„Unsere Werte sind unsere Chance”

Spitzengespräch: Der eine, Thomas Heilmann, ist ein erfolgreicher Unternehmer, Werbeagenturchef und Facebook-Frühphaseninvestor gewesen und heute CDU-Bundestagsmitglied – und hat einen Masterplan für einen neuen, funktionierenden Staat verfasst. Der andere, Felix Hasse, ist Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC in Deutschland und hat als Berater vor allem über Infrastrukturprojekte viele staatliche Berührungspunkte. Ein Gespräch über den innovativen Staat, die Vielfalt in der Beratung und die beruflichen Möglichkeiten in beiden Bereichen.

Herr Heilmann, Sie waren einer der be­kanntesten deutschen Agenturchefs und haben sich als Investor unter an­derem als einer der ersten bei Facebook beteiligt. Wodurch wurde aus dem Unternehmer der Politiker?
Heilmann: Wie organisiert man das Zu­sammenleben von Menschen? Das hat mich immer interessiert, deswegen bin ich Jurist geworden. Auch im Unternehmen fand ich stets am interessantesten, wie man eine Gruppe zusammen stellt, die den besten Kundennutzen schafft. Indofern hat mich die Politik immer interessiert. Ich war ehrenamtlich Berater von vielen Politiker:innen, bis sie mich ge­fragt haben, ob ich nicht mal selbst Verantwortung übernehmen und nicht immer nur mehr oder weniger kluge Kommentare geben möchte.

Warum dann die CDU?
Heilmann: Die Union heißt Union, weil sie schon immer verschiedene Ziele versöhnen wollte und hat. Das ist die soziale Marktwirtschaft als Synthese aus Kapitalismus und sozialer Teilhabe. Es sind die jahrhundertealten Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten, es ist die überwundene Erbfeindschaft mit unseren europäischen Nachbarn und die Nato. Heute geht es um Nachhaltigkeit und Breitenwohlstand, um Transformation und Sicherheit, um Humanität und Ord­nung und so weiter. Die CDU ist be­wusst nicht einseitig.

Herr Hasse, Sie werden sich vermutlich auch nicht über Einseitigkeit Ihres Themenspektrums beschweren können.
Hasse:
Richtig. Ich darf mich mit unterschiedlichsten Fragestellungen beschäftigen und kein Projekt gleicht dem anderen. Jede:r Kund:in hat spezifische Herausforderungen, bei der wir unterstützen. Das kann beispielsweise die Steuerung von Tourismusströmen in Corona-Zeiten sein, die Ent­wicklung neuer Ge­schäftsfelder für Stadtwerke oder die Beratung der Kommunalverwaltung der Digitalisierung.

In der Beratung geht es in der Regel darum, die Effizienz in Organisationen zu erhöhen. Für wie effizient halten Sie den deutschen Staat heute?
Hasse:
Aus meiner Sicht geht es eher darum, die vielen vorhandenen Po­tenziale zu heben und Innovationen zu för­dern. Jede Organisation muss sich die­ser Aufgabe stellen, das gilt natürlich auch für uns selbst. Der öffentliche Sektor unterscheidet sich da nicht von ei­nem DAX-Konzern oder Start-up. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass sich in der Verwaltung nichts bewegt. Ob auf kommunaler Ebene oder in einer Bundes­behörde – die Verantwortlichen wissen um die Bedeutung der Digitalisierung. Das sehen wir an der großen Nachfrage nach Beratung in den Bereichen Datenplattformen, Digitalisierung der Verwaltungsprozesse und Modernisierung der Infrastrukturen.


Der Jurist Thomas Heilmann gründete noch vor seinem zweiten Staatsexa­men eine Agentur, die 1991 in Scholz & Friends aufging. Die renommierte Werbeagentur führte er als Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender fast 20 Jahre lang. Parallel investierte er früh in Start-ups und war bis 2010 Gesellschafter bei Facebook. Heilmann gilt als einer der erfolgreichsten Unternehmer und Gründer Berlins. Der Hauptstadt stand er von 2012 bis 2016 als Justizsenator vor und sitzt seit 2017 für die CDU im Bundestag.


