Wie finden Wirtschaftswissenschaftler:innen in die Energiewirtschaft? Katja Hanns-Terrill zeigt, welche Rollen hinter technischen Titeln stecken.

Sie ist Managing Partner bei einer der renommiertesten Personalberatungen und konzentriert sich auf Schlüsselpositionen im Top-Level von Wirtschaft und Organisationen: Katja Hanns-Terrill leitet die Geschäfte von Odgers Germany und ist selbst ein Role Model für Female Leadership. Wir sprechen mit ihr über ein Karrierefeld, das bei Wirtschaftswissenschaftler:innen noch kaum Beachtung findet. Die Energiewende gilt vielen noch als reines Ingenieursprojekt, doch in der Realität sind Asset-Management, Projektfinanzierung und betriebswirtschaftliches Handwerk nicht weniger wichtig.
Was du wissen solltest
Frau Hanns-Terrill, wo werden WiWis in der Energie- und Infrastrukturwelt gerade besonders gebraucht?
Die Energiewende gilt vielen als Ingenieursprojekt, dabei entscheidet sich ihr Erfolg ebenso am kaufmännischen Fundament: im Asset-Management der Erneuerbaren, im Regulierungsmanagement der Netzbetreiber und in der Projektfinanzierung. Diese Rollen finden sich derzeit laufend auf den Stellenportalen der Netzbetreiber und Stadtwerke, und keine davon setzt voraus, dass man je eine Leitung verlegt oder eine Anlage konstruiert hat. Gleichzeitig ist immer ein Interesse für Infrastruktur Voraussetzung – man sollte wissen, was man kaufmännisch bewertet, steuert oder finanziert. Im Übrigen fehlt in der Energiewirtschaft aktuell an allen Ecken und Enden Kapitalmarktexpertise. Das merken wir in unseren Mandaten sehr deutlich.
Welche WiWi-Aufgabenfelder verstecken sich hinter technisch klingenden Stellenbezeichnungen? Nehmen Sie den „Referenten Netzwirtschaft“, den „Netzentgeltmanager“ oder eine Rolle im „Einspeisemanagement“. Da klingt jeder Titel nach Kabeln und Leitwarten, doch mit Technik im engeren Sinne hat die Arbeit wenig zu tun. Gemeint sind Entgeltkalkulation, Rechnungsprüfung, die Abwicklung von Vergütungen nach EEG und die Zuarbeit für den Jahresabschluss, oft angesiedelt im Ressort der kaufmännischen Geschäftsführung.
Diese Bezeichnungen sind historisch gewachsen und schrecken manchen Wirtschaftswissenschaftler un- nötig ab. Dabei wird in der Ausschreibung meistens ausdrücklich ein wirtschaftswissenschaftliches Studium verlangt.
„In der Energiewirtschaft fehlt deutlich die Kapitalmarktexpertise“
Wie viel Technik muss denn ein WiWi für den Einstieg wirklich verstehen?
Weniger, als die meisten befürchten. Ein waches Interesse an der Branche und die Bereitschaft, sich einzuarbeiten, reichen für den Einstieg völlig aus. Die Fachtiefe braucht niemand von der ersten Woche an. Das energiewirtschaftliche Wissen bringt kaum ein Berufseinsteiger mit, es wird ohnehin im Unternehmen aufgebaut. Entscheidend ist, dass das betriebswirtschaftliche Handwerkszeug sitzt und die Bereitschaft da ist, sich in ein reguliertes Umfeld einzudenken.
Wie unterscheidet sich der Arbeitsalltag bei einem Netzbetreiber von dem bei einem Projektentwickler?
Das kann ich selbst aus eigenem Erleben nicht beantworten – ich habe in den Führungskräfte-Besetzungsmandaten zwar mit dem Management gearbeitet und die Unternehmen beraten, aber nie selbst vor Ort im Team bei einem Netzbetreiber gearbeitet. Natürlich habe ich aber einen Blick darauf. Die Aufgaben sind unterschiedlich und die Unternehmenskultur auch. Alle sind spannend.
Der Netzbetreiber denkt in Jahren, nicht in Wochen: Sein finanzieller Rahmen wird von der Bundesnetzagentur langfristig festgelegt, und innerhalb dieser Grenzen plant und investiert man mit einem ausgeprägten Sinn für Versorgungssicherheit. Wer gern an großen, langfristigen Aufgaben arbeitet, ist hier am richtigen Platz. Hier muss sehr viel Geld investiert werden, hier passiert die Energiewende – da kann man später seinen Kindern sagen, wir haben das auf die Straße gebracht. Gleichzeitig ist es eine Branche, die Versorgungssicherheit gewährleisten muss und aktuell, wie man aus der Presse sieht, auch als kritische Infrastruktur mögliche Krisen und sogar Anschläge abwehren muss.
