Wie verändert KI die Wirtschaftsprüfung? Eine WGMB-Studie mit über 2.000 Führungskräften zeigt, was Einsteiger:innen jetzt brauchen.

Die aktuelle WGMB-Studie „Deutschlands beste Wirtschaftsprüfer“ von Professor Dietmar Fink und Dr. Bianka Knoblach liefert weit mehr als ein Ranking. Für high potential haben wir jene Befunde herausgegriffen, die für Studierende besonders interessant sind – und daraus jeweils ein eigenes Karriere-Fazit abgeleitet. Denn mit der Branche verändern sich auch Einstiegswege und Anforderungsprofile.
Was du wissen solltest
- Größe hilft zunächst: Fast 60 Prozent der Befragten erwarten, dass die Big Four vom KI-Schub profitieren, doch mehr als 70 Prozent rechnen mit Zusammenschlüssen im Verfolgerfeld.
- Der Fachbereich zählt mehr als die Marke: Selbst innerhalb der Big Four unterscheiden sich die Spitzenplätze deutlich nach Fachgebiet.
- Der Mittelstand sucht Nachfolger: 72 Prozent erwarten, dass die Digitalisierung viele Kanzleien vom Markt verdrängt, und für junge Fachleute können sich dadurch früh Chancen auf Verantwortung ergeben.
Mehr als 2.000 Führungskräfte – vor allem Vorstände und Geschäftsführer – hat die Wissenschaftliche Gesellschaft für Management und Beratung (WGMB) für ihre Studie befragt. Besonders deutlich fallen ihre Erwartungen an KI aus: Sie soll die Abschlussprüfung in den kommenden Jahren schneller machen und klassische Arbeitsabläufe verändern. Damit stellt sich auch die Frage neu, was Berufseinsteiger:innen künftig können müssen.
KI macht die Prüfung schneller – aber nicht automatisch einfacher
Die Erwartungen auf Mandantenseite sind ziemlich klar: Knapp 80 Prozent der von WGMB befragten Führungskräfte gehen davon aus, dass KI-Systeme die Abschlussprüfung in den kommenden fünf Jahren bestimmen und deutlich verkürzen werden. Knapp 40 Prozent erwarten, dass sich der Prüfprozess spürbar verbilligt.
Damit bekommt eine Branche ein neues Kostenproblem, die ihr Geld traditionell vor allem in hoch qualifizierte Mitarbeiter gesteckt hat. Leistungsfähige KI-Systeme müssen entwickelt, eingekauft, gepflegt und in bestehende Abläufe eingebaut werden. Der Investitionsbedarf erreicht nach Einschätzung des manager magazins eine bislang nicht gekannte Größenordnung. Der hohe Kapitalbedarf verändert nicht nur die Prüfung selbst, sondern auch den Wettbewerb. Denn das eingesetzte Kapital muss irgendwann auch wieder eingespielt werden. Für Nachwuchskräfte verschiebt sich durch die KI der Wert des Wissens, das einst für klassische Routinetätigkeiten benötigt wurde. Wesentlich wichtiger wird es, Ergebnisse fachlich beurteilen zu können: Passt das Resultat zum Geschäftsmodell? Ist eine Auffälligkeit tatsächlich relevant? Wo muss nachgefragt werden?
Fazit für deine Karriere: „Lerne mit KI umzugehen“ ist ein fader Rat. Für die heutige Absolventengeneration wird das zunehmend selbstverständlich. Interessanter ist, ob du Geschäftsmodelle verstehst, Zusammenhänge erkennst und Ergebnisse fachlich einordnen kannst. Genau dort beginnt der Teil der Arbeit, den ein KI-Tool nicht für dich erledigt.