Herr Heilmann, Sie haben eine parteiübergreifende Roadmap für den mo­dernen Staat von morgen skizziert. Wa­rum ist diese notwendig?
Heilmann:
Für einen Großteil der Menschen ist völlig klar, dass unser Staat sich verändern muss. Aktuell funktioniert er noch – gerade zu Beginn der Corona-Krise haben wir das eindrucksvoll gesehen. Aber es kommen extreme Veränderungen auf uns zu, für die wir nicht ausreichend gewappnet sind. Bei der Digitalisierung sind wir zu langsam, unsere Antworten auf den Klimawandel sind noch nicht entschlossen und innovativ ge­nug, unsere bisher erfolgreichen Ge­schäftsmodelle drohen durch neue aus Asien abgelöst zu werden. Als wir vor ei­nem guten Jahr mit unserem Buch NEUSTAAT angefangen haben, fokussierten wir uns zunächst darauf, welche neu­en Auf­gaben die Politik erledigen muss, um die Wettbewerbsfähigkeit un­seres Landes, unseren Wohlstand und un­sere Wer­te behalten zu können: ein verbessertes Bildungssystem, Förderung von Start-ups, ein neuer Umgang mit Da­ten und Künstlicher Intelligenz und so weiter.

Die moderne Verwaltung war dort aber wahrscheinlich doch zunächst nur ein Punkt von vielen.
Heilmann:
Richtig. Als wir dann dutzende Gespräche mit Insider:innen aus der Verwaltung geführt haben, stellten wir fest, dass diese Verwaltung aber der zentrale Schlüssel für eine Reformation des Staates sein wird: Sie ist der zentrale Motor des Staates. Wir können uns für alle anderen Bereiche tolle Reformen aus­denken, aber wenn wir die in der Verwaltung gewohnten Arbeitsweisen und Strukturen nicht unbürokratischer, schneller und besser gestalten, werden wir in Zukunft nicht besser da stehen. Weder bei der Bildung, noch beim Klima oder der Wirtschaftsförderung.

Ihre Zustandsbeschreibung „Wir sind zu bürokratisch, zu starr und zu langsam“ tut erst dann weh, wenn Sie sich auch mit dem Parteien-Proporz anlegen. So lange es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk keine Führungskräfte ohne Parteibuch gibt oder jede lukrative Geschäftsführerposition eines regi­onalen Energieversorgers frühestens an zweiter Stelle nach Kompetenzprofil besetzt wird, muss man als Hochschulabsolvent:in doch stark daran zwei­feln, ob ein derart diskriminierend a­gierender Arbeitgeber sich wirklich wandeln will.
Heilmann:
Der öffentliche Dienst hat ein Problem unabhängig von Parteien. Den Parteien-Filz hat die Rechtssprechung schon gründlich aufgeräumt – sie ist al­lerdings noch nicht in allen Ecken angekommen. Die Konkurrentenklagen ha­ben allerdings das Problem der Bürokratisierung und der Langsamkeit noch einmal verstärkt. Gutes Personal zu finden, zu halten und zu fördern, ist ein sehr großes Thema. Deswegen hat es in unserem Buch ein eigenes Kapitel be­kommen: Wir haben es „Neue Kompetenzen“ getauft, weil wir genau diese brauchen, um Herausforderungen wie die Digitalisierung zu meistern. Dazu müssen wir auch mehr Transparenz bei Personalentscheidungen schaffen.

Wie könnte diese aussehen?
Heilmann:
Momentan wird noch zu häufig die Person befördert, die loyal ge­gen­über ihrem Übergebenden ist und eben nicht die mit den besten Kompetenzen. Im Buch machen wir viele Vorschläge, um das zu verhindern: Beispiels­weise wollen wir, dass bei einer Beförderung vorherige Projekterfahrung und Sta­tionswechsel stärker berücksichtigt, ja sogar zur Pflicht werden. Wir wollen in­terne Stellenausschreibungen verbieten und bei der Bewertung der Bediens­teten nicht nur den Vorgesetzten, sondern via 360-Grad-Feedback alle Beteiligten an­hören. Unser Buch sagt schon im Titel, wir wollen verändern und bei uns selbst anfangen.

