
„Die Steuerberatung steht vor dem größten Umbruch seit 50 Jahren“
Systemdruck, KI, Nachwuchs und Karrierechancen im Steuerberuf: Die Steuerberatung steht vor ihrem tiefgreifendsten Wandel seit Jahrzehnten. KI automatisiert Routinen, der Berufsstand altert rapide – und Mandanten erwarten plötzlich datengetriebene Strategie statt Deklarationshandwerk. Was bedeutet das für Kanzleien, Nachwuchs und Karrierewege? Im Interview erklärt Götz Kümmerle, Associate Partner beim Research-Unternehmen Lünendonk & Hossenfelder, warum die Branche unter massivem Systemdruck steht, wo die größten Chancen liegen – und weshalb gerade jetzt der beste Moment ist, in die Steuerberatung einzusteigen.
Herr Kümmerle, Sie haben in Ihrem Lünendonk-Dossier gerade die Zukunft der Steuerberatung umfassend analysiert. Welche Entwicklungen fallen Ihnen besonders ins Auge?
Was in unserem Dossier sehr deutlich wird, ist: Die Branche steht 2025 unter einem beispiellosen Systemdruck. Drei Kräfte wirken gleichzeitig – technologische Disruption, demografischer Aderlass und ein grundlegender Wandel der Mandantenanforderungen. Früher galt die Steuerberatung als kleinteilig, solide und krisenfest. Heute erleben wir einen Sektor, der Gefahr läuft, zwischen Automatisierung, Fachkräftemangel und neuen Erwartungen aufgerieben zu werden.
Gerade im Mittelstand kann der Steuerberater zum strategischen Berater der Mandanten werden
Auf der technologischen Seite sehen wir, dass Tätigkeiten, die lange als Kern der steuerlichen Arbeit galten – Buchhaltung, Deklaration, Standardreporting –, zunehmend automatisierbar sind. Internationale Studien kommen zu dem Ergebnis, dass 60 bis 70 Prozent der Arbeitszeit in bestimmten Wissensberufen technisch substituierbar sind. Das trifft die Steuerberatung ins Zentrum, weil ihre Wertschöpfung historisch stark in Routinen organisiert war.
Gleichzeitig ist der Berufsstand überaltert: Mehr als die Hälfte der Berufsträger ist über 50, knapp ein Drittel bereits über 60, während der Anteil unter 30-Jähriger kaum die Marke von 2 bis 3 Prozent erreicht. Das ist nicht mehr normale Altersstruktur, das ist ein struktureller Schiefstand.
Und während all das passiert, transformieren sich die Mandanten?
Exakt. Im Dossier fassen wir das mit den vier D zusammen: Demografie, Digitalisierung, Dekarbonisierung und Deglobalisierung. Unternehmen richten ihre Steuer- funktionen neu aus – als datengetriebene, prozessorientierte Business-Partner des Managements. Sie erwarten von Steuerberatern, dass sie diese Sprache mitsprechen. Das alte Rollenbild des reinen Deklarationsdienstleisters passt dazu immer weniger.
Die KI hält auch in der Steuerberatung Einzug. Wie gut sind Kanzleien vorbereitet?
Sehr unterschiedlich – und im Durchschnitt nicht ausreichend. Große Einheiten mit eigenen Tax-Tech-Teams oder Innovationsbudgets sind deutlich weiter. Dort werden bereits KI-gestützte Systeme für Recherche, Dokumentenauswertung oder Mustererkennung getestet und in Pilotprozesse integriert. Für viele mittelgroße und kleine Kanzleien gilt allerdings: Es wurde zwar digitalisiert, aber selten konsequent prozessual gedacht.
Automatisierung setzt voraus, dass Abläufe standardisiert, dokumentiert und durchgängig digital sind. In vielen Kanzleien ist die Realität eher: historisch gewachsene Workflows, individuelle Lösungen, Mischformen aus Papierprozessen, PDF und Insellösungen. In so einem Umfeld lässt sich KI schwer als Produktivitätsmotor einsetzen – sie bleibt dann lediglich ein weiteres Tool. Hinzu kommt die Investitionsfrage. Der technologische Strukturbruch verlangt substanzielle Investitionen in Systeme, Datenarchitektur und Change Management. Gleichzeitig sind rund zwei Drittel der Praxen Einzelkanzleien, die weder Skalenvorteile noch direkten Zugang zu externem Kapital haben. Das Fremdbesitzverbot begrenzt die Möglichkeit, Investoren hereinzunehmen. Währenddessen kaufen internationale Softwareanbieter wie Visma gezielt TaxTech-Firmen auf, um ein eigenes Ökosystem für Buchhaltung und Steuerberatung aufzubauen.