„Für Nachwuchskräfte kann das Berufsexamen zum Karriereturbo werden“
Größe hilft zunächst – und bringt Bewegung ins Verfolgerfeld
Die Vorstellung, KI könne den Größenunterschied zwischen den Marktführern und kleineren Wettbewerbern kurzfristig beseitigen, findet in den WGMB-Ergebnissen wenig Unterstützung. Fast 60 Prozent der Studienteilnehmer erwarten vielmehr, dass die Big Four wegen ihrer Größe zunächst vom KI-Schub profitieren.
Das ist nachvollziehbar, denn wer neue Systeme finanzieren, Spezialisten einstellen und Technologie über viele Mandate verteilen kann, startet mit besseren Möglichkeiten. Auf diesem Größenvorteil können sich die Big Four allerdings nicht ausruhen, denn mehr als 70 Prozent der Befragten rechnen damit, dass sich Gesellschaften im Verfolgerfeld zusammenschließen werden. Fink hält es für möglich, dass daraus ein oder zwei neue große Wettbewerber entstehen, die den Big Four stärker Paroli bieten.
Für Berufseinsteiger:innen ist das ein interessanter Nebeneffekt des technologischen Umbruchs. Die klassische Einteilung in vier sehr große Häuser und einen weit dahinter liegenden Rest könnte unschärfer werden. Das Verfolgerfeld bietet schon heute eigene Karrierewege, Spezialisierungen und sogar internationale Möglichkeiten.
Fazit für deine Karriere: Schau niemals nur auf die heutige Größe eines Arbeitgebers. Interessant ist auch, wohin er sich bewegt. Investiert die Gesellschaft? Wächst sie aus eigener Kraft oder über Zusammenschlüsse? Welche Fachgebiete baut sie aus? Ein Arbeitgeber, der heute zur zweiten Reihe zählt, kann in einigen Jahren ganz anders aufgestellt sein – und es gibt nichts besseres, als genau in dieser dynamischen Phase an Bord zu sein.
Der Fachbereich kann wichtiger sein als die Arbeitgebermarke
Eine der aufschlussreichsten Erkenntnisse der WGMB-Untersuchung steckt nicht im Gesamtranking, sondern in den Einzelauswertungen. Selbst innerhalb der Big Four zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Fachgebieten. Die Spitzenplätze verteilen sich auf verschiedene Häuser; keine Gesellschaft dominiert sämtliche Disziplinen. Fink sieht darin einen Hinweis darauf, dass selbst sehr große Prüfungs- und Beratungsgesellschaften keineswegs überall gleich stark wahrgenommen werden. Das mag zunächst nach einer akademischen Feinheit des Rankings klingen, ist für die Arbeitgeberwahl aber keinesfalls trivial. Denn wer in die Abschlussprüfung möchte, braucht einen anderen Blick auf den Markt als jemand, der sich für Steuerberatung, IT, Transaktionen, Restrukturierung oder digitale Themen interessiert.
Hinzu kommt ein zweiter Befund. Fink deutet einen Teil der Ergebnisse als Warnsignal für Gesellschaften, die intern zu viel Energie gebunden haben. In der Studie spiegele sich der Eindruck wider, dass manche Big-Four-Häuser zeitweise stärker „mit sich selbst als mit dem Markt beschäftigt“ gewesen seien.
Das ist für Bewerber durchaus relevant. Eine bekannte Marke garantiert ein großes Netzwerk und viele Möglichkeiten. Sie sagt aber noch nicht, wie gut ein bestimmtes Team geführt wird, welche Mandate dort liegen oder wie viel man von den Kollegen tatsächlich lernen kann.
Fazit für deine Karriere: Wähle nicht nur die Gesellschaft, sondern auch den Fachbereich. Frage nach Mandaten, Team, Führung und Entwicklungsmöglichkeiten. Da du von den Menschen lernen wirst, mit denen du täglich arbeitest, lohnt sich ein Blick auf wgmb.org. Dort findest du die Rankings und kannst sehen, welche Gesellschaften in deinem gewünschten Fachgebiet besonders gut bewertet werden.
