Die Berufseinsteigerfrage: „Wie bewältige ich Konflikte im Job?“

Torben (26): „In den ersten drei Monaten meines ersten Jobs bei einer Top-Beratung habe ich mit dem sehr kompetitivem Kollegenkreis zu kämpfen. Der Ton ist rau, jeder schaut vor allem auf sich selbst. Fachlich macht das alles keine Probleme für mich, aber ich bin leider ein konfliktscheuer Mensch, der sehr schnell zurückzieht. Wie kann ich es lernen, Konflikte nicht nur auszuhalten, sondern auch erfolgreich zu bestehen?“

Für viele hoch kooperative Menschen ist es in der Tat eine Herausforderung, sich in einem sehr kompetitiven Umfeld zurecht zu finden. Für solche Personen ist es nicht leicht, sich täglich gegenüber anderen unter Beweis zu stellen, ihre Meinungen gegenüber anderen durchzusetzen oder in Konfliktsituationen zu bestehen. Welche Strategien gibt es, sich in einem sehr wettbewerbsintensiven Umfeld zu bewegen?

Sachliche Robustheit

Sachliche Robustheit bedeutet, eine gewisse Unverletzlichkeit und gleichzeitig Zielstrebigkeit zu entwickeln.
Kommunikationstechnisch gibt es dafür zwei Wege. Der erste besteht darin, darauf zu achten, für die eigene Position klare Begründungen vorzubringen. Das heißt, stets zu überlegen: wie kann ich meine Meinung am besten durch präzise Argumente unterstützen? Das schafft Be­gründungsmacht und erhöht in der Regel die Akzeptanz auf der anderen Seite.

Die zweite Weg besteht darin, sich Klarheit über die eigenen Anliegen zu verschaffen und diese Anliegen dann konsequent zu vertreten und zu verteidigen. Konkret heißt das: Streitpunkte als Verhandlungssituationen zu betrachten, in denen es darum geht, die Anliegen der beteiligten Parteien unter einen Hut zu bringen. Anders ausgedrückt: ich interpretiere Auseinandersetzungen und Konflikte als Gelegenheiten, eine Verhandlungslösung zu erarbeiten.

Gesprächsjudo

Eine weitere Möglichkeit, sich erfolgreich in einem sehr kompetitiven Umfeld zu bewegen, besteht darin, die Kunst des Fragens zu vervollkommnen. Fragen sind ein äußerst elegantes Mittel, um Situationen zu entspannen, die Beweislast zu verschieben, Äußerungen zu präzisieren, den Gesprächspartner zum Nachdenken zu bringen und Gespräche in eine gewünschte Richtung zu führen. Der Einsatz von wertschätzenden Fragen führt nach dem Gegenseitigkeitsprinzip (Wie du mir, so ich dir) in der Regel dazu, dass man selbst auch mehr Gehör findet. Wenn ich bereit bin, jemanden zu verstehen, dann wird auch er eher bereit sein, mich zu verstehen. Fragen, die sich gut fürs Gesprächsjudo eignen, sind offene Fragen oder Präzisierungsfragen.

Die Vorbild-Methode

Um sich psychologisch kompetitiven Situationen zu stellen, kann es auch hilfreich sein, folgende Frage zu beantworten: was würde eine Person tun, deren Durchsetzungsvermögen und Überzeugungskraft ich sehr bewundere oder schätze? Wie würde sie in der Situation, mit der ich konfrontiert bin, vorgehen?
Man orientiert sich in seinem Verhalten also an einem Vorbild oder positiven Beispiel.

Im Namen Dritter

Menschen stehen Konfliktsituationen oft besser durch, wenn sie nicht für sich sprechen, sondern für andere. Sie haben dann eher die Tendenz, ihre Position klar zu vertreten. Wer sich also vorstellt, im Namen seines Teams oder seiner Familie oder im Namen seines Partners zu sprechen, wird seine Position mit mehr Engagement vertreten und nicht so schnell einen Rückzieher machen und einknicken.


Autor Dr. Thomas Wilhelm ist Managing Partner bei Projekt Philosophie. Er berät Unternehmen zu den Themen Kommunikation, Konfliktmanagement und interkultureller Zusammenarbeit. Mehr Informationen unter projekt-philosophie.de

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Die Benjamin-Franklin-Methode

Der berühmte Benjamin Franklin (Erfinder, Wissenschaftler, Diplomat und einer der Väter der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung) hat eine Methode entwickelt, um sein Leben, das aus dem Lot geraten war, wieder in den Griff zu bekommen. Er hat sich eine ganze Reihe von Werten gesetzt, an denen er täglich bis zum seinem Lebensende arbeitete, um die Person zu werden, die er gern sein wollte.

Die Methode funktioniert so:

Schritt 1: Man überlegt: welche Eigenschaft möchte ich gern entwickeln oder welchen Wert möchte ich umsetzen? Für Ihre Frage relevante Eigenschaften oder Werte könnten sein: Durchsetzungskraft, Widerstandsfähigkeit, Mut…

Schritt 2: Nachdem man einen wert ausgewählt hat, stellt man sich die Fragen: in welchen Situationen sollte ich für diesen Wert einstehen, schaffe das aber nicht? Und was sollte ich konkret in diesen Situation tun?

Schritt 3: Man macht sich einen genauen Plan: was werde ich morgen tun, um den von mir gewählten Wert in die Tat umzusetzen?

Schritt 4: Man zieht jeden Abend schriftlich Bilanz: wo bin ich heute für meinen Wert eingetreten? Wo hat es nicht so gut geklappt? Was nehme ich mir für morgen vor?

Wenn mann diesen Plan konsequent umsetzt, ist es möglich, eine Person zu werden, die auch mit Konfliktsituationen zurechtkommt.

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