Bemerkenswert ist: Wenn es um Digitalisierung und KI geht, ist der größte Hemmschuh nicht die Lizenzgebühr, sondern der interne Aufwand. Technologie ist da, Kapital gibt es in Teilen auch – aber der Wandel in den Köpfen und Strukturen ist das eigentliche Nadelöhr.
Macht denn die Digitalisierung den Beruf insgesamt interessanter?
Ja, sie macht ihn interessanter – wenn man den Wandel annimmt. In der klassischen Welt war ein erheblicher Teil der Arbeitszeit gebunden an Routinen: Belege sortieren, Buchungssätze, Standarderklärungen, Fristenmanagement. Das war fachlich wichtig, aber aus Sicht vieler junger Menschen nicht besonders attraktiv. In der kommenden Architektur verschiebt sich der Schwerpunkt. Tätigkeiten, die sich regelbasiert und datengetrieben abbilden lassen, wandern in Systeme: Belegerkennung, Vorausfüllung von Erklärungen, Standardabgleiche, Plausibilitätsprüfungen. Dafür entstehen neue Aufgaben, die im Dossier ausführlich beschrieben werden, etwa die Interpretation von Datenströmen, die Gestaltung vonProzessen oder die Verknüpfung von Steuerfragen mit Geschäftsmodellen, Lieferketten oder ESG-Anforderungen. Mandanten, insbesondere größere Mittelständler und Konzerne, richten ihre Steuerfunktionen derzeit so aus, dass sie als Business-Partner des Managements fungieren: Sie wollen nicht nur regelkonform sein, sondern Steuern als Steuerungsinstrument begreifen – für Investitionen, Standortentscheidungen, Nachhaltigkeitsstrategien. Externe Berater müssen sich in diese Logik einfügen.
Daraus entstehen neue Rollenprofile: der Tax Data Analyst, der Datenqualität und Schnittstellen verantwortet; der AI-Interaction-Spezialist, der steuerliche Fragestellungen für KI-Systeme operationalisiert; der Tax Process Designer, der automatisierte Workflows modelliert; und nicht zuletzt Berater mit ESG- und Dekarbonisierungs-Know-how, die Förderlogiken und CO₂-Bepreisung in Steuerstrategien übersetzen. Gerade im Mittelstand eröffnet sich eine zusätzliche Perspektive: Wenn Standardleistungen weitgehend automatisiert sind, kann der Steuerberater in die Rolle eines externen CFO oder Financial Consigliere hineinwachsen – jemand, der Finanz-, Steuer- und Unternehmensfragen gemeinsam denkt und die Inhaberfamilie oder Geschäftsführung strategisch begleitet. Das ist ein Berufsbild mit sehr hoher Attraktivität, das heute noch viel zu wenig sichtbar ist.
Die meisten Kanzleien haben erhebliche Nachwuchsprobleme, viele Berufsträger scheiden altersbedingt aus. Haben Absolventinnen und Absolventen deshalb besonders gute Karriereperspektiven?
Ja, und zwar in einem Ausmaß, das man nüchtern als historisch günstig bezeichnen kann. Die Berufsstatistik zeigt, dass die Alterskohorte über 60 inzwischen deutlich mehr als ein Viertel des gesamten Berufsstands ausmacht, während die Gruppe unter 30 verschwindend klein ist. Gleichzeitig gibt es keine gesetzliche Altersgrenze: Viele Berater arbeiten weit über das normale Rentenalter hinaus, schlicht weil es sonst niemanden gibt, der die Mandate übernimmt.
Für junge Berufseinsteiger heißt das: Sie kommen in einen Markt, in dem Verantwortung schneller abgegeben werden muss, als Nachfolger bereitstehen. Das beschleunigt klassische Karrierepfade enorm – vom Prüfungsassistenten zum Projektverantwortlichen, vom angestellten Berufsträger zum Partner oder Gesellschafter. Besonders im ländlichen Raum und im mittelständischen Spektrum werden händeringend Persönlichkeiten gesucht, die Kanzleien weiterführen oder ausbauen wollen.
