
Dr. Bianka Knoblach ist Geschäftsführende Direktorin der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Management und Beratung und leitet das Deutsche Institut für Beratungswissenschaften in Berlin.
„Große Chancen, schnell Verantwortung zu übernehmen“
Ein Gespräch mit Professor Dr. Dietmar Fink und Bianka Knoblach, die dank ihrer seit Jahren regelmäßig durchgeführten Studie „Deutschlands beste Wirtschaftsprüfer” nicht nur um die Leistungsfähigkeit einzelner WP-Gesellschaften wissen, sondern auch, wie sich Studierende auf die neuen Rollen in der Branche vorbereiten. Es seien vor allem drei Dinge, die man brauche, wenn man heute in die Wirtschaftsprüfung einsteige. Welche Schlüsselqualifikationen für die Karriere besonders relevant sind, erklären die beiden erfahrenen Branchenkenner im Interview.
KI in der Wirtschaftsprüfung führt zur größten Disruption seit Jahrzehnten. Was hören Sie aus den WP-Gesellschaften, wie es um die eigene Strategie in Hinblick auf den revolutionären Wandel bestellt ist?
Dietmar Fink: Das Bewusstsein für die Tragweite ist da, aber der rote Faden fehlt oft noch. Fast jede große Gesellschaft hat heute eigene Programme, Labore und Pilotprojekte zur Künstlichen Intelligenz. Aber den eigentlichen Schritt – das Geschäftsmodell vom klassischen Stundenverkauf hin zu digitalen Plattformen und skalierbaren Lösungen zu drehen –, diesen Schritt gehen bisher nur wenige konsequent an. Das IDW hat zwar Standards für den Einsatz automatisierter Tools und Techniken entwickelt, die sogenannten ATT. Aber Standards allein machen eben noch keine Strategie.
Bianka Knoblach: Die Prognosen klingen beeindruckend: 30 bis 50 Prozent Zeiteinsparung sind in bestimmten Bereichen durchaus realistisch, etwa bei der Prüfung von Belegen oder beim Datenabgleich. Die Erfahrung zeigt aber: Ohne tiefgreifende organisatorische und kulturelle Veränderungen fallen die Produktivitätseffekte deutlich kleiner aus.
Dietmar Fink: Besonders weit sind diejenigen Gesellschaften, die Technologie und Governance zusammen denken. Sie investieren nicht nur in KI-Anwendungen, sondern bauen zugleich Strukturen auf, um die künftigen Anforderungen der europäischen Regulierung zu erfüllen. Der neue AI Act der EU macht zum Beispiel für bestimmte Hochrisiko-Systeme detaillierte Vorgaben – von Datenqualität über Risikomanagement bis zur lückenlosen Dokumentation. Wer das von Anfang an berücksichtigt, kann Künstliche Intelligenz wirklich skalieren. Das Zusammenspiel von Technologie und Regulierung haben wir schon in anderen Feldern wie der Nachhaltigkeitsberichterstattung gefordert – jetzt wird es zum entscheidenden Erfolgsfaktor.
Wer tut sich mit dem Wandel in der Wirtschaftsprüfung leichter: Die Big Four mit ihrer Finanzkraft, die ihnen hohe Investments in neue Technologien erlauben? Oder das Verfolgerfeld, das möglicherweise den Vorteil hat, sich schneller anpassen zu können?
Bianka Knoblach: Die großen Vier haben ohne Frage die Kriegskasse, um massiv in Technologie zu investieren. Aber Geld allein ist nicht alles. In den vergangenen Jahren haben die mittelgroßen Gesellschaften, die sogenannten Next Six, gezeigt, dass sie wendiger sind: Sie sind im Schnitt um rund 16 Prozent gewachsen – deutlich stärker als die Big Four. Diese Dynamik kommt nicht zuletzt daher, dass sie schneller Entscheidungen treffen und neue Themen direkt in die Prüfungspraxis bringen können. Im Moment ist Geschwindigkeit ein klarer Vorteil.
