
Berufseinstieg und Karrierepfade in der Steuerberatung
Die Steuerberatung gehört zu den Branchen mit den stabilsten Einstiegschancen für Absolvent:innen – und zu den am häufigsten unterschätzten. Sieben Professorinnen und Professoren aus deutschen Hochschulen geben Einblick: Welche Aufgaben erwarten Berufseinsteiger:innen wirklich? Was unterscheidet eine WP-Gesellschaft von einer klassischen Kanzlei? Und wie lässt sich eine kluge Karrierestrategie entwickeln?
Prof. Dr. Steffen Lampert (Universität Osnabrück): Generationenwechsel als Karrierechance in der Steuerberatung
Welche Chancen bietet der Generationenwechsel in der Steuerberatung – und welche Eigenschaften sind gefragt?

Drei Beobachtungen sind hier zu machen: Erstens zeigt nicht nur die aktuellen politischen Diskussionen, dass das Thema „Besteuerung“ eines der Zukunftsthemen bleiben wird.
Zweitens zeigt die wachsende Anzahl an Kanzleien, die sich um Nachfolgelösungen bemühen, dass der Generationenwechsel im vollen Gange ist.
Und Drittens: Das Steuerrecht nimmt eine Vorreiterrolle im Bereich der digitalen Transformation ein, wobei die Herausforderungen im Rahmen der technologischen Transformation zunehmend auf jüngere Talente übertragen werden. Dies bedeutet, dass engagierte Talente, die technologieaffin den steuerberatenden Beruf nicht nur als rechtliche Beratung, sondern auch als transformative Aufgabe verstehen, derzeit sehr gute Aussichten auf das Erreichen von Führungspositionen haben. Die Eigenschaften, derer es hierfür bedarf, sind und bleiben neben Offenheit und Neugierde die Bereitschaft, sich persönlich weiterzuentwickeln und die Fähigkeit, Teamplayer zu sein!
Prof. Dr. Johanna Hey (Universität zu Köln): Interdisziplinär studieren als Fundament für die Tax-Karriere

Wie bereitet man sich im Studium am besten auf eine Tax-Karriere vor?
Wer sich bereits im Studium optimal auf die spätere Tätigkeit im Bereich der Steuerrechtsberatung vorbereiten will, sollte früh starten. Wenn man im Anschluss an eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten oder als Diplomfinanzwirt:in ein universitäres Studium anschließen möchte, sollte die Wahl auf eine Universität fallen, die ein breites Angebot im Steuerrecht unterhält. Bestenfalls ein Angebot mit Lehrveranstaltungen, die für Studierende der Wirtschaftswissenschaften ebenso wie der Rechtswissenschaften geöffnet sind. So besteht an der Universität zu Köln traditionell für Studierende der BWL die Möglichkeit, Steuerrechtsveranstaltungen sowohl der WiSo Fakultät als auch der Rechtswissen- schaftlichen Fakultät zu belegen. Das Lehrprogramm beider Fakultäten ist eng verzahnt. Ein derartiger disziplinenübergreifender Blick auf das Steuerrecht ist eine hervorragende Grundlage für die Beantwortung anspruchsvoller Steuerechtsfragen.
Auch wenn Standardprozesse im Massengeschäft zukünftig immer stärker durch KI erledigt werden, wird es immer Bedarf für die Beantwortung komplexer Steuerrechtsfragen geben. Hält man sich dann noch vor Augen, dass im höheren Dienst der Finanzverwaltung überwiegend Juristen tätig sind, wird der Wert einer steuerrechtlichen Ausbildung besonders deutlich. Gleichzeitig ist eine steuerliche Vorbildung keine Voraussetzung, um an der Universität einen Grundstein für eine zukünftige Tätigkeit im Steuerrecht zu legen. Dieser Grundstein zeichnet sich vor allem durch das Verständnis der Methoden und Zusammenhänge aus, die das Steuerrechtsstudium an der Universität von jeder anderen steuerrechtlichen Ausbildung unterscheidet und eine besondere Krisenfestigkeit gegen die permanenten Veränderungen des Steuerrechts bietet. Bestenfalls wird das steuerliche Studienprogramm ergänzt durch Gesellschaftsrecht, Erbrecht, Europarecht.
Eine Alternative zum grundständigen Studium bieten steuerrechtliche LL.M. (Master of Laws) Programme wie der LL.M. Unternehmenssteuerrecht der Universität zu Köln. Der Vorteil ist, dass hier auf erster Praxiserfahrung aufgesetzt wird. Zudem kann der Studiengang berufsbegleitend studiert werden. Das Lehrkonzept ist praxisorientierter, hat aber ebenfalls den Anspruch Methodenkompetenzen zu vermitteln.
Prof. Dr. Markus Diller (Universität Passau): Detailwissen wird ersetzt – Verständniswissen bleibt

