
Will denn keiner Chef werden?
Weniger als ein Drittel der jungen Beschäftigten in Deutschland hält eine Führungsrolle für erstrebenswert. Was wie ein gesellschaftliches Problem klingt, ist in Wirklichkeit eine Riesenchance – für alle, die bereit sind, Verantwortung anders zu denken.
Der ein oder andere wird ihn (meistens „ihn“) bereits erlebt haben, in einem Praktikum beispielsweise; den Chef traditioneller Prägung. Dominant, hierarchisch und „von oben herab“, unnahbar sich seiner Position bewusst und nach dem Motto „kein Anschiss ist Lob genug“ führend. Als Geschäftsführer in einem KMU, Partner in einer Unternehmensberatung oder als Abteilungsleiter in einem Industrieunternehmen ist er oft deshalb in seine Führungsposition in seinem Metier fachlich überzeugen konnte. „Wer die interne Konkurrenz um den Aufstieg im Unternehmen in Controlling, Sales oder F&E deklassiert muss an die Spitze“ – nach dieser Gleichung wurde jahrzehntelang befördert.
Nur: Wer in seiner Fachdisziplin überragt, muss ja nicht zwingend auch prädestiniert sein, der Typus Menschenfänger zu sein, der seine Mitarbeitenden motiviert, mit Empathie führt und den strategischen Blick für „das große Bild“ für die Zukunft des Unternehmens hat. In Zeiten, in denen die Fachexpertise bis ins letzte Detail zunehmend ersetzbarer wird, muss Führung anders gedacht werden. Kenntnisse über Prozesse und Verständnis über Geschäftsfeldentwicklungen werden bleiben, aber dazu wird noch viel mehr das Talent benötigt, in Zeiten von Unsicherheit, Volatilität und Umbrüchen echte Orientierung zu geben. Das ist anspruchsvoll, aber sehr reizvoll.
Und je weniger sich von dieser Art der Verantwortungsübernahme angesprochen fühlen, umso mehr bieten sich denjenigen Chancen, die sich dieser nicht nur nicht verweigern, sondern aktiv bereit sind, Führung anders zu denken – und sich schon frühzeitig darauf vorbereiten. Denn genau darin liegt eine mächtige Chance: Wer früh versteht, worauf es wirklich ankommt, hat später einen Vorsprung, den man nicht in einem Traineeprogramm aufholt.
Haltung und innere Stabilität – die unterschätzte Grundlage von Führungskarrieren
Was dabei oft unterschätzt wird: Gute Führung beginnt nicht mit einem Titel. Sie beginnt mit innerer Stabilität. Mit der Fähigkeit, sich selbst zu steuern, bevor man andere führt. Im Alltag zeigt sich das unspektakulär. In Momenten, die erstmal nichts mit „Leadership“ zu tun haben: Wenn im Studium ein Gruppenprojekt kippt, weil sich niemand zuständig fühlt. Wenn Feedback im Praktikum härter ausfällt als erwartet. Oder wenn Bewerbungen einfach unbeantwortet bleiben. Genau dort entsteht – oder eben nicht – das, was später über echte Führungsqualität entscheidet.
Der Unterschied liegt weniger in der Situation als in der Haltung. Wer Schwierigkeiten vor allem als Störung wahrnimmt, wird versuchen, ihnen auszuweichen. Wer sie als Teil des Spiels akzeptiert, beginnt, an ihnen zu wachsen. Diese Verschiebung ist klein, aber folgenreich. Denn Führung heißt später nicht, Probleme zu vermeiden, sondern mit ihnen umgehen zu können, ohne die eigene Richtung zu verlieren.
Handlungsfähig trotz Zweifeln – was leistungsstarke Studierende beim Berufseinstieg unterschätzen
Damit hängt ein zweiter Punkt zusammen, der gerade unter leistungsstarken Studierenden oft unterschätzt wird: Der Umgang mit Selbstzweifeln. In Umfeldern, in denen alle gut sind, entsteht schnell das Gefühl, nicht gut genug zu sein, um große Ziele ins Visier zu nehmen. Viele warten dann auf den Moment, in dem sie sich „bereit“ fühlen. Der kommt nur selten.
Wer später führen will, muss früher lernen, auch mit Zweifeln handlungsfähig zu bleiben. Nicht, indem man sie verdrängt, sondern indem man sie einordnet. Fehler verlieren ihren Schrecken, wenn man sie nicht als Beweis persönlicher Schwäche liest, sondern als notwendige Zwischenstufen. In der Praxis bedeutet das: Du meldest dich trotzdem zu Wort, übernimmst trotzdem Verantwortung, triffst trotzdem Entscheidungen – und lernst aus dem, was nicht funktioniert hat.