Dietmar Fink: Man kennt das Bild vom Tanker und vom Schnellboot. Die Big Four sind die Tanker – sie haben Power, Durchhaltevermögen und die globale Infrastruktur, um komplexe Mandate und internationale Regulierungsvorgaben zuverlässig abzuwickeln. Die mittelgroßen Gesellschaften sind die Schnellboote: wendig, nah am Mandanten, mit kurzen Entscheidungswegen. Dort, wo neue Felder entstehen – etwa die Prüfung von Nachhaltigkeitsberichten nach der Corporate Sustainability Reporting Directive, kurz: CSRD, oder der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Abschlussprüfung –, können sie schneller in den Markt gehen. Genau hier entsteht der Hebel für den Einsatz von KI.
„Karrierewege werden vielfältiger und es entstehen neue Spezialisierungen in der Branche“
Der Markt für KI-Lösungen in der Wirtschaftsprüfung soll von 1 Milliarde Dollar (2023) auf 12 Milliarden Dollar (2033) wachsen. Welche neuen Kompetenzprofile entstehen dadurch für Berufseinsteiger – und wie sollten sich Studierende schon heute auf diese Entwicklung vorbereiten?
Dietmar Fink: Wir sehen drei neue Rollen, die in den kommenden Jahren besonders wichtig werden. Erstens brauchen wir Wirtschaftsprüferinnen und Wirtschaftsprüfer, die Datenanalysen wirklich beherrschen – also nicht bloß Excel, sondern Programmiersprachen wie Python, den Umgang mit großen Datenmengen und den Einsatz moderner Prüfungstools.
Zweitens wächst der Bedarf an Spezialisten für Regulierung und Kontrolle, die den europäischen AI Act und die Anforderungen an Dokumentation und Risikomanagement in der Praxis umsetzen können. Und drittens entstehen Profile, die beides zusammenführen: Menschen, die Rechnungslegung verstehen, aber auch mit Daten- und IT-Kontrollen umgehen können. Dass der Markt für KI in der Prüfung in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich ein exorbitantes Wachstum aufweisen wird, zeigt: Diese Fähigkeiten werden nicht zur Kür, sondern zur Pflicht.
Bianka Knoblach: In Großbritannien haben die großen vier Gesellschaften ihre Nachwuchsprogramme bereits um bis zu 30 Prozent reduziert. Dahinter steckt eine Mischung aus schwächerer Konjunktur, Verlagerung ins Ausland – und eben der Automatisierung vieler Einstiegsaufgaben durch Künstliche Intelligenz. Für Deutschland rechne ich nicht mit einem Kahlschlag, sondern eher mit einer Verschiebung: Weniger Jobs, in denen junge Leute Belege abhaken oder Daten übertragen, dafür mehr Einstiege in Bereichen, die mit Datenanalyse, Nachhaltigkeitsberichterstattung und KI-gestützten Prüfungen zu tun haben. Wer die klassische Bilanzierung beherrscht und gleichzeitig ein Grundverständnis für Daten und Regulierung mitbringt, wird in den nächsten Jahren hervorragende Chancen haben.
Wo sehen Sie die wichtigsten Wachstumstreiber für die WP-Branche in den kommenden Jahren?
Bianka Knoblach: Da gibt es zwei Ebenen. Kurzfristig sorgt Künstliche Intelligenz vor allem dafür, dass Prüfungen effizienter werden. Prozesse laufen schneller, die Margen verbessern sich – bis die Mandanten durch niedrigere Honorare an den Effizienzgewinnen partizipieren wollen. Mittel- und langfristig eröffnen sich aber auch neue Geschäftsfelder: Zum Beispiel die Prüfung von KI-Systemen selbst oder die Bewertung von Daten und Algorithmen. Gleichzeitig bewegt die Regulierung den Markt. Die geplante Entlastung bei der europäischen Nachhaltigkeitsberichterstattung – die sogenannte Omnibus-Initiative – nimmt rund vier von fünf Unternehmen aus der Pflicht. Das reduziert den Umfang bei den verpflichtenden ESG-Prüfungen, führt aber dazu, dass mehr Unternehmen freiwillige Prüfungen nachfragen.
Dietmar Fink: Spannend ist auch in diesem Kontext die neue Regulierung für Künstliche Intelligenz in Europa. Der AI Act verpflichtet Unternehmen, den Einsatz von Hochrisiko-Systemen sehr genau zu dokumentieren – von der Datenqualität über das Risikomanagement bis hin zur Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse. Genau hier können Wirtschaftsprüfer ihre besondere Rolle ausspielen: Vertrauen zu schaffen, wo neue Technologien zum Einsatz kommen. Wer diese Felder früh und professionell besetzt, nimmt nicht nur klassischen Managementberatern Marktanteile ab, sondern schafft tatsächlich ein neues Geschäftsfeld.
Gerade einst klassische Aufgaben der Berufseinsteiger – von der Belegprüfung über die Dokumentation bis zur Präsentationserstellung – werden zukünftig automatisiert. Wie verändern sich dadurch Aufgabenbereiche, Anforderungsprofile und Karrierepfade in der Wirtschaftsprüferbranche?
Bianka Knoblach: Früher begann die Laufbahn oft damit, dass junge Prüfungsassistenten als stille Begleiter unterwegs waren – ein bisschen wie ein „Über-die-Schulter-Schauer“. Sie blickten erfahrenen Kollegen genau auf die Finger, hakten Belege ab und dokumentierten gründlich, aber eher im Hintergrund. Diese Rolle verändert sich gerade grundlegend.
Heute geht es weniger um das reine Abarbeiten, sondern mehr darum, Daten zu bewerten, Auffälligkeiten zu erkennen, interne Kontrollen zu beurteilen und Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie im Vorstand oder im Prüfungsausschuss verständlich sind. Gefragt ist also jemand, der Gründlichkeit mit Neugier verbindet: sicher im Umgang mit Zahlen, offen für digitale Werkzeuge und vertraut mit den neuen Anforderungen rund um Nachhaltigkeit, die europäische Berichtspflicht und den AI Act zur Regulierung von Künstlicher Intelligenz.
Dietmar Fink: Auch die Karrierewege werden vielfältiger. Neben der klassischen Abschlussprüfung entstehen neue Spezialisierungen – etwa im Bereich Nachhaltigkeitsprüfung, Cybersecurity oder bei der Kontrolle von KI-Systemen. Hinzu kommen Profile, die sich mit digitalen Plattformen und automatisierten Tools beschäftigen, oder Rollen, die Mandantenbeziehungen und komplexe Projekte steuern. Das IDW unterstützt diese Entwicklung mit Leitfäden und Schulungen zum Einsatz moderner Prüfungstechniken. Das gibt jungen Berufseinsteigern Orientierung in einem Feld, das gerade enorm in Bewegung ist.
Die „Next Six“ sind zuletzt deutlich stärker als die Big Four gewachsen. Was ist das Erfolgsgeheimnis der mittelgroßen Prüfungsgesellschaften und wo liegen deren Wachstumstreiber?
Bianka Knoblach: Drei Dinge machen den Erfolg aus: die Nähe zum Mittelstand, schnellere Entscheidungswege und gezielte Spezialisierung. Themen wie ESG oder Cybersecurity haben viele mittelgroße Gesellschaften früh aufgegriffen, an die speziellen Bedürfnisse des Mittelstands adaptiert und damit Marktanteile gewonnen.
Besonders stark entwickelt haben sich zuletzt RSM Ebner Stolz und Forvis Mazars. RSM ist mit zweistelligen Wachstumsraten unterwegs. Und Forvis Mazars profitiert vom Zusammenschluss mit Forvis in den USA – das gibt Rückenwind auch im deutschen Markt. Die übrigen Next Six – BDO, Rödl & Partner, Grant Thornton und Baker Tilly – wachsen ebenfalls solide, allerdings ohne eine vergleichbare Dynamik.
Dietmar Fink: Aber natürlich darf man die Big Four nicht abschreiben. Der Wirecard-Skandal hat EY vorübergehend geschwächt und den mittelgroßen Gesellschaften einen Reputationsgewinn eingebracht. Nach dem Motto: „Die arbeiten noch sauber und bodenständig. Die Großen sind doch alle in irgendetwas verstrickt.“ Langfristig zeigt sich aber: An den Big Four kommt man bei den wirklich großen Prüfungsaufträgen nicht vorbei. Das Allianz-Mandat, das ab 2027 wieder von EY geprüft wird, ist ein gutes Beispiel dafür. Es unterstreicht, dass die Big Four ihre zentrale Rolle im Markt behalten, selbst wenn sie skandalbelastet sind.