Im Mittelstand beginnt die nächste Neuordnung
Während bei den Big Four vor allem Investitionskraft und Technologie im Mittelpunkt stehen, kommt im Mittelstand ein zweites Thema hinzu: die Nachfolge. Eine WGMB-Befragung von 89 mittelständischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zeigt, wie groß der Druck inzwischen ist. 72 Prozent erwarten, dass durch die Digitalisierung viele Kanzleien vom Markt verschwinden werden. 21 Prozent erwägen, Wettbewerber zu übernehmen oder Partnerschaften einzugehen.
Bianka Knoblach beschreibt die Lage vieler Gesellschaften als Zwickmühle. Auf der einen Seite fehlen Nachfolger, auf der anderen Seite müssen erhebliche Summen in Digitalisierung und KI fließen. Für einige Inhaber ist das ein Anlass, gerade jetzt über Verkauf, Zusammenschluss oder den Beitritt zu einem größeren Verbund nachzudenken.
Ein flächendeckendes Verschwinden kleinerer Häuser erwartet Knoblach allerdings nicht. „Verkaufswillige Wirtschaftsprüfer hatten noch nie so viele Optionen. Ich erwarte, dass etliche sie nutzen werden“, sagt sie. Wer überwiegend Unternehmen in seiner Region betreue oder fachlich spezialisiert sei, könne auch künftig klein und eigenständig bleiben und digitale Services zukaufen.
Fazit für deine Karriere: Für Nachwuchskräfte entsteht daraus eine Arbeitgeberlandschaft, in der das Berufsexamen zum Karriereturbo werden könnte. Wo Berufsträger ausscheiden und Nachfolger fehlen, können sich für junge Steuerberaterinnen oder Wirtschaftsprüfer früh Möglichkeiten ergeben, Verantwortung zu übernehmen.
Der Mensch bleibt elementar
KI-Systeme können große Datenmengen durchsuchen, Muster erkennen und Prüfungsprozesse beschleunigen. Was damit nicht verschwindet, ist die Notwendigkeit, Verantwortung für ein Prüfungsurteil zu übernehmen. Wer vor allem Routinen beherrscht, deren Automatisierung technisch möglich und wirtschaftlich attraktiv ist, gerät leichter unter Druck. Wer Geschäftsmodelle versteht und Zusammenhänge erkennt und diese fachlich und kommuni- kationsstark begründen kann, bringt mit, was in der Branche dauerhaft gefordert sein wird.
Fazit für deine Karriere: In der hochtechnologisierten Welt ist es fast ein tröstliches Fazit: Trotz KI bleiben Audit, Tax und Advisory ein People Business. Deswegen lohnt es sich, den Blick von der rein fachlichen Büffelei im Studium auch mal darauf zu richten, wie man als Typ eigentlich „rüberkommt“. Je mehr Routinearbeit automatisiert wird, desto stärker fällt ins Gewicht, wie jemand urteilt, argumentiert und mit Menschen umgeht.
Laut Artikel beschleunigt KI Prüfungsprozesse, doch die Verantwortung für ein Prüfungsurteil bleibt beim Menschen. Wer vor allem Routinen beherrscht, deren Automatisierung technisch möglich und wirtschaftlich attraktiv ist, gerät leichter unter Druck. Laut Artikel bietet das Verfolgerfeld schon heute eigene Karrierewege, Spezialisierungen und internationale Möglichkeiten. Wer die großen Häuser direkt vergleichen möchte, findet Profile wie das Deloitte-Profil und das PwC-Profil auf high potential. Laut Artikel wird es wichtiger, Ergebnisse fachlich beurteilen zu können, Geschäftsmodelle zu verstehen und Zusammenhänge zu erkennen. Mehr zu den Studienbefunden gibt es im früheren Artikel mit Dietmar Fink und Bianka Knoblach.Häufige Fragen zu Karrieren in der Wirtschaftsprüfung
Ersetzt KI Wirtschaftsprüfer?
Gibt es spannende Karrierewege außerhalb der Big Four?
Was sollten Berufseinsteiger heute können?