Kompetenzprofil eines Wirtschaftsprüfers

Fachliche Skills im Studium erwerben

Was brauche ich, um Karriere im Bereich Steuern und Prüfung zu machen? Wie sich technologische Entwicklungen auswirken, welche neuen Herausforderungen für künftige Wirtschaftsprüfer entstehen und wie Studierende diesen interessanten Karrierepfad einschlagen können, skizziert Jun.-Prof. Dr. Marcus Bravidor.

Klassischerweise ist Wirtschaftsprüfern eine Vielzahl an Aufgaben vorbehalten, die andere Dienstleister nicht oder nur eingeschränkt erbringen dürfen. Dazu gehören neben der klassischen Ab­schluss­prüfung sowie anderen betriebswirtschaftlichen Prüfungen insbesondere Gutachter- (zum Beispiel Unternehmensbewertungen) und Treuhandtätigkeiten, sowie Steuerberatungsleistungen. Wer diese Aufgaben gewissenhaft erfüllen möchte, muss das Geschäftsmodell und die Prozesse der Mandanten verstehen und analysieren können.

Dies umfasst auch das Erkennen von Chancen und Risiken, die sich zunehmend aus digitalen Geschäftsmodellen beziehungsweise dem Vernachlässigen dieser ergeben. Disruptive Veränderungen (zum Beispiel Amazon für den Buchhandel, Netflix für Videotheken et cetera) sind dabei die Spitze eines Eisbergs, der sich bis auf die Produktebene ausdehnt (beispielsweise durch das Bündeln von Produkten und Dienstleistungen, wie beim Kfz-Leasing üblich).

Neben diesen offensichtlichen Veränderungen tut sich eine Menge in den rechnungslegungsrelevanten Back-Office-Sys­temen. Auf dem Weg zur papierlosen Buchhaltung setzen zunehmend auch mittelständische Unternehmen auf IT-Systeme (sogenannte Enterprise Resource Planning Systems, oder kurz ERP). Diese werden aber nicht mehr selbst betrieben, sondern – wie viele Anwendungen heutzutage – via Cloud Computing über das Internet bezogen. Somit stehen deutlich mehr Daten zur Verfügung, die für Steuerungs- und Berichtszwecke genutzt werden können.

An dieser Schnittstelle von Big Data zu Data Analytics ergeben sich neue Anforderungen mit Blick auf die Qualität der Daten, die Zuverlässigkeit der Analysen sowie deren Automatisierung (zum Beispiel mittels Robotic Process Automation). Das zunehmende Interesse an Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) verstärkt diese Herausforderung, da KI-Prozesse mit Blick auf ihre Entscheidungen häufig inhärent intransparent sind.


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Diese Entwicklungen lassen sich auf Seiten der Wirtschaftsprüfer spiegeln. Während die Abschlussprüfung bisher – im Klischee wie in der Realität – von vielen Einzelfallprüfungen und Checklisten dominiert wird, gewinnen Methoden der großzahligen Datenanalyse zunehmend an Bedeutung. Somit können in kurzer Zeit deutlich mehr Transaktionen überprüft und mit anderen Datenbeständen (zum Beispiel Produktions- und Auftragsdaten) abgeglichen werden.

Hier lassen sich viele Routinefälle automatisieren, sodass analytische Prüfungshandlungen bereits zur Erkennung von Ano­malien genutzt werden können. Idealerweise können die dafür notwendigen Daten virtuell aus dem IT-System des Mandanten ausgelesen und die Cloud-basierte Prüfungssoftware importiert werden.

Künftige „transformierte“ Wirtschaftsprüfer müssen sich der digitalen Transformation somit aus Sicht von Geschäftsmodellen, Prozessen und Systemen sowie ihrer eigenen Prüfungsdurchführung annehmen. Dies setzt im Wesentlichen drei Kernkompetenzen voraus:

  • Fachexpertise: Grundlage jeder Prüfungs- und Beratungstätigkeit ist ein profundes Verständnis der rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen. Dies umfasst die grundständigen Gesetze und Standards (zum Beispiel HGB, EStG, IFRS, International Standards on Auditing) ebenso wie betriebs- und volkswirtschaftliche oder gesellschaftsrechtliche Kenntnisse.
  • Data Science: Wer Daten sinnvolle Aussagen entlocken will, muss wissen, wonach gesucht wird, welche Daten gebraucht werden, wie diese strukturiert und welche Auswertungsmethoden sinnvoll sind. Hier reicht das Spektrum von grundlegenden ökonometrischen Fertigkeiten bis hin zu Expertenwissen in Statistik und der dazugehörigen Software (beispielsweise Python, R).
  • Informationstechnologie: Das Rechnungswesen wird in Form von Prozessen und Datenbanken digital abgebildet. Wer diese gestalten oder prüfen will, muss Modellierung und Ausgestaltung der zugrundeliegenden Vorgänge verstehen, die Übertragung auf Softwareebene nachvollziehen und systemseitige Fehlerquellen ausspüren können.

Muss der „transformierte“ Wirtschaftsprüfer aber der sprichwörtliche „Hans Dampf in allen Gassen“ sein, der in jeder Domäne ein Experte ist? Vermutlich nicht. Es erscheint nicht realistisch (aber auch nicht ausgeschlossen), dass jeder Einzelne über all diese Fähigkeiten und Kenntnisse verfügt – oder das will.

Benötigt: Datenanalyse Experten, die nach speziellen Auffälligkeiten suchen

Die durch die digitale Transformation in­duzierte (neue) inhaltliche und methodische Breite und Tiefe eröffnet innerhalb des Berufsbildes neue Möglichkeiten. So wird es Experten für Daten­analyse ge­ben, die nach speziellen Auffälligke­iten (wie Betrug) suchen, während andere primär mit der Prüfung des internen Kontrollsystems oder der IT-Systemlandschaft befasst sind. Doch auch wenn die Prozesse in Rechnungswesen und Prüfung zunehmend automatisiert werden, wird Fachexpertise wichtiger:

  • Was eigentlich ein Fehler ist,
  • wie bestimmte Regelungen in Gesetzen und Standards auszulegen sind,
  • wie ein sinnvoller Prozess zu gestalten ist,
  • inwiefern der Einzelfall unter die Vorschrift zu subsumieren ist,
  • ob Daten vollständig, sinnvoll und unter Berücksichtigung datenschutzrechtlichen Vorgabe gespeichert und verwendet werden,

bleiben weiterhin subjektive und damit menschliche Entscheidungen. Somit steigen einerseits die fachlichen und kognitiven Anforderungen, während andererseits ein deutlich größeres Maß an beruflicher Flexibilität erreicht wird.

Diese Entwicklung ist nicht allein auf große Prüfungs- und Beratungshäuser beschränkt. Auch im mittelständischen Be­reich werden sich Prüfer spezialisieren (müssen) und über Kanzleikooperationen in Expertennetzwerken zusammenarbeiten. Für Koordination und kleinere Mandate werden aber auch künftig Generalis­ten gebraucht werden.

Studierende, die sich für eine Karriere in Wirtschaftsprüfung oder Steuerberatung interessieren, stehen eine Vielzahl an attraktiven Studienangeboten zur Auswahl. Besonders hervorzuheben, sind Studiengänge gemäß § 8a oder § 13b WPO. Diese erlauben eine Anrechnung von Studienleistungen auf das Wirtschaftsprüfungsexamen (WP-Examen). Kombiniert mit der neuen Modularisierung des WP-Examen lässt sich somit eine geringere Anzahl an Prüfungen über einen längeren Zeitraum strecken.

Wer dann im Studium strategisch güns­tig Veranstaltungen aus Rechnungswesen, Ökonometrie und (Wirtschafts-)­In­formatik wählt, ist für den Beruf hervorragend aufgestellt. Welches Tätigkeitsfeld innerhalb der Wirtschaftsprüfung besonders interessant ist, lässt sich vorab über ein Praktikum herausfinden.


Autor Marcus Bravidor ist Juniorprofessor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftsprüfer an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er forscht zu Karrierewegen in Rechnungswesen, Wirt­schaftsprüfung und Steuerberatung, den Auswirkungen der digitalen Transformation in diesen Bereichen sowie dem Berichtsverhalten (nicht) kapitalmarktorientierter Unternehmen.

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