Zuhören, Entscheiden, Purpose – was echte Führungspersönlichkeiten im Studium entwickeln
Die Lebensrealitäten in dieser Welt bestehen vor allem aus Unsicherheiten. Geopolitisch, gesellschaftlich aber natürlich auch in der Wirtschaft und in den Unternehmen längst. Unklare Situationen, widersprüchliche Erwartungen, Entscheidungen unter Risiko gehören zum Alltag. Wer darauf vorbereitet ist, wird es leichter haben im Beruf, die so wichtige Selbstwirksamkeit aufzubauen.
Heute, während des Studiums, entsteht diese Wirksamkeit vor allem im Umgang mit anderen. Und der beginnt nicht mit überzeugenden Reden, sondern mit etwas deutlich Unspektakulärerem, der Fähigkeit zuzuhören. Wer kennt dies nicht: In vielen studentischen Projekten scheitert Zusammenarbeit nicht an fehlender Kompetenz, sondern daran, dass niemand wirklich versteht, was die anderen antreibt. Wer hier früh lernt, genauer hinzuhören, Spannungen auszuhalten und sachlich zu bleiben, entwickelt genau die Qualität, die Teams später zusammenhält.
Unsicherheiten zu bejahen ist Leadership Ähnlich verhält es sich mit Entscheidungen. Auch im Studium gibt es davon mehr, als man denkt – nur werden sie oft überschätzt: Praktikum A oder B, Auslandssemester ja oder nein, Thema der Abschlussarbeit. Viele hadern damit, Entscheidungen zu treffen und warten auf den Moment, an dem sie endlich die perfekte Information erhalten. Wer darauf wartet, verschiebt Entscheidungen oder trifft sie aus Angst vor Fehlern möglichst defensiv. Führung funktioniert anders. Sie verlangt, Ungewissheit auszuhalten, Optionen abzuwägen – und dann bewusst zu wählen.
Was dabei hilft, ist ein klareres Verständnis davon, wofür man das alles eigentlich macht. Viele orientieren sich zunächst an Zielen wie guten Noten, renommierten Stationen und einem überzeugenden Lebenslauf. Das ist nachvollziehbar – trägt aber nur begrenzt. Denn die Konzentration auf die typischen „Must-haves, die Grundbedingung für eine erfolgreiche Karriere sind“, sind oft auch Ausdruck einer starken Egozentriertheit, eines „ich schaue nur auf mich, um mit spätestens 35 Jahren am – oft auch materiell getriebenen – Ziel meiner Karriere zu sein“.
Dieser immer selbstoptimierende Blick auf sich selbst stiftet einerseits eine gewisse elitäre Identität, die sich aus der Vergleichbarkeit von glänzenden Noten, Auslandsaufenthalten in fernen Ländern und Praktika bei besonders renommierten Adressen relativ widerspruchsfrei herleiten lässt. Andererseits blendet dieser fokussierte Blick auf die eigene Leistungsfähigkeit oft auch aus, was um einen herum passiert. Wie es Menschen geht, wie sich Gesellschaften entwickeln, wo neue intellektuelle Herausforderungen warten. Wer eine gute Führungspersönlichkeit sein möchte, muss ein Menschenfreund sein. Und nicht nur Freund seiner selbst.
Purpose ist nicht „viel Geld verdienen“ – Führung braucht ein eigenes Warum
Ein eigenes „Warum“ wirkt hier wie ein Filter. Es macht klarer, warum man tut, was man tut. Und ob da – hoffentlich noch mehr als nur mehr als materielle Ziele oder Status der Antrieb sind. Wer weiß, was ihm wichtig ist – etwa Gestaltungsspielraum, Sicherheit oder gesellschaftlicher Beitrag –, trifft Entscheidungen anders. Und wirkt auch auf andere anders – weniger getrieben, mehr orientiert.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis dabei ist unspektakulär: Führung ist kein Sprung, sondern ein Prozess. Und der beginnt lange bevor jemand „Chef“ oder „Chefin“ wird. Im Grunde genau jetzt. Wenn du daraus etwas Konkretes mitnehmen willst, dann vielleicht das:
Übernimm Verantwortung, bevor sie dir offiziell gegeben wird, l halte Unsicherheit aus, statt auf den perfekten Moment zu warten und lerne, mit anderen immer klar und respektvoll umzugehen. Dies alles wirkt im Studium oft wie eine Randnotiz. In der Realität ist es die Grundlage für alles, was später kommt. Eins ist sicher: Echte Führungspersönlichkeiten werden immer benötigt.