
Ein Interview mit Prof. Dr. Liane Buchholz
Die Finanzbranche hat traditionell Akzeptanzprobleme, was ihre Rolle als Arbeitgeber für Frauen betrifft. Das „Wolf of Wall Street“– Image der stark maskulin geprägten Branche wirkt gerade auf junge Absolventinnen oft abschreckend. Interviewpartnerin Prof. Dr. Liane Buchholz ist Präsidentin des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe und eine der wenigen Frauen, die es in dieser Branche an die Spitze geschafft haben. Sie zeigt, wie in ihrer Gruppe Diversität gelebt wird und gibt Einblicke in die Skills, die für erfolgreiche Karrieren entscheidend sind.
Wie bewerten Sie aktuell die Attraktivität der Finanzbranche für weibliche Absolventinnen aus Sicht Ihrer Gruppe?
Die Sparkassen haben hier in den vergangenen Jahren einen großen Schritt nach vorne gemacht. Denn die größte Hürde ist ja nicht unsere Gruppe selbst, die meines Erachtens selbst kein Relevanzproblem hat; die größte Hürde ist das Bild, das wir von ihr zeichnen. Bei Sparkassen geht es längst nicht mehr allein um Zinssätze und Margen, sondern um große Transformationsfragen: Wie finanzieren wir Klimaschutz, wie sichern wir Wohlstand in einer alternden Gesellschaft, wie bringen wir Digitalisierung und Datenschutz in Einklang? Genau das sind Themen, für die jüngere Menschen eine hohe Sensibilität mitbringen. Über diesen Sinn, über Wirkungen und Gestaltungsmöglichkeiten müssen wir mehr sprechen und mein Eindruck ist, dass die Sparkassen dieses Bild in den vergangenen Jahren immer besser transportieren konnten. Gerade mit Blick auf diese Themen ist die Finanzwirtschaft zutiefst menschlich – es geht um Vertrauen, Verantwortung und Zukunftsplanung. Wer denkt, Finanzen seien „kalt“ oder „männlich“, verpasst, dass sie der soziale Blutkreislauf einer funktionierenden Gesellschaft sind. Wenn es gelingt, das zu vermitteln, wird die Branche für junge Frauen automatisch attraktiver, weil sie erkennen, dass sie hier Werte schaffen können.
Wie sehen Sie Ihre Gruppe in Hinblick auf Gender Diversity?
Vielfalt ist in unserer Branche längst kein Nice-to-have mehr, sondern ein Wettbewerbsfaktor. Wir wissen, dass homogene Führungsgremien weniger kreative und strategisch riskante Entscheidungen treffen. Deshalb haben wir an verschiedenen Stellen Initiativen für Frauen in Führung aufgebaut – nicht als internes Wohlfühlprojekt, sondern als Motor für Sichtbarkeit, Austausch und Kulturwandel. Und ja – so ein Netzwerk muss nach außen wirken! Sichtbarkeit ist kein Eitelkeitsprojekt, sondern ein Beitrag zur Arbeitgeberattraktivität. Junge Frauen sollen sehen: Da ist ein Verband und da sind Sparkassen, die sie nicht integrieren wollen, sondern sie willkommen heißen. Das ist ein Unterschied. Diversität geht aber deutlich über die Geschlechterthematik hinaus. Sparkassen sind mit über 50 Mio. Kundinnen und Kunden sowie 200.000 Beschäftigten ein Spiegelbild der Gesellschaft. Die Sparkassenorganisation spricht darum mehr als 120 Sprachen. Deutlicher kann man die Verankerung kultureller Diversität in einer Gruppe nicht zum Ausdruck bringen.
Analytisches Denken, kommunikative Stärke und Integrität bleiben zeitlos wichtige Skills
Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial in der Steigerung der Arbeitgeberattraktivität für Frauen? Natürlich reicht es nicht, Programme aufzusetzen und Leitbilder zu verabschieden. Kultur braucht Umsetzung, sonst bleibt sie Folklore. Deshalb schauen wir uns regelmäßig an, wie sich der Anteil von Frauen in den ersten beiden Führungsebenen entwickelt, wie viele von ihnen in Schlüsselrollen sitzen und ob Mentoring und Weiterbildung tatsächlich genutzt werden. So wie wir bei Kreditrisiken nicht hoffen, sondern messen, dürfen wir es bei Personal- und Kulturthemen auch nicht beim guten Willen belassen. Ich sage aber auch: Alles ist ein Prozess, den wir nicht von heute auf morgen umbauen können. Wir können das an der noch geringen Zahl von Frauen in Vorstandspositionen ablesen. Dass unser Prozess aber auf dem richtigen Weg ist, zeigt sich an den Entwicklungen in der zweiten Führungsebene. Hier tut sich sehr viel und das ist eindeutig das Ergebnis guter Förder- und Mentoringprogramme in unserer Organisation.
Was waren für Sie in Ihrer Karriere die entscheidenden Weichenstellungen?
Der Fall der Mauer im Jahr 1989. Einerseits natürlich aufgrund der geopolitischen und gesellschaftlichen Dimensionen. Für mich als damals 24-jährige, ostdeutsche Frau kam aber eine ganz persönliche Dimension dazu, und das war der Kampf gegen sehr viele Vorurteile. In so einer Phase des Lebens sollte man sich eigentlich seiner beruflichen Karriere widmen können. Dass ich mich währenddessen jedoch auch mit Vorwürfen, Vorurteilen und Verdächtigungen zu befassen hatte, war eine erhebliche Herausforderung. Sie begegnete mir auch später noch. Das härtet zwar auf eine gewisse Art und Weise ab, ist darum aber nicht weniger kraftraubend.
