Arbeitgeber der Wirtschaftsprüferbranche unter der Lupe

WP-Absolventenradar 2020

Erneut bildet die Studie „Deutschlands beste Wirtschaftsprüfer” des Forschungsinstituts WGMB unter Führung von Professor Fink die Grundlage für unseren WP-Absolventenradar 2020, über den angehende Absolventen Hinweise bekommen, wie sich Arbeitgeber und Möglichkeiten innerhalb der Branche unterscheiden. Wer gezielt von den Besten lernen will, findet hier das Ranking.

Es ist etwa drei Jahre her, da berichtete mir ein Partner einer der Big 4-Gesellschaften, man habe gerade ein europäisches Partnermeeting gehabt und sich dort bang gefragt, ob es im Jahre 2025 überhaupt noch Wirtschaftsprüfer geben würde. Man stellte sich selbst in Frage, weil die digitale Transformation vor keiner Branche Halt macht und nun möglicherweise auch die Prüfung zu einer rein technologischen Herausforderung werden konnte: Wenn die Software alle Arbeit erledigen könnte, würde man schnell überflüssig sein.

Heute ist die Stimmung eine andere. Zum einen weiß man, dass sich zwar die Geschäftsmodelle in der Branche verändern, der Bedarf an intelligenter Wirtschaftsprüfung, die den Mandanten echten Mehrwert bietet, aber keinesfalls abnehmen wird. Dies liegt auch daran, dass die Digitalisierung den Prüfer keinesfalls ersetzen kann, wie Professor Silke Hüsing erläutert: „Man könnte mutmaßen, dass Tätigkeiten durch neue Technologien verringert werden, weil das Rohmaterial des Prüfers ja Daten sind, und die kann man digital weiterverarbeiten und zwar überall. In gewissem Ausmaß wird das sicher auch so sein und damit hätte die Digitalisierung einige Routinen ersetzt, die nur wenige wirklich vermissen werden. Aus meiner Sicht liegt hierin aber ein gewisses Risiko, denn man läuft Gefahr, die Qualität der Daten nicht mehr zu hinterfragen, dabei liegt gerade in der ‚Übersetzung‘ der Realität in Buchhaltungsdaten massives Irrtums- und Fehlerpotenzial. Während der Steuerberater – je nach Struktur der Mandantschaft – mitunter tiefer Einblicke in die privaten Verhältnisse seiner Mandanten bedarf, um bestmöglich beraten zu können, muss der Wirtschaftsprüfer sich noch stärker auf die Unternehmensprozesse, das Risikomanagement, die Entwicklung des Geschäftsfeldes sowie die Verankerung ethischer und ökologischer Prinzipien einlassen, um die erforderliche Berichterstattung beurteilen zu können.”

Zum anderen bieten die Vertreter der Wirtschaftsprüferbranche nicht nur Prüfleistungen an: Neben den Bereichen Tax und Audit sind die Big 4 für ihre Kunden auch wichtige Dienstleister in Corporate Finance, Law und dem besonders wichtigen Wachstumsfeld Consulting. Gerade der margenstarke Beratungsbereich wird in den kommenden Jahren weiterhin für eine hohe Nachfrage nach gut ausgebildeten Berufseinsteigern  sorgen. Professor Dietmar Fink und Bianka Knoblach, die beiden Geschäftsführer des WGMB-Instituts und Macher der Studie „Deutschlands beste Wirtschaftsprüfer” erklären im Interview ab der Seite 10, in welchen Bereichen die Unternehmen ihre Stärken haben und in wie weit sich die Unternehmenskulturen der Big 4 von denen der mittelständischen Gesellschaften unterscheiden. Dass dort ebenfalls ein exzellenter Job gemacht wird, zeigt sich an der Andersch AG, die bei den befragten Entscheidern einen derart exzellenten Eindruck gemacht haben, dass sie im Segment der Restrukturierungsberatungen neu auf Platz 1 einstieg. Zur Erklärung: In der Studie werden in insgesamt zehn Segmenten die jeweils besten zehn Gesellschaften platziert.

Methodik: Die wissenschaftliche Gesellschaft WGMB von Professor Fink befragte 1.452 Entscheider zur Qualität der Prüferfirmen. Die gemeinsam mit dem manager magazin durchgeführte Studie ist die umfangreichste ihrer Art.