Hinzu kommt: Wenn Routinetätigkeiten wegfallen, werden Einsteiger nicht mehr jahrelang in der „Belegfabrik“ festgehalten, sondern können relativ früh in Mandate, Projekte und Beratung hinein- schnuppern. Wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und sich auf Technologie- und Datenfragen einzulassen, hat heute wahrscheinlich bessere Chancen auf Gestaltung und Aufstieg als in vielen anderen wirtschaftsnahen Berufen.
Um diese Chancen zu nutzen, braucht es den passenden Arbeitgeber. Wie würden Sie vorgehen, diesen zu finden?
Ich würde mir zuerst ehrlich klar machen, was ich will: Breite oder Tiefe, Internationalität oder Nähe zu Unternehmern, Technologie oder klassische Beratung. Dann würde ich mir zwei idealtypische Pfade anschauen.
Der erste Pfad führt in eine Big4- oder Next10-Gesellschaft. Dort bekomme ich sehr schnell Zugang zu komplexen Fragestellungen – internationales Steuerrecht, Transfer Pricing, Pillar 2, M&A, ESG-Reporting. Die Ausbildung ist stark strukturiert, die Methodik professionell, der Umgang mit Technologie in der Regel weit entwickelt. Wer sich in großen Organisationen wohlfühlt, Englisch als Arbeitssprache akzeptiert und bereit ist, am Anfang auch lange Stunden zu investieren, findet hier ein hervorragendes Sprungbrett.
Der zweite Pfad führt in den steuerberatenden Mittelstand, also Kanzleien mit vielleicht 20 bis 200 Mitarbeitenden. Dort ist die Lernkurve breiter: Man hat von Anfang an Kontakt zu Unternehmern, sieht die Gesamtbilanz, die private Seite, oft auch die Nachfolgefragen. Die Verantwortung kommt schneller, die Distanz zur Partnerschaft ist kürzer. Wer unternehmerisch denkt und Lust hat, eine Kanzlei mitzugestalten oder später zu übernehmen, findet hier das passendere Umfeld.
Wichtig wäre mir in beiden Fällen: Wie ernst nimmt die Organisation die Themen Daten, KI, Prozessautomatisierung? Gibt es klare Digitalisierungsprojekte, werden TaxTech-Lösungen bewusst eingeführt, gibt es Weiterbildungen zu diesen Themen? Eine Kanzlei, die darauf keine Antwort hat, würde ich heute eher meiden.
Studierende fragen sich oft, ob KI ihr Berufsziel nicht überflüssig machen könnte. Ist es vorstellbar, dass die Steuerberatung eines Tages verschwindet?
Ich halte das für sehr unwahrscheinlich. Denkbar ist, dass bestimmte Teilbereiche stark zurückgehen oder verschwinden – insbesondere bei einfachen Standardfällen im Privatkundenbereich. Modelle wie die Amtsveranlagung in Hessen zeigen, dass die Finanzverwaltung in der Lage ist, stark standardisierte Einkommensteuerfälle automatisiert zu bearbeiten. Ähnliche Ansätze gibt es international.
Aber: Unternehmensbesteuerung ist kein flächendeckender Massenprozess, den man beliebig standardisieren kann. Es werden zwar einzelne Arbeitsschritte automatisiert, aber die Notwendigkeit, Sachverhalte zu würdigen und Entscheidungen zu verantworten, bleibt.
Was sich verändern wird, ist das Verhältnis von menschlicher und maschineller Arbeit. Wir werden mehr KI-Systeme sehen, die Steuerfälle vorstrukturieren, Szenarien rechnen, Gesetzesänderungen einspielen. Der Beruf wird sich vom Produzenten der Steuererklärung zum Validator und Architekten steuerlicher Entscheidungsprozesse entwickeln. Das ist ein Rollenwechsel, aber kein Wegfall.
Die eigentliche Gefahr für den Berufsstand liegt nicht darin, „überflüssig“ zu werden, sondern darin, aus bestimmten Marktsegmenten zu verschwinden: Wenn kleine Unternehmen keine Berater mehr finden, wenn Privatpersonen den Zugang verlieren. Dann würden TaxTech-Plattformen oder die Finanzverwaltung digitale Lücken schließen. Deshalb ist die Frage, wie wir Ausbildung, Technologie und Strukturpolitik gestalten, so zentral.