Es heißt, die White Collar Jobs sind am meisten unter Druck durch die KI. Warum genau sollte gerade die Steuerberatung davon verschont bleiben?
Natürlich wird auch die Steuerberaterbranche einen Wandel durchlaufen und tut dies auch jetzt schon; aber der Grund, warum die Steuerberatung besonders oft im Zusammenhang mit Automatisierung durch KI genannt wird, ist, dass die meisten Menschen nur an die Abgabe von Steuererklärungen denken. Diese sogenannte Deklarationsberatung wird sicherlich bald weitgehend von KI übernommen werden.
Gleichzeitig ist der übrige und meiner Einschätzung spannendere Teil des Berufsbilds sehr KI-resistent. Es geht hierbei um strategische und interdisziplinäre Steuerberatung, wie zum Beispiel Unternehmensnachfolge oder Umstrukturierungen. Hier kommt es weniger auf Detailwissen (welches natürlich an Wert verlieren wird), sondern vielmehr auf tiefgreifendes Verständnis von Steuerwirkungen an. Ich habe schon weit vor der Popularisierung von KI meinen Studierenden immer erklärt, dass ich in meinen Vorlesungen wenig Detailwissen vermittele, sondern vor allem die grundlegende Funktionsweise von beispielsweise dem Umwandlungssteuerrecht oder dem Internationalen Steuerrecht. Die Details kann sich jeder im Berufsleben in Sekunden über Datenbanken oder KI beschaffen, Verständniswissen und methodisches Wissen hingegen nicht.
Hinzu kommt, dass Steuerberater:innen auch Begleitung und Vertrauenspersonen bei strategischen Unternehmensentscheidungen sind, bei denen es nicht nur auf die steuerrechtliche Expertise ankommt, sondern insbesondere auf die Verzahnung von betriebswirtschaftlicher und steuerlicher Kompetenz sowie auf die kommunikativen Fähigkeiten, schlecht strukturierte Konstellationen zu verstehen und (auch unbequeme) Ratschläge überzeugend zu kommunizieren. Ich bezweifle, dass diese Vertrauensdienstleistung der KI jemals vollständig gelingen wird – falls doch, so wären jedenfalls zahlreiche Berufsfelder in der Betriebswirtschaft, aber auch außerhalb, weit vor der Steuerberatung betroffen.
Prof. Dr. Christian Fink (HS RheinMain): Vom Sachbearbeiter zum Berater – Selbstverständnis in der Steuerberatung

Selbstverständnis in der Steuerberatung: Wie entwickelt man die Fähigkeit, vom reinen Dienstleister zum vertrauensvollen Partner zu werden?
Der Übergang vom reinen Sachbearbeiter zum wirklichen Berater ist ein Entwicklungsprozess. Entscheidend ist die Fähigkeit, Mandanten nicht nur zu informieren, sondern ihre Situation aktiv mitzudenken. Diese Skills entstehen im Studium durch praxisnahe Fallstudien, Präsentationen komplexer Sachverhalte sowie die direkte Einbindung in Mandantengespräche während der Praxisphasen.
Gerade im dualen Studium erleben Studierende frühzeitig typische Situationen: das erste Gespräch mit einem Mandanten, Unsicherheiten bei Rückfragen oder die Herausforderung, komplexe steuerliche Sachverhalte verständlich darzustellen, zu analysieren und zu bewerten. Aus diesen Erfahrungen entstehen Selbstvertrauen und die Fähigkeit, Bedürfnisse zu antizipieren, bevor Mandanten sie selbst formulieren.
Prof. Dr. Johannes Lorenz (Universität Regensburg): Spezialisierung statt Steuererklärung – das wahre Berufsbild der Steuerberatung

