkt: Ich empfinde es als sehr wichtig, das eigene soziale und familiäre Umfeld zu bewahren und bewusst zu pflegen. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wie sehr dieses aus dem Gleichgewicht geraten kann, wenn man es vernachlässigt. Familie und Freunde können eine enorme Kraftquelle sein. Das gilt auch für mich: Mein kleiner Sohn und mein Mann geben mir bedingungslose Unterstützung und Wertschätzung – unabhängig von meiner Performance. Diese Stabilität gibt mir auch Energie für meinen beruflichen Alltag.
Wenn Praktikant:innen oder Berufseinsteiger:innen Dich fragen, was im Berufsleben wirklich zählt, was antwortest Du?
Ganz klar: Ehrlichkeit und Vertrauen, Kommunikation und Offenheit – insbesondere der gegenseitigen Erwartungen und Wünsche – und ein gesunder Ehrgeiz. Ich denke, wer diese Haltung mitbringt, hat alles, um seine eigene Karriere zu gestalten. Wichtig ist zudem, ein Arbeitsumfeld zu wählen, in dem diese Werte wirklich gelebt und nicht nur zu Marketingzwecken bedient werden.

Die Interviewpartnerin: Die Rechtsanwältin und Steuerberaterin Nevin Borucu ist Partnerin im Bereich M&A Tax und Private Equity bei Deloitte. Sie absolvierte ein Jurastudium an der LMU München