Und der Investor?
Der Investor lebt von Kapital und Rendite, bewertet Portfolios und verhandelt Transaktionen – ein Umfeld für Menschen, die die direkte Nähe zu den Finanzmärkten und schnelle Entscheidungen reizvoll finden. Und der Projektentwickler denkt vom einzelnen Vorhaben her, von der Standortidee bis zur Finanzierung, mit allen Höhen und Tiefen, die dazugehören. Fachlich sind die Übergänge fließend, in der Kultur können sie sich sehr unterscheiden. Es lohnt sich, vor der Bewerbung ehrlich zu überlegen, wo man gut passen kann – oder man probiert es einfach aus.
„Viele Möglichkeiten bis hinauf ins Topmanagement“
Welche Eigenheiten der Branche sollte man vor der Bewerbung kennen?
Viel passiert vor Ort, in den Städten und Regionen. Mobiles Arbeiten ist möglich, gleichzeitig braucht es Präsenz. Wer bereit ist, auch außerhalb der ganz großen Städte aktiv seine Karriere voranzubringen, wird Vorteile haben und tolle Entwicklungschancen bekommen, weil der demografische Wandel überall spürbar wird.
Ein Job in der öffentlichen Verwaltung ist oft langfristig gesichert, eine Entwicklung der Einkommen dauert aber oft. Beteiligungen der öffentlichen Hand wie Energieversorger haben in der Regel Tarifverträge, nach denen sich die Einkommen richten. Doch auch hier gilt: Wer einen super Job macht und sich weiterentwickeln will, wird in einer zukunftsfähigen Branche viele Möglichkeiten haben, bis hinauf ins Topmanagement.
Wichtig – auch hier sind Digitalisierung und Transformation an der Tagesordnung – da sollte man in jedem Fall Interesse mitbringen.

Womit kann sich ein WiWi-Studierender die Energie- und Infrastrukturbranche so erschließen, dass ein potenzieller Arbeitgeber anbeißt?
Viele kommen über das Thema Nachhaltigkeit zur Branche, und das ist ein ehrenwertes Motiv, nur bleibt es für sich genommen abstrakt, weil es fast jeder anführt. Glaubwürdig wird es besonders, wenn man es mit etwas Eigenem füllt: einem Praktikum, einer Abschlussarbeit zu einem konkreten passenden Thema, vielleicht einer selbst gerechneten Wirtschaftlichkeit einer Photovoltaikanlage im privaten Bereich, Bekannten oder Freunden, die einem von ihrem Job erzählt und begeistert haben. Aus dem allgemeinen Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun, wird so ein belegbares Interesse.
Ehrlich wäre auch zu sagen, dass man gerne seine Erfahrungen in der Branche sammeln möchte – und dann ist es auch völlig in Ordnung, einzuräumen, dass man am Beginn seiner Karriere noch nicht weiß, wo sie genau enden soll.
Wie würde Ihr Zwölfmonatsplan für eine:n Wirtschaftswissenschaftler:in ohne Energieprofil aussehen?
Ich würde mich direkt für ein Praktikum oder ein Traineeprogramm bewerben. Die Themen der Energiewirtschaft kann man wunderbar mit allen Mitteln der KI selbst nachlesen und sich gut vorbereiten. Kultur und Branche erleben geht nur durch Ausprobieren und Loslegen.
Katja Hanns-Terrill gehört zum Team Öffentliche Hand von Odgers und besetzt dort Spitzenpositionen in der kommunalen Kernverwaltung und bei Beteiligungsunternehmen der öffentlichen Hand. Laut Interview hat sie in solchen Führungskräfte-Besetzungsmandaten mit dem Management gearbeitet und Unternehmen beraten. Laut Katja Hanns-Terrill finden sich Rollen wie Asset-Management der Erneuerbaren, Regulierungsmanagement der Netzbetreiber oder Projektfinanzierung laufend auf den Stellenportalen der Netzbetreiber und Stadtwerke. In den Ausschreibungen wird meistens ausdrücklich ein wirtschaftswissenschaftliches Studium verlangt. Katja Hanns-Terrill ist selbst ein Role Model für Female Leadership. Weitere Porträts findest du im Bereich Female Leadership auf high potential.Häufige Fragen zu Karrieren in der Energiewirtschaft
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