Für junge Menschen spielt materielle Sicherheit eine große Rolle. Ist die Steuerberatung so etwas wie ein „Hidden Champion“ unter den Karrierewegen?
Ja, das kann man so sagen. Steuerberatung ist in mehrfacher Hinsicht ein Hidden Champion. Zum einen, weil sie integraler Bestandteil der fiskalischen Infrastruktur ist: Ohne funktionierende Steuerberatung bricht die Steuerrechtspflege als System ins Wanken, insbesondere für Mittelstand und Privatpersonen. Das schafft eine strukturelle Nachfrage, die vergleichsweise unabhängig von Konjunkturzyklen ist. Zum anderen, weil der Beruf in vielen Köpfen noch mit Ordnerstapeln und repetitiven Tätigkeiten verknüpft ist. Wenn Routineprozesse künftig digital im Hintergrund laufen und mehr Raum für Analyse, Gestaltung und Mandantenkontakt entsteht, dann passt das viel besser zu den Erwartungen vieler junger Talente – sie wissen es nur noch nicht. Und nicht zu vergessen: Die Kombination aus hoher Verantwortung, breiter Einsetzbarkeit und demografischem Druck macht die Einkommensperspektiven attraktiv – wir sprechen von sehr nachhaltigen Karriereoption mit realen Aufstiegs- und Beteiligungschancen.
Dass dieser Weg bislang „hidden“ ist, hat viel damit zu tun, dass die öffentliche Darstellung hinter der tatsächlichen Entwicklung zurückbleibt.
Drei wesentliche Skills ebnen den Karrierepfad, wobei das Studium alleine diese nicht immer vermittelt
Welche Skills sollte man sich im Studium aneignen, um sich für diese „neue Steuerberatung“ zu präparieren?
Wer heute in der Steuerberatung exzellent aufgestellt sein will, braucht drei zusätzliche Ebenen neben dem klassischen Steuerfachwissen.
Erstens Daten- und Technologiekompetenz, was bedeutet, dass man verstehen sollte, wie Daten in ERP-Systemen entstehen, wie man sie mit Tools wie Excel auf Steroiden, PowerBI oder ähnlichen Lösungen analysiert, und wie KI-Systeme funktionieren. Ein Grundkurs in SQL, ein Einblick in Python für Datenanalyse, erste Erfahrungen mit Visualisierungswerkzeugen – all das hebt einen Bewerber sofort von der Masse ab. Diese Inhalte lassen sich sehr gut über Online-Plattformen, Zertifikatsprogramme oder Praktika in datenaffinen Steuerfunktionen aufbauen.
Zweitens Prozess- und Automatisierungsverständnis: Wer weiß, wie ein Buchführungsprozess oder ein Tax-Reporting-End-to-End aussieht, wo Medienbrüche entstehen, wie man einen Workflow modelliert, ist für jede Kanzlei Gold wert. Viele RPA-Anbieter, aber auch Hochschulen und Kammern beginnen, hier Schulungen anzubieten.
Drittens sind betriebswirtschaftliche und kommunikative Kompetenz elementar: Steuerberatung der Zukunft bedeutet, mit Geschäftsführern, CFOs und Unternehmerfamilien in einer Sprache zu sprechen, die nicht nur Paragrafen abbildet, sondern Geschäftsmodelle und Strategien. Grundlagen in Corporate Finance, Verständnis für Branchenlogiken und die Fähigkeit, komplexe steuerliche Sachverhalte verständlich zu erklären, werden zum entscheidenden Differenzierungsfaktor.
Der vielleicht wichtigste Tipp: Nicht darauf warten, dass das eigene Studium all das abdeckt. Wer heute bereit ist, sich diese Kompetenzen parallel selbst zu erschließen, betreibt im Grunde nichts anderes als eine persönliche Zukunfts- investition. In einer Branche, die sich gerade neu erfindet, kann man damit sehr viel verändern – für die Mandanten und für die eigene Karriere.

Interviewpartner Götz Kümmerle ist Associate Partner bei den Branchenanalysten von Lünendonk & Hossenfelder, wo er als Mitherausgeber das aktuelle Steuerberatungsdossier verantwortet (zum Download unter luenendonk.de).