Für mittelständische WP-Gesellschaften wie Ebner Stolz, RSM oder Rödl spricht, dass man als Berufseinsteiger oft deutlich schneller mit den Entscheidern auf Mandantenseite spricht. Young Professionals, mit denen wir gesprochen haben, wissen es zu schätzen, dass man ihnen sehr zügig Verantwortung gibt und sie sich „nicht wie ein kleines Zahnrad in einem großen Gebilde fühlen”, wie es eine junge Mitarbeiterin in einem Hintergrundgespräch formulierte. Flache Hierarchien, etwas weniger Formalien und eine große Vielfalt – damit können die Mittelständler punkten. Dass sie trotz spannender Perspektiven oft gar nicht auf den Radar von Absolventen gelangen, ist dabei Resultat eines hausgemachten Problems: Selbst größere Arbeitgeber unter den mittelständischen WP-Gesellschaften scheitern an den Basics modernen Personalmarketings. Lust machende Informationen zu Entwicklungsmöglichkeiten, Unternehmenskultur oder Einstiegsoptionen sind oft nur in Spurenelementen erkennbar.

Die Branche hat noch immer mit Vorurteilen zu kämpfen. Viele verbinden mit Wirtschaftsprüfern die monotone Beschäftigung mit schier endlosen Zahlenkolonnen. Dass sich die Unternehmen mit einer Vielfalt an Themen beschäftigen und beispielsweise von Cyber Security über Healthcare bis hin zu öffentlichen Auftraggebern das Spektrum eher zu- als abnimmt, macht die Aufgaben dabei sehr reizvoll.

Wer einen Einstieg in die WP-Branche plant, muss sich zwei Fragen stellen. Erstens welches fachliche Thema ihn am meisten reizt und wo er seine Fähigkeiten am besten einbringen kann. Und zweitens, welche Unternehmenskultur ihm persönlich eher liegt – die der kurzen Entscheidungswege und dem direkteren Draht zu Vorgesetzten auf höheren Hierarchieebenen, wie es die mittelständischen WP-Gesellschaften bieten können oder internationale Perspektiven, sehr gute Weiterbildungsangebote und den renommierten Namen einer Big 4-Wirtschaftsprüfung.

Wer noch etwas Zeit bis zu seiner Bewerbung hat, sollte beherzigen, dass Technolgieverständnis zu den wichtigsten Skills gehört. Neben dem Studium kann man sich relativ schnell digital weiterbilden: Eine Design-Thinking-Session, ein AI-Workshop oder eine Agile-Coach-Ausbildung sind ein guter Einstieg.


Prüfung oder Steuern?

Professor Dr. Silke Hüsing ist Inhaberin der Professur für Betriebswirtschaftliche Steuerlehre und Wirtschaftsprüfung an der TU Chemnitz.

Was unterscheidet Karriere und  Arbeit in der Steuerberatung von der in der Wirtschaftsprüfung?
Aus Sicht eines Berufsanfängers ist ein wichtiger Punkt sicherlich, dass beide Bereiche ein Berufsexamen erfordern, das man bei Steuerberatern nach zwei bis drei Jahren Berufstätigkeit in Angriff nehmen kann und bei Wirtschaftsprüfern erst nach drei bis vier Jahren Berufspraxis.

Die Arbeitstätigkeit unterscheidet sich natürlich deutlich: Ein Wirtschaftsprüfer muss sich über die Gegebenheiten vor Ort informieren, mit den Menschen im Betrieb umgehen, um wichtige Informationen zu erhalten und sich zunehmend mit Statistik auskennen. Das impliziert häufiges Reisen mit Hotelübernachtungen. Der Steuerberater muss zwar ebenfalls Informationen erfragen, kann dies aber sehr weitgehend im persönlichen Gespräch tun und ist damit weniger auf das Reisen angewiesen.

Welche Schlüsselqualifikationen brauchen Absolventen in den beiden Bereichen?
Zunächst das, was man für die meisten Berufsfelder als wirtschaftswissenschaftlicher Absolvent benötig: Fachliche Kompetenz, Offenheit und Interesse für digitale Technologien. Speziell im Bereich Steuern und Wirtschaftsprüfung zusätzlich soziale Sensibilität und Wohlverhalten, statistische Kenntnisse, Unternehmergeist und Flexibilität.

Fällt es den Arbeitgebern leicht, solche Kompetenzträger zu finden?
Eine Gefahr sehe ich darin, dass der gegenwärtige Arbeitnehmermarkt zu einer schleichenden Ent-Qualifizierung des Nachwuchses führt. Ich denke, dass es künftig noch mehr als heute gilt, sich den Aufgaben mit einer gewissen Be­geis­terung zu widmen – wer diese mitbringt, hat exzellente Karrierechancen. Gerade die unternehmerischen Geister haben eine große Chance, sich zu profilieren.

Was sind für Sie diese unternehmerischen Geister?
Als unternehmerischen Geist würde ich jemanden verstehen, der gut über die Umgebung und seine eigenen Möglichkeiten sowie idealerweise auch die der anderen informiert ist, neue Chancen und Risiken schnell erkennen und einordnen kann und dann adäquat tätig wird.


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