„Kenntnisse in Rechnungslegung, Risikomanagement & Regulatorik sowie starke Kommunikation sind die wichtigsten Karrierefaktoren“
Finanzinvestoren kaufen sich in die deutsche WP-Branche ein. Wie verändert das die Arbeitskultur und Karrieremöglichkeiten für Berufseinsteiger?
Bianka Knoblach: Mit Afileon sehen wir das erste große Private-Equity-Konstrukt in Deutschland: Die Partners Group hat inzwischen rund 25 Kanzleien unter diesem Dach gebündelt und will den Umsatz bis 2027/28 auf eine halbe Milliarde Euro steigern. Für Berufseinsteiger bedeutet das Chancen und Herausforderungen zugleich. Einerseits entstehen in so einem Verbund neue Karrierewege, es gibt Investitionen in Technologie und Künstliche Intelligenz und professionellere Strukturen im Recruiting. Andererseits bringt Private Equity auch den Erwartungsdruck mit, schnell profitabel und effizient zu arbeiten. Das verändert die Kultur – weniger partnerschaftlich, stärker auf Kennzahlen fokussiert.
Dietmar Fink: Die entscheidende Frage ist die der Unabhängigkeit. Die Berufsaufsicht gibt da klare Leitplanken vor: Wirtschaftsprüfungsgesellschaften müssen die Trennung von Prüfung und Beratung sicherstellen, ganz gleich, wem sie gehören. Private-Equity-Investoren ändern die Anreize, nicht die Regeln. Für Absolventinnen und Absolventen heißt das: Schauen Sie sich die Eigentümerstruktur und die Governance genau an. Fragen Sie ruhig nach, wie das Unternehmen seine Unabhängigkeit schützt und welche Qualitätsindikatoren es vorweisen kann. Das ist nicht nur für die Aufsichtsbehörden wichtig, sondern auch für das eigene Berufsverständnis.
Wenn Sie einem an der Wirtschaftsprüfer-Branche interessierten Studierenden heute einen Rat für die nächsten fünf Jahre geben müssten – auf welche Fähigkeiten sollte er setzen, und welche Karrierestrategie empfehlen Sie im Zeitalter von KI?
Bianka Knoblach: Wer in die Branche einsteigt, sollte drei Dinge im Gepäck haben. Erstens: solides Handwerk in der Rechnungslegung – also IFRS und HGB, dazu ein Grundverständnis für Datenanalyse und moderne Prüfungstools. Zweitens: Kenntnisse in Regulierung und Risikomanagement. Der europäische AI Act oder die Nachhaltigkeitsrichtlinie CSRD werden den Alltag der Prüfung massiv prägen. Und drittens: die Fähigkeit, Ergebnisse überzeugend zu kommunizieren – schriftlich wie mündlich, und zwar so, dass sie auch im Vorstand oder im Aufsichtsrat verstanden werden. Das klingt vielleicht klassisch, ist aber gerade im Zeitalter der KI wichtiger denn je.
Dietmar Fink: Dazu kommt ein Faktor, der oft übersehen wird: die Demografie. Ein Drittel der deutschen Wirtschaftsprüfer ist älter als 60, und drei von vier Gesellschaften klagen über akuten Personalmangel. Für Nachwuchs- kräfte bedeutet das: Die Chancen, schnell Verantwortung zu übernehmen, waren selten so gut. Wer die neuen Technologien beherrscht und gleichzeitig das klassische Prüfungsgeschäft versteht, hat alle Möglichkeiten.
Bianka Knoblach: Mein Rat für die Karriereplanung: Suchen Sie früh nach Projekten, in denen Sie nicht nur zuarbeiten, sondern wirklich gestalten können – auch wenn es kleine Mandate sind. Denken Sie KI und Digitalisierung von Anfang an mit, achten Sie auf Qualität und Dokumentation, und bauen Sie sich eine eigene Nische auf, sei es in der Nachhaltigkeit, im Zahlungsverkehr oder in der Software-Prüfung. Ob bei den Big Four, den Next Six, in einem Verbund wie Afileon oder bei einer kleineren Kanzlei – entscheidend ist, dass Sie dort arbeiten, wo Sie lernen, etwas aufzubauen und echte Wirkung erzielen können.