Ich bin zudem in einer Zeit groß geworden, in der Frauen in Vorständen Exotinnen waren. Meine wichtigste Weichenstellung war in diesem Zusammenhang, nie zu versuchen, jemand anderes zu sein. Ich habe gelernt, dass Anpassung auf Dauer teurer ist als Gegenwind. Indem ich meinen Weg verfolgt habe, bin ich zunächst zur Mathematik und dann zur Finanzwirtschaft gelangt. Mich haben die Verbindung aus analytischer Tiefe und gesellschaftlicher Relevanz gereizt.
Welche Kompetenzen halten Sie für eine Karriere in Ihrer Branche für besonders wichtig?
Drei Skills bleiben zeitlos: analytisches Denken, kommunikative Stärke und Integrität. Wer Zahlen versteht, Menschen versteht und Haltung zeigt, wird immer gebraucht werden. Neu hinzugekommen ist die Fähigkeit, mit Unsicherheit produktiv umzugehen. Geschäftsmodelle, Technologien, Regulatorik – all das ändert sich heute in einer Geschwindigkeit, die frühere Generationen nicht kannten. Wer führen will, muss in der Lage sein, Entscheidungen zu treffen, obwohl sich die Rahmenbedingungen weiterbewegen, und darf sich von dieser Dynamik nicht lähmen lassen.
Für wie wichtig halten Sie weibliche Role Models?
Role Models sind für mich keine perfekten Heldinnen, sondern ehrliche Menschen mit Brüchen. Ich halte es für essenziell, dass wir uns zeigen – mit unseren Stärken, aber auch mit unseren Schwächen. Wir müssen uns alle klar machen, dass Perfektion eine Illusion ist und vielmehr das Überwinden von Lücken zu unserer Entwicklung und unserer Führungskompetenz zählt. Als ich anfing, gab es nur sehr wenige Frauen in hohen Positionen. Aber es gab auf meinem Weg immer Menschen, an denen ich mich orientieren konnte, die mir auch geholfen haben. All diese Einzelimpulse haben meinen Führungsstil beeinflusst. So habe ich zum Beispiel gelernt, dass man nicht laut sein muss, um etwas durchzusetzen, und dass man bei Personalentscheidungen immer die nächste Generation mitdenken sollte. Solche Vorbilder helfen, eigene Bilder von Führung zu entwickeln. Und wenn man auf diese Weise erfährt, dass auch erfolgreiche Menschen nicht immer souverän waren, geben sich junge Menschen vielleicht eher die Erlaubnis zu wachsen.
Mit Blick auf technologische Entwicklungen: Wo sehen Sie künftig die größten Jobchancen in der Sparkassen-Gruppe?
Als Aufsichtsratsvorsitzende der Finanz Informatik, des größten IT-Dienstleisters Europas, muss ich vorwegschicken, dass uns KI in der Sparkassenorganisation zunächst einmal enorm hilft. Wir werden in den kommenden Jahren etwa 30 % der Sparkassenkolleg:innen in den Ruhestand verabschieden – zum Teil auch in kritischen Funktionen wie Risiko und IT. Einen Teil davon werden wir über mehr Effizienz durch KI auffangen können. Das ist unser Glück! Gleichzeitig verändern Technologien wie KI und leistungsfähige Datenplattformen die Art, wie wir arbeiten. Sie werden uns in erheblichem Maß von rein administrativen Tätigkeiten befreien.
Wenn ich zum Beispiel auf unsere Firmenkundenberater schaue, so können diese etwa 20 % ihrer Zeit für den direkten Kundenkontakt nutzen. Die übrigen 80 % bestehen unter anderem aus Vor- und Nachbereitung der Kundengespräche, Dokumentation, Regulatorik. Mit KI können wir diesen administrativen Teil runterfahren. KI schafft mehr Kundennähe, und genau das muss ja unser Ziel sein! Zusammenfassend gesagt, sinkt der Bedarf an qualifizierten Menschen nicht, er verlagert sich. Besonders gefragt sein werden daher Profile, die Finanz-Know-how mit Technologie, Datenkompetenz, Recht oder Nachhaltigkeit verbinden.
Was würden Sie Ihrem 22-jährigen Ich mit auf den Weg geben wollen, wenn Sie heute aufwachsen würden?
Wahrscheinlich drei Dinge. Erstens: Such dir nicht den vermeintlich coolsten Arbeitgeber, sondern ein Feld, in dem du echte Hebel hast. Die Finanzbranche mag auf den ersten Blick nicht so glamourös wirken wie ein Start-up oder ein großer Technologiekonzern, aber sie ist ein zentraler Knotenpunkt für fast alle gesellschaftlichen Zukunftsfragen. Zweitens: Bau dir früh ein Profil, das nicht beliebig ist. Vertiefe dich in ein Gebiet – etwa Risiko, Treasury, IT, Nachhaltigkeitsfinanzierung oder Firmenkunden – und ergänze es um eine starke zweite Kompetenz wie Kommunikation, Datenanalyse oder Projektsteuerung. Solche Kombinationen machen dich zu einer gesuchten Persönlichkeit. Drittens: Lass dich von Unsicherheit nicht einschüchtern. Ja, die Welt ist instabiler geworden. Aber gerade in solchen Phasen sind Menschen gefragt, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu begründen und andere durch Veränderung zu führen. Wenn junge Frauen genau das tun, werden sie in der Finanzbranche nicht nur Karriere machen – sie werden sie verändern.
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