Herr Hasse, Thomas Heilmann skizziert fünf Megatrends, deren Bewältigung wesentlich dafür sein wird, in welcher Gesellschaft wir zukünftig leben werden. Der erste Trend ist die Digitalisierung. Wie können Sie und Ihr Arbeitgeber dazu beitragen, dass Deutschland bei der Digitalisierung nicht abgehängt wird?
Hasse:
Wir unterstützen die öffentliche Hand dabei, agiler und innovativer zu werden – denn auch sie sollte Veränderungen als Chance und nicht als Bedrohung verstehen. Die digitale Infrastruktur spielt dabei eine zentrale Rolle, da sie die notwendige Voraussetzung dafür ist, um als Volkswirtschaft wettbewerbsfähig zu bleiben. Derzeit liegt Deutschland im internationalen Vergleich digitaler Infrastrukturen hinten und es ist dringend nötig, aufzuschließen. Deshalb begleiten wir Bund, Länder, Kommunen und die Privatwirtschaft erfolgreich dabei, diesen Anschluss herzustellen. Nehmen wir als ein konkretes Beispiel die Mobilfunktechnologie 5G, mittels der deutliche Effizienzgewinne realisiert werden können. In diesem Komplex un­ter­stützen wir unsere Mandanten beim Aufbau sogenannter Campusnetze, die eine sensorgestützte, vollautomatisierte Überwachung und Wartung der Produktion in Echtzeit ermöglichen.


Felix Hasse hat seine Karriere 1999 bei Roland Berger begonnen. Er wechselte 2006 zu einer amerikanischen Investmentbank und 2009 zu PwC Deutschland. Dort verantwortet er heute als Partner der Advisory-Sparte Projekte aus den Bereichen Smart Cities, Digital Infrastructure und Energy für öffentliche und private Kunden.

 


Haben Sie konkrete Ansatzpunkte, wie sich die Infrastruktur verbessern lässt?
Hasse:
Aus meiner Sicht sind vor allem zwei Ansatzpunkte relevant. Der erste betrifft die Investitionen: Es gibt hunderte Förderprogramme in allen Politikfeldern. Die Größe eines Fördertopfes ist aber oft gar nicht das entscheidende Kriterium für den Erfolg. Stattdessen spielt die Gestaltung von Förderbedingungen, der Mitteleinsatz, die Übertragbarkeit der Projekte und ganz banal auch der Be­kanntheitsgrad des Förderprogramms eine wesentliche Rolle. Wir beraten einerseits Bund und Länder bei der Konzeption und Durchführung solcher Programme und andererseits bieten wir Kommunen und Unternehmen Orientierung bei der Auswahl des besten Förderinstruments.

Der zweite Ansatzpunkt ist die strategische Unterstützung. Was vielerorts fehlt, sind Strategien und Maßnahmenpläne, welche die konkreten Rahmenbedingungen vor Ort berücksichtigen. Der schöns­te Masterplan für eine Großstadt ist nicht übertragbar auf eine vom Strukturwandel geprägte Region wie die Lausitz. Es gibt viele richtig gute Leuchttürme und die große Aufgabe ist es, solche Pilotprojekte individualisiert und abgestimmt auf die unterschiedlichen Gegebenheiten vor Ort in die Breite zu tragen.

Herr Heilmann, Felix Hasse spricht die technische Infrastruktur an. Sie sind Mit­glied im Ausschuss Digitale Agenda. Welche Impulse können Sie der Di­gitalisierung Deutschlands geben?
Heilmann:
Momentan arbeitet der Staat noch sequentiell, also nacheinander, und überwiegend analog. Das macht uns so langsam und wenig innovativ. Wir müssen schneller, vernetzter und digitaler ar­beiten und so zu schnelleren und im Er­gebnis besseren Entscheidungen kommen. Wenn wir die analoge Verwaltung digitalisieren, müssen wir dabei gemeinsame standardisierte Schnittstellen schaffen, über die dann unterschiedliche Be­hörden in unterschiedlichen Bundesländern mit unterschiedlicher Software reibungslos kollaborativ kommunizieren und arbeiten können. Ohne diese Interoperabilität wird der Wandel zu einer schnelleren und innovativeren Behörde nicht gelingen. Nur die digitalen Strukturen neu zu schaffen, wird auch nicht ge­nügen. Wir müssen auch die Prozesse in der Verwaltung überdenken, also die Art und Weise, wie wir zusammenarbeiten. Denn schlechte Prozesse bleiben schlecht, auch wenn man sie digitalisiert. Auch über „Neue Prozesse“ gibt es in NEUSTAAT deswegen ein eigenes Kapitel.

Sie und Ihre Co-Autor:innen wünschen sich eine andere Start-up-Kultur und Rahmenbedingungen für mehr Innovationen. Schöpft man das Potenzial an deutschen Hochschulen zu wenig aus?
Heilmann:
Der Transfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft ist definitiv ausbaufähig, das sagen wir auch im Buch! In Deutschland gibt es zu wenig Ausgründungen. Zwar gibt es viele Studierende, Doktorand:innen oder Pro­fes­sor:innen mit tollen Ideen, doch nur wenige schaffen es, daraus marktfähige Produkte und Unternehmen zu machen. Dafür gibt es verschiedene Gründe, wie fehlende Finanzierungen oder die extreme Bürokratie. Der NEUSTAAT will deswegen junge Unternehmen in der ersten Zeit von Bürokratie entlasten und Universitäten über einen „Universitätsfond“ Kapital für Beteiligungen an Start-ups zur Verfügung stellen.

