Was machst du, wenn du bei einer Aufgabe nicht weiter weißt?

Die Diversity-Expertin Tijen Onaran ist ­Unternehmerin, Moderatorin, Speakerin und Gründerin von Global Digital Women. Für sie ist das Networking unerlässlich für den beruflichen Erfolg: Ein Netzwerk hilft einem auch, wenn es vermeintlich nicht weiter geht.

Du bist Gründerin des internationalen Frauennetzwerkes „Global Digital Wo­men”. Was ist das Ziel deines Netzwerkes und wodurch hast du gespürt, dass es an der Zeit dafür ist?
Mit Global Digital Women (GDW) setzen wir uns für mehr Diversität in der Ar­beitswelt ein. Ohne Diversität keine Digitalisierung, lautet dabei unser Leitspruch, denn diverse Teams sind innovativer und erfolgreicher. Zu Diversität zählt auch Kollaboration: mit ganz unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten und sich auf die Perspektive des Gegenübers einzulassen. Genau das liegt auch dem Thema des „Netzwerkens“ zugrunde. Ich bin fest überzeugt: nachhaltiges Netzwerken ist die Basis für Diversität. Das Netzwerken hat mich schon zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn begleitet, weshalb ich dann vor rund vier Jahren beschlossen habe, Frauen aus meinem Umfeld zusammenzubringen um sie miteinander zu vernetzen.

David Noël, der mit seinem Podcast „Role Models“ für Gleichberechtigung eintritt, meint „Die Tech-Szene ist bekannt für ein krasses Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau, aber auch in anderen Dimensionen von Vielfalt.” Welche persönlichen Erfahrungen prägen deine Einstellung zur Digitalszene?
Es stimmt, dass die Tech-Szene nicht sonderlich divers ist. Wenn wir uns allerdings immer damit beschäftigen was nicht läuft, werden wir uns nie dem zuwenden können, was laufen kann. Meine Beobachtungen sind recht unterschiedlich: Die Start-up Szene ist stark monokulturell geprägt, und zwar nicht nur auf das Geschlecht bezogen. Bei Konzernen, aber auch den mittelständischen Unternehmen ist durchaus eine Bewegung zu beobachten: immer mehr Frauen nehmen Digitalrollen ein und prägen damit die Innovationsfähigkeit der Unternehmen. Genau deshalb ist es mir ein Herzensanliegen, all diese Frauen sichtbar zu machen, um aufzuzeigen welche neuen Karriere- und Jobperspektiven es durch die Digitalisierung gibt.

Du erwähnst Konzerne. Wie viel Marketingdenken steckt hinter deren öffentlichen Gender Diversity-Bekenntnissen?
Ich glaube, dass „kalkulierte Marketingmaßnahmen“ in Bezug auf Gender Di­versity auffliegen. In der Zusammenarbeit mit Unternehmen merke ich immer, dass echte Überzeugung hinter dem En­gagement steht, übrigens von Frauen und Männern gleichermaßen. Das Entscheidende bei Gender Diversity ist für mich, dass sich nicht nur Frauen dafür engagieren, sondern auch Männer.

Du selbst bist jemand, der sich sehr stark öffentlich engagiert. Fällt es dir leicht, eine öffentliche Person zu sein?
Öffentlichkeit bedingt Angreifbarkeit – dessen war ich mir immer bewusst und bin es heute noch. Es gibt immer eine Person, die eine andere Meinung hat als du, und das ist auch gut so. Konstruktive Kritik lässt einen wachsen und die eigene Komfortzone verlassen. Meine persönliche Grenze ist, wenn jemand den professionalen und konstruktiven Rahmen verlässt, sprich persönlich destruktiv wird. Was mir immer geholfen hat: sich vom Applaus nicht abhängig zu machen und das Selbstvertrauen immer aus sich selbst heraus und von Familie und engen FreundInnen zu ziehen.

In den Kontext des „Selbstvertrauen aus dem eigenen Netzwerk ziehen” passt, dass kürzlich  dein Buch „Die Netzwerkbibel” erschienen ist. Unterscheidet sich eigentlich das Networking von Männern und Frauen?
Ich bin kein Fan von Stereotypen – daher will ich nicht immer auf die Unterschiedlichkeiten von Mann und Frau abstellen. Was ich eher als Unterschiede sehe ist, dass Netzwerken in Deutschland noch skeptisch betrachtet wird, wohingegen es in anderen Ländern selbstverständlicher Bestandteil des Jobs ist.

Warum ist Netzwerken so wichtig und warum tun wir uns manchmal damit so schwer?
Ein gutes Netzwerk ist wie ein Wissenstanker voller Talente, die man selbst nicht mitbringt. Ob es darum geht sich beruflich weiterzuentwickeln oder schlichtweg eine andere Perspektive zu bekommen, ein Netzwerk belebt und lässt einen wachsen. Häufig hat Netzwerken noch ein negatives Image – viele verbinden damit Vetternwirtschaft, aber ich bin der festen Überzeugung: Netzwerken bedeutet nichts anderes als Be­ziehungen aufzubauen und sie nachhