Geht das: Liebe als Projekt?

Ein Paar. Es studiert gemeinsam an einer Hochschule, allerdings unterschiedliche Fächer. Einer von beiden wird früher fertig und steigt in den Beruf ein, während der andere noch studiert. Der Wohnort muss für den Beruf gewechselt werden, die Fernbeziehung beginnt. Wie gelingt unter diesen Voraussetzungen ein gemeinsames, glückliches Leben? Wo lauern die Fallstricke? Mit welchen Maßnahmen kann man die Sollbruchstellen für die Beziehung entschärfen?

Wenn man sich im Freundes- und Bekanntenkreis umschaut oder im Internet in den einschlägigen Foren blättert, ist die Antwort meist gleich: Beziehungen, bei denen einer der beiden Partner – egal ob kurz, lang oder dauerhaft – den Wohnort wechselt, stehen unter keinem guten Stern. Über kurz oder lang drohen jede Menge Schwierigkeiten, denen sich beide alleine und gemeinsam stellen müssen. Aber auch – nein, gerade –  wenn die Rahmenbedingungen für eine Zeit lang schwieriger werden; die Beziehung kann so etwas nicht nur aushalten, sondern sogar gestärkt daraus hervorgehen. Wie „überlebt“ das also Liebespaar diese Herausforderung?

Der Berufseinsteiger sieht den neuen Job oder das Auslandssemes­ter meist als eine Art Projekt, in das er besonders viel Arbeit und Zeit investieren will. Warum sollte die Beziehung das nicht auch sein? Aber wie investiert man in die Liebe, damit sie auch auf Distanz weiter floriert? Als allererstes braucht man einen guten Grund. Man investiert ja nur, wenn man sich etwas davon erhofft. Und da „Glück“ an sich nicht wirklich umsetzbar ist, fokussiert man sich oft auf gemeinsame Vorstellungen und Lebensziele. Blöderweise sind die mit Mitte zwanzig aber oft noch im Wandel, gerade wenn sich die Lebensumstände plötzlich und drastisch ändern. Am neuen Wohnort hat man Menschen mit ganz anderen Ideen um sich, die oft neues Licht auf Prinzipien werfen, die einem vorher hoch und heilig waren.

Lebensphasen einkalkulieren

Manchmal lässt sich eine Fernbeziehung nicht darauf begrenzen, dass man in unterschiedlichen Städten wohnt. Es fühlt sich vielmehr so an, als ob sich die ganze Lebenssituation auf einen Schlag neu definiert. Man muss sich mit vielen neuen Anpassungen auseinander setzen und erlebt sich selbst ganz anders. Der neugewonnene Freiraum kann dem Selbstvertrauen aber auch einen gewissen Schub geben. Dadurch können bei beiden Partnern unterschiedliche Denkprozesse einsetzen. Typischerweise strebt ein Part mehr nach Freiheit als der andere und fragt sich: „Was hält mich eigentlich noch an meiner Vergangenheit?“ Bemerkt das der andere Partner, fühlt er sich oft zurückgelassen und Zukunftsängs­­te entstehen – er äußert sie nur nicht. Denn wenn sowieso schon kaum miteinander gesprochen wird, will man Sorgen am allerwenigsten äußern. Wenn man sich die Ängste eingesteht, fühlt man sich schließlich nur noch kleiner.

Naheliegender ist der Angriff: „Du interessierst dich gar nicht mehr für mich!“ oder die stille Resignation und das Ausscheren aus der Beziehung, frei nach dem Motto: „Der kommt sowieso nicht mehr auf mich zu.“ Wandel trägt immer etwas Bedrohliches mit sich. Paare, die trotz Veränderungen im Alltag zusammen geblieben sind haben oft ein Erfolgsrezept: Sie haben sich immer wieder gegenseitig versichert, dass sie den anderen – wie reizvoll die neue Umwelt auch sein mag – nicht „hergeben“ wollen. Denn neben Freiheit ist Verbundenheit die zweite wichtige Erfahrungsqualität im Leben von uns Menschen. Und wenn Freiheit das ist, was uns gerade in der Zeit zwischen Studium und Beruf so viel Neues erleben lässt, dann ist Verbundenheit nichtsdestoweniger ein Grundbedürfnis, das wir schon von Geburt an haben.

Verbundenheit pflegen

Damit die Verbundenheit mit dem Menschen, den wir uns ausgesucht haben, bestehen bleibt, sollten wir diesem Gefühl also so oft wie möglich Ausdruck verleihen. Wann haben Sie ihrem Partner gegenüber das letzte Mal Zuneigung ausgedrückt? Wie oft am Tag sollte man das grundsätzlich machen? Und andersherum gefragt: Wie oft kritisieren Sie Ihren Partner, wenn etwas nicht so läuft, wie Sie es  sich wünschen? Überlegen Sie an dieser Stelle vor allem, wie oft Sie mit Ihrer Kritik erfolgreich waren. Das gilt ganz besonders, wenn die gemeinsame Zeit sowieso schon knapp bemessen ist: Egal, was Sie gerade am anderen stört – vergessen Sie dabei nicht zu sagen, dass Ihr Partner immer noch die Nummer eins ist. Je mehr Sie die gemeinsame Verbundenheit über Kontakt per Telefon oder Internet fördern, desto stärker können Sie auch Ihre neugewonnene Freiheit genießen. Ganz ohne Ablenkung und Freiheit aus Außenbeziehungen.

Umgang mit Ärger: Was fehlt uns?

Wenn man im Alltag nur über Distanz Kontakt halten kann, wird die gemeinsame Zeit an Wochenenden oder im Urlaub immer wichtiger. Selten vergeht die Zeit so schnell: Sehen Sie Ihren Partner  von Freitagabend bis Sonntagnachmittag, dann benötigen Sie den Samstag meist noch, um Missverständnisse der Woche aus dem Weg zu räumen. Eine gute Regel: Wut beiseite schieben und sich öfter mal auf die Zunge beißen – aber zum richtigen Zeitpunkt. Ärger ist trotz allem ein Gefühl, das beweist, wie viel Ihnen Ihr Partner bedeutet. Achten Sie jedoch darauf, dass sich Ihr Frust nicht aufstaut. Unzufriedenheit lähmt die Nähe zum Partner, bis man sich schließlich gar nicht mehr zu ihm hingezogen fühlt, weil er so „anders“ geworden ist.

Es hilft also schon zu sagen, was einen gerade frustriert. Dabei muss man aber unbedingt deutlich machen, was genau man will. Mit Floskeln wie „Ich fühle mich nicht mehr so geliebt wie früher“ kann keiner etwas anfangen. Sagen Sie, was genau Sie vermissen oder was Sie (wieder) gemeinsam erleben wollen. Wenn man vom anderen „genug“ hat, ist es nicht unbedingt die Partnerschaft, die man beenden möchte, sondern meistens ein belastender Zustand innerhalb der Beziehung.

Gas und Bremse in der Zweisamkeit

Die meisten Beziehungen beginnen mit einem langen Rausch von Verliebtheitshormonen – oft einhergehend mit Sex an den sich beide gerne erinnern. Auch hier steht die gemeinsame Zeit oft unter großem Erfolgsdruck und die Resignation setzt schneller ein als man denkt: Es ist einfach nicht mehr so, wie früher. Das hat meist nichts mit abflauender Liebe zu tun. In der Sexualität gibt es – wie beim Auto – sowohl Gaspedal als Bremse.

Wenn es im Bett nicht mehr so zündet wie beim Kennenlernen, steht oft Stress im Weg. In sexualtherapeutischen Praxen melden sich heute viele Männer an, die einen viel zu hohen Erwartungsdruck an sich selber haben, wenn es im Bett einmal nicht klappt. Andererseits melden sich Frauen, die glauben, ihre Lust verloren zu haben. Um den Auslöser für diese sexuelle Bremse zu finden, sollten Sie das Thema auf keinen Fall persönlich nehmen. Gerade wenn man sich selten sieht, kann Sexualität ein wunderbares partnerschafts-bejahendes Ritual sein. Wenn die Erwartungen dabei jedoch zu hoch sind, dann kann kein Partner mehr „der Richtige“ sein. Es gilt: Auch bei Fernbeziehungen sollte man sich viel Zeit für das Sexleben nehmen und entspannt damit umgehen, wenn es gerade mal nicht so läuft wie früher. Wenn man Intimität den nötigen Raum gibt, dann wächst sie, anstatt abzuflauen.

Dran bleiben!

Zusammengefasst lässt sich sagen: Nicht zu schnell aufgeben! Jedes Paar hat seine eigene Liebesgeschichte. Und genau die kann einen durch schwierige Zeiten tragen. Schließlich hat man bereits am Anfang der Beziehung „Arbeit“ in die Liebe gesteckt. Warum also sollte es einfacher werden, sobald das Leben komplizierter wird? Die Erfahrung beweist: Gerade wenn man denkt, es ist vorbei, fängt es manchmal erst an, richtig interessant zu werden.


Ralf Sturm leitet gemeinsam mit Katharina Middendorf eine Praxis für Systemische Paar- und Sexualtherapie in Berlin. Die beiden bieten regelmäßig Intensiv-Tage für Paare aus ganz Deutschland an, die ihre Beziehung vertiefen oder auffrischen wollen. Außerdem unterstützen sie Paare dabei, sich klar zu werden, ob sie sich trennen oder zusammenbleiben möchten. Ihr Buch „Bereit für die Liebe“ ist im Kamphausen Verlag erschienen. middendorf-sturm.de

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