Herr Hasse, warum muss man lange suchen, um deutsche Digitalunternehmen von Weltruf zu finden?
Hasse: Dass es nur wenige deutsche Global Player gibt, hat vor allem zwei Gründe: Erstens das Misstrauen innerhalb deutscher Unternehmen gegenüber der Digitalisierung und zweitens gibt es bei uns in diesem Bereich zu wenig wirtschaftlichen Wettbewerb. In Bezug auf die heimische Wirtschaft scheitert die digitale Transformation oft an internen Widerständen. Die Verteidigung bestehender Strukturen stellt eine der größten Hürden dar. Wichtige Innovationsprozesse werden teilweise verzögert und das Innovationspotenzial, was durchaus vorhanden ist, wird noch nicht in der Breite gehoben. Es fehlt manchmal auch der Mut, Produkte schon früh auf den Markt zu bringen und diese mit den Kunden gemeinsam zu verbessern. Der traditionelle deutsche Perfektionismus steht uns im Weg.

Was ist nötig, damit deutsche Digitalunternehmen entstehen und wachsen können?
Hasse:
Entscheidend ist eine Anpassung der regulatorischen Rahmenbedingungen. Gründer:innen sind mit hohen rechtlichen Anforderungen konfrontiert. Auch die In­vestorensuche ist in Deutschland schwieriger. Gegenüber bekannten internationalen Ideenschmieden, wie dem Silicon Valley oder der Metropolregion Shen­zhen in Südchina, besteht in Deutschland Nachholbedarf. Bevor es also weitere deutsche Digitalunternehmen mit Weltruf geben kann, müssen die Familienunternehmen oder Hidden Champions in ganz Deutschland intern für den Nutzen und die Notwendigkeit des digitalen Wandels sensibilisieren und die deutsche Politik faire und einfache Rahmenbedingungen für digitale Geschäftsmodelle schaffen. Insbesondere Digitalisierungs- und Veränderungsprozesse in Unternehmen benötigen ex­terne Expertise. Für mich ist das übrigens eine sehr reizvolle Arbeit, auf diese Weise die digitale Zukunft der deutschen Wirtschaft aktiv mitzugestalten.

Thomas Heilmann sieht die internationale Konkurrenz als ein weiteres elementares Megathema. Wie kann Euro­pa in einer Weltordnung zwischen den USA und China bestehen?
Hasse:
Europa kann im Wettbewerb mit den USA und China bestehen. Wir se­hen, dass die europäischen Wettbewerbs­regeln funktionieren und die EU-Kommission keine Angst vor Google oder Facebook hat. Auch konnten die EU-Verbraucherschutzstandards beispielsweise beim Datenschutz die internationalen Standards insgesamt verbessern. Allerdings haben die USA und China die EU bei den F&E-Ausgaben überholt. Die deutsche Industrie spürt den internationalen Druck. Wachstumsbranchen sind insbesondere Automobil, IKT und Ge­sundheit, in denen eine deutliche Zunahme der F&E-Investitionen auftritt. Auf diesen Gebieten kann Europa, kann Deutschland, das vorhandene Know-how mit seinen sehr gut ausgebildeten Fachkräften bündeln. Die MINT-Studiengänge und Berufe können noch stärker gefördert und attraktive Arbeitsplätze geschaffen werden. Eigentlich haben wir alles, um im Wettbewerb zu bestehen.

Herr Heilmann, haben die europäischen Werte Exportpotenzial?
Heilmann:
Viele meinen, Europa müsse sich zwischen den USA und China entscheiden. In China glaubt man, es werde bald nur noch ein chinesisches und ein amerikanisch geprägtes Internet geben und Europa müsse sich auf einer Seite einfinden. Ich meine, wir müssen in Eu­ropa unseren eigenen Weg finden. Un­sere Werte sind dabei unsere Chance, die uns vom autokratischen China und vom individuellen und eher unsolidarischen Amerika unterscheiden. Wir haben mehr kulturelle und politische Vielfalt, eine starke Zivilgesellschaft, einen starken Binnenmarkt und eine starke Solidarunion. Bei der Digitalisierung achten wir die Rechte der Einzelnen und fördern so Vertrauen. Das sind starke Ressourcen, die von den Menschen geschätzt werden und uns im Umgang mit der internationalen Konkurrenz selbstbewusst machen sollten. Unsere Werte werden uns helfen, unseren Platz in einer neuen Weltordnung zu finden. Das wird aber nur gelingen, wenn wir in Europa noch mehr zusammenarbeiten und nach außen ei­nig auftreten. Nationale Lösungen werden nicht reichen.