Was macht die Vielfalt der Steuerberatung aus und welche Vorurteile gehören ausgeräumt?
Viele verbinden mit dem Beruf des Steuerberaters vor allem das lästige Ausfüllen von Steuererklärungen – dabei haben die allermeisten Steuerberater:innen damit nur selten oder sogar nie zu tun. Tatsächlich ist das Tätigkeitsfeld äußerst vielfältig, und in der Praxis spezialisieren sich viele Berater:innen auf einzelne Bereiche. In manchen Feldern ist die Arbeit stark juristisch geprägt, etwa im Konzernsteuerrecht, im Umwandlungssteuerrecht oder natürlich im Steuerstrafrecht. In anderen Bereichen – etwa in der Umsatzsteuer oder Lohnsteuer – ist auch ein gutes prozessuales Verständnis gefragt; hier bewegt sich die Tätigkeit teilweise sogar in Richtung Wirtschaftsinformatik.
Der Bereich Verrechnungspreise wiederum ist eng mit internem Rechnungswesen und dem Umgang mit großen Datenmengen verbunden. In der Nachfolgeberatung sind neben fundiertem Fachwissen im Erbschaftsteuerrecht auch Empathie und ein Gespür für oft komplexe familiäre Konstellationen entscheidend. Den einen Beruf „Steuerberater“ gibt es daher nicht, sondern eine Vielzahl hochspezialisierter Tätigkeitsfelder.
Prof. Dr. Marcel Olbert (Universität Mannheim): Netzwerk und Praxisnähe als Karriere-Turbo im Master

Warum lohnt es sich bei einem Master in Steuern, gezielt auf die Praxisvernetzung des Lehrstuhls zu achten?
Ein Masterstudium in Steuern entfaltet seinen vollen Wert dort, wo wissenschaftliche Fundierung und Praxisvernetzung Hand in Hand gehen. Gastdozenten und Honorarprofessoren aus der Praxis – sei es aus der Steuerberatung oder Wirtschaftsprüfung – bereichern die Ausbildung auf eine Art, die kein Lehrbuch ersetzen kann: Sie unterrichten an den Grenzen des geltenden Rechts, bringen aktuelle Fallstudien direkt aus dem Berufsalltag mit und vermitteln ein Gespür für das, was in der Praxis wirklich zählt. Das kann ein Uniprofessor alleine nicht leisten.
Mindestens ebenso bedeutsam sind die Karriereperspektiven, die ein gut vernetzter Lehrstuhl eröffnet. Natürlich findet jeder qualifizierte Absolvent heute in diesem Bereich eine Position. Aber persönliche Kontakte, die im Studium über den Lehrstuhl entstehen, sind oft die entscheidende Überholspur – für den Einstieg in die attraktivsten Stellen und für einen echten Fast Track in der Steuer- und Wirtschaftsprüfungskarriere. In Mannheim haben wir hier unzählige Beispiele von Alumni, für die das Netzwerk über unsere Lehrstühle ein super starker Faktor war.
Dabei darf man eines nicht aus dem Blick verlieren: Wissenschaftliche Güte der Grundausbildung und die Qualität der Peergroup sind genauso entscheidend. Eine ambitionierte Studierendengemeinschaft beschleunigt das Lernen erheblich – und ist selbst der Grundstein für ein belastbares Netzwerk der Zukunft. Der goldene Weg führt also über die Kombination aus hohem akademischem Anspruch, methodischer Strenge und enger Verzahnung mit der Praxis.
Prof. Dr. Karoline Maier (HM München): Human in the Loop – warum der Mensch in der KI-Steuerberatung entscheidend bleibt

Wie verändert KI die tägliche Arbeit in der Steuerberatung konkret?
Künstliche Intelligenz verändert die Steuerberatung grundlegend, indem sie Routinetätigkeiten automatisiert und Prozesse deutlich effizienter macht. Dadurch verschiebt sich die Rolle des steuerberatenden Berufs von der reinen Bearbeitung hin zu einer stärker beratenden und prüfenden Funktion. Für Ausbildung und Studium bedeutet das einen Paradigmenwechsel: Nicht mehr die theoretische Erstellung, sondern die kritische Bewertung von Ergebnissen steht im Mittelpunkt. Nach dem Prinzip „Human in the Loop“ bleibt der Mensch die letzte Instanz und übernimmt die Verantwortung für KI-gestützte Entscheidungen. Die Lehre muss deshalb gezielt Kompetenzen zur Vertrauensübernahme, Urteilsfähigkeit und zum reflektierten Umgang mit KI vermitteln.