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    „Auf dem Niveau der großen WP-Gesellschaften“

    Prüfung in Genossenschaftsverbänden
    Es reichen drei Personen, um eine Genossenschaft zu gründen.

    Für viele der angehenden Absolvent:innen mit Schwerpunktfächern in den Bereichen Steuern und Prüfung stellt sich die Frage, ob sie sich bei einer der Big 4 bewerben oder sich in einer der aufstrebenden Gesellschaften aus den Next 10 besser aufgehoben fühlen. Dabei gibt es eine weitere interessante Karriereoption: Professor Dr. Theresia Theurl erklärt, welchen gesellschaftlichen Wert Genossenschaften haben und welche Chancen die Prüfung in Genossenschaftsverbänden bietet.

    Genossenschaften sind in vielen Wirtschaftsbereichen tätig, so gibt es zum Beispiel im Finanzwesen die traditionsreiche FinanzGruppe der Volksbanken und Raiffeisenbanken, zahlreiche Wohnungsgenossenschaften, viele Verbundgruppen des Handels, IT-Genossenschaften, junge Datengenossenschaften, Energiegenossenschaften und solche von Berater:innen, Freiberufler:innen und Handwerker:innen.

    Heute werden sie gegründet, um Infrastrukturen zu organisieren, zur Nahversorgung im ländlichen Raum beizutragen, um Dienstleistungen zu generieren, um Existenzen sicherzustellen und um Innovationen zu schaffen.

    Genossenschaften sind in Zeiten großer politischer und gesellschaftlicher Veränderungen zur Bewältigung der damit verbundenen wirtschaftlichen Herausforderungen entstanden. Auch heute spielen sie ihre Stärken vor allem in disruptiven Zeiten großer Unsicherheit aus, denn sie sind in der Lage, zu stabilisieren und Wertschöpfung sicherzustellen, die ohne ihre Aktivitäten nicht entstehen würde. Ihre Insolvenzquote liegt gerade einmal im Promillebereich.

    So funktionieren Genossenschaften

    Alle Genossenschaften haben ein besonderes, kooperatives Geschäftsmodell gemeinsam. Mindestens drei Personen oder Unternehmen tun sich zusammen, um gemeinsam Projekte zu stemmen, die ihnen alleine nicht möglich wären. Die Partner:innen – Mitglieder – gründen ein gemeinsames Unternehmen, die Genossenschaft. Sie organisiert und erstellt jene Leistungen für die Mitglieder, die diese selbst auslagern. So sind etwa Beschaffung, Vermarktung, Projektakquise oder die Organisation des Datenmanagements den eigenen Leistungen vor- oder nachgelagert.

    Prüfung in Genossenschaftsverbänden
    Beispiel für das gesellschaftliche Wirken von Genossenschaften: Der gemeinnützige Berliner Büchertisch sammelt Buchspenden und reicht diese weiter an mehr als 100 Schulbibliotheken, 20 Kitas und 80 weitere Einrichtungen.

    Die genossenschaftliche Zusammenarbeit vollzieht sich in einer Beziehungsstruktur, die zwei Ebenen aufweist; die Ebene der Kooperationspartner mit ihren Aktivitäten und die unterstützende Ebene, die die gemeinsam organisierten Leistungen für sie erbringt. Es handelt sich um ein Wertschöpfungsnetzwerk, ein genossenschaftliches Ökosystem. Die Mitglieder sind die Organisatoren der gemeinsamen Leistungen, deren Nachfrager und sie sind die Eigentümer ihres Joint Ventures, sie statten dieses mit Kapital aus, kontrollieren es und treffen die strategischen Entscheidungen mit jeweils einer Stimme.

    Der MemberValue, der genossenschaftliche Eigentümerwert, bringt den Wert der Genossenschaft für ihre Mitglieder zum Ausdruck. Er fließt nur diesen zu: über ihre Leistungs-, Eigentümer- und Investorenfunktion. Externe Eigentümer haben keine Ansprüche auf das gemeinsam Erwirtschaftete. Anteile von Genossenschaften werden nicht öffentlich gehandelt. Dadurch ist einerseits der Zugang zum Kapitalmarkt verschlossen, andererseits fehlen die direkten Einflüsse von Finanzmarktentwicklungen auf unternehmerische Entscheidungen und feindliche Übernahmen werden ausgeschlossen.

    Schließlich zeichnet sich die Genossenschaft auch durch die Selbstverwaltung ihrer Mitglieder aus, das heißt bei einem Beitritt oder Austritt ist im Gegensatz zur GmbH keine gerichtliche Notifikation notwendig, was der Genossenschaft eine Flexibilität und Offenheit verleiht, die sie stark im Wandel und bei Unsicherheit macht. Genossenschaften sind realwirtschaftlich und meist regional verankert, erfordern die Übernahme von unternehmerischer Verantwortung und sind durch ihre Ausgestaltungsmerkmale langfristig orientiert. Sie werden vor allem in zukunfts- orientierten und gesellschaftlich wichtigen Bereichen gegründet, in denen sie Wertschöpfung generieren und Teilhabe ermöglichen können.

    Prüfung in Genossenschaftsverbänden

    Die genossenschaftliche Wirtschaftsprüfung wird in Genossenschaftsverbänden organisiert, die von den Genossenschaften getragen werden. Dies spiegelt die genossenschaftliche Herangehensweise der Zusammenarbeit und Selbstorganisation wider. Es handelt sich um regionale Verbände sowie bundesweit tätige Fachprüfungsverbände. Die gesetzliche Grundlage für ihre Prüfungstätigkeit ist das Genossenschaftsgesetz. Ihre Leistungen beinhalten die Durchführung der Pflichtprüfung der Genossenschaften, aber auch die Beratung für rechtliche und betriebswirtschaftliche Fragen. Die umfassende genossenschaftliche Prüfung einschließlich der Prüfung der wirtschaftlichen Verhältnisse und der Ordnungsmäßigkeit der Geschäftsführung wird durch eine konsequente Prüfung ergänzt, ob die jeweilige Genossenschaft tatsächlich in der Lage ist, für ihre Mitglieder einen MemberValue zu schaffen, so wie er im Statut festgeschrieben wurde.

    Dieser Hintergrund und die so festgelegten Aufgaben führen dazu, dass die Prüfer einen sehr guten Überblick über das gesamte Unternehmen gewinnen und nicht nur über einzelne Teilbereiche. Diese Zusammenschau und die Berücksichtigung des genossenschaftlichen Kooperationsmodells ermöglichen es, die Stärken genossenschaftlicher Ökosysteme insgesamt zu erkennen, ebenso ihre stabilisierende Wirkung und ihre Krisenresistenz, die nicht hoch genug eingeschätzt werden können.

    Das Prüfungsuniversum der Genossenschaftsverbände ist ein sehr vielfältiges, breites und buntes. Vertreten sind nahezu alle Branchen und alle Größenordnungen von Kleinstunternehmen bis zu international tätigen Genossenschaften. Sehr viele von ihnen zählen zu den mittelständischen Unternehmen. Daneben werden PIE geprüft. Die große Vielfalt der zu prüfenden Unternehmen führt zu einer breiten Spartenkenntnis, die einen tiefen Einblick in die diversen Unternehmenskategorien zulässt. Die Prüfer der Genossenschaftsverbände unterliegen der Inspektion der APAS genauso wie dem Peer Review. Sie können für sich in Anspruch nehmen, qualitativ auf dem Niveau einer sehr großen Prüfungsgesellschaft zu sein.

    Die Vorteile für genossenschaftliche Wirtschaftsprüfer

    Von Mitarbeiter:innen hört man häufig, dass sie den Einsatz in der Region schätzen, also nicht nur im Hotel zu übernachten und viele Stunden und weite Entfernungen unterwegs zu sein. Doch im Vordergrund steht, dass Genossenschaftsverbände anerkannterweise eine weit überdurchschnittliche Ausbildung zum Verbandsprüfer anbieten. Selbstverständlich wird auch die Ablegung der Berufsexamina unterstützt.

    Prüfungsassistent:innen durchlaufen eine Verbandsprüferausbildung, welche ein strukturiertes Programm in den Fächern Prüfungswesen, BWL, Recht und Steuern sowie Seminare zur Vermittlung von Soft Skills beinhaltet. Mit dem Abschluss wird die Vorstandsqualifikation für Volksbanken und Raiffeisenbanken in Bezug auf die theoretischen Kenntnisse gemäß §§ 25c und 33 Abs. 1 KWG erlangt. Auch dies sehen Anwärter:innen als Vorteil.

    Wird nach den Vorzügen von genossenschaftlichen Prüfungsverbänden als Arbeitgeber gefragt, werden häufig flache Hierarchien, flexible Arbeitszeiten sowie der regionale Prüfungseinsatz hervorgehoben. Ebenso betont wird die Möglichkeit zu einer frühzeitigen Übernahme von Verantwortung, das Angebot unterschiedlicher Entwicklungspfade und eine ansprechende Vergütung. Dabei besteht kein Zwang zum Berufsexamen. Wird es aber angestrebt, werden exzellente Rahmenbedingungen auf dem Weg zum Steuerberater und der Wirtschaftsprüferin angeboten.


    Prüfung in GenossenschaftsverbändenAutorin Prof. Dr. Theresia Theurl studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Innsbruck und München und habilitierte an der Universität Innsbruck. Seit 2000 ist sie Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster sowie geschäftsführende Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen.

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