Herr Hasse, wie sehr gehört der Kampf gegen den Klimawandel mittlerweile zur DNA deutscher Unternehmen?
Hasse:
Klimaschutz ist heute mehr als nur Marketing. Die Mehrheit der Unternehmen setzt eine Vielzahl von Maßnahmen um, denn neben einem wichtigen Beitrag für die Gesellschaft, spüren Un­ter­nehmer:innen auch immer mehr die positiven ökonomischen Effekte. Selbst im klassischen Beratergeschäft stand die Reduzierung von Dienstreisen schon vor Corona auf der Agenda. Ob neue Geschäftsfelder oder ganz praktische Energiesparmaßnahmen – das Bewusstsein hat sich sowohl bei Mitar­bei­ter:innen als auch in der Chefetage deutlich gewandelt. Und wenn ich an Ihre Leser:innen denke, dann muss man konstatieren, dass Nachhaltigkeit auch für Fachkräfte ein Faktor geworden ist.

Im öffentlichen Raum sind Sie auch be­ratend tätig im Bereich der Quartiersentwicklung. Worum geht es dabei?
Hasse:
Bei diesem brandaktuellen Thema begleiten wir Kunden aus der Immobilienwirtschaft, Städte und Kommunen sowie Versorgungsunternehmen. Hier unterstützen wir von der Entwicklung bis zur Umsetzung integrierter Konzepte.

An das Thema Wohnen knüpft auch die Mobilität an. Dezentrales, mobiles Arbeiten wie in Corona-Lockdown-Zeiten führt dazu, dass sich die Nachfrage nach Mo­bilitätsangeboten verändert. Eine langfristige Reduzierung des Pendlerverkehrs als ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz hal­te ich für absolut möglich. Aber auch hier stellt die digitale Infrastruktur – in Form leistungsfähiger Glasfaserverbindungen bis in die Wohnung – die Basis für das Homeoffice oder neue Satellitenstandorte von Unternehmen außerhalb der Stadtzentren, denn Videostreaming oder Cloud Computing sind nur mit ultraschnellen Netzen möglich. Der Ausbau muss schneller erfolgen, da die schönsten digitalen Anwendungen nicht funktionieren, wenn das Internet zu langsam ist oder die Mobilfunkverbindung Aussetzer hat. Auch Energieversorger spielen bei der Quartiersentwicklung eine wichtige Rolle, weil moderne Wohnviertel Energie auf Basis sauberer Technologien benötigen.

Was würden Sie dem Staat raten, wie er seine Infrastrukturpolitik modernisieren sollte, um intelligente Energie- und Informationsnetze zu ermöglichen?
Hasse: Energie- und Telekommunikationsnetze ähneln sich – sie sind die Voraussetzung dafür, um die Daseinsvorsorge im Dorf oder in der Stadt sicherzustel­len. Und der Netzausbau, beziehungs­weise die Netzmodernisierung, er­fordern hohe Investitionen und lange Re­finanzierungszyklen. Insbesondere im Breitbandausbau geht es nicht ohne Fördermittel. Gerade deshalb muss drauf geachtet werden, dass Fördermittel zielführend, kostensparend und nachhaltig investiert werden. Hier gibt es großen Nachholbedarf, Synergien zwischen unterschiedlichen Infrastrukturen zu heben – also beispielsweise beim Stromnetzausbau auch den Glasfaserausbau mitzudenken. Ein aktuelles Beispiel ist Vattenfall in Berlin, das darin ein Geschäftsmodell erkannt hat und nun eigene Telekommunikationsleitungen legt. Durch die Berücksichtigung und Nutzung von Synergien kann die Datenverbindung zwischen dezentralen Erzeugern und Verbraucher:innen, die für eine Steuerbarkeit innovativer Energienetze erforderlich ist, erheblich zur Refinanzierung eines Glasfaser-Erschließungsprojektes beitragen. Deutschland braucht mehr solcher sektorenübergreifender Initiativen.

Da sich high potential an angehende Absolvent:innen richtet: Wie soll die Arbeitgebermarke des neuen Staates aussehen und wer ist dafür verantwortlich, sie zu kreieren und zu kommunizieren?
Heilmann:
Ich glaube, vielen ambitionierten und jungen Talenten von heute liegt etwas daran, durch ihre Tätigkeit Verantwortung zu übernehmen, dabei Bewegungsfreiheit zu haben und gute Ideen nach vorne zu bringen. Heute erhalten gute Ideen noch zu selten Gehör, viel Beinfreiheit ist für kreative Köpfe in einem starren bürokratischen und hierarchischen System nicht gegeben. Das liegt zum Teil an einer tief verwurzelten Kultur der Fehlervermeidung: Aus Angst vor Fehlern und deren Konsequenzen probiert man Innovationen erst gar nicht aus und bremst innovative Köpfe aus. Das ist auf lange Sicht aber keine kluge Rechnung. Damit der Staat für junge Talente attraktiv wird beziehungsweise bleibt, brauchen wir einen Kulturwandel in der Verwaltung, weg von Fehlervermeidung und starren Grenzen, hin zu mehr Selbstverantwortung und Mut zu Innovationen.

Viele Ministerien würden ohne die Unterstützung der Consultants nicht mehr funktionieren. Eigentlich bräuchte der Staat also die Absolvent;innen, die sich mehrheitlich für die Beratung entscheiden. Wie sieht Ihr Plädoyer dafür aus, sich trotz schlechterer Be­zahlung für den Staat zu entscheiden?
Heilmann:
Die Union hat dazu eine vermittelnde Sicht. Für Arbeitsspitzen, Spezialkenntnisse, Erfahrungen von außen und einen neutralen Blick sind Bera­ter:innen oft eine gute Wahl. Ein dauerhaftes Outsourcen von Kernfunktionen ist falsch – übrigens nach meiner Beobachtung auch in der Wirtschaft. Und als Arbeitgeber hat der Staat einiges zu bieten, nicht nur defensiv über Vereinbarkeit von Be­ruf und Familie, Arbeitsplatz-Si­cher­heit und der Absicherung gegen Schick­salsschläge. Vielmehr sind die Themen im öffentlichen Sektor hochspan­nend und für viele Menschen sinn- und identitätsstiftend. Den Verkauf von Kühlschränken zu verbessern, muss ei­nen nicht mehr befriedigen, als sich etwa um Schulen, die öffentliche Ge­sundheit oder die Verfolgung von Straftätern zu kümmern.

Nun haben Sie das letzte Wort zur Gegenrede, Herr Hasse: Warum sollte man sich für einen Karrierestart im Consulting entscheiden?
Hasse:
Für einen Einstieg in die Beratung spricht die Vielfalt der Projekte und die unterschiedlichen Menschen, mit denen man zu tun hat – für mich sind diese Begegnungen in den meisten Fällen wirklich inspirierend. Gleichzeitig haben unsere Themen auch eine gesellschaftliche Relevanz. Gerade als Berater:in im öffentlichen Bereich hat man die Möglichkeit, seine Mandanten bei der Umsetzung notwendiger Veränderung zu unterstützen und dabei für die Gesellschaft positive Ergebnisse zu erzielen. Wenn man aktiv an der Entwicklung von Quartieren, dem Klimaschutz und der Bereitstellung moderner Infrastruktur arbeitet und Resultate sieht, befriedigt dies und ist absolut sinnstiftend. Als Berater:in bringt man einen frischen Blick von außen mit und ist unabhängig von etablierten Strukturen, Denkweisen und Entscheidungsmustern innerhalb einer Orga­ni­sation. Einen spannenderen Job kann ich mir nicht vorstellen.


PwC Deutschland landet in der Fink-Studie über alle Bereiche auf Platz 1 und wird von den Entscheidern als beste Wirtschaftsprüfungsgesellschaft bewertet. PwC Deutschland ist Teil des internationalen PwC-Verbunds, der die Landesgesellschaften von 157 Ländern vereint. In diesem Netzwerk teilen mehr als 276.000 Menschen mit unterschiedlichstem fachlichen Hintergrund ihr Know-how, ihre Erfahrung und ihre Ideen, um für Mandanten in aller Welt in den Bereichen Wirtschaftsprüfung, Steuer-, Rechts- und Unternehmensberatung zukunftweisende Lösungen mit Mehrwert zu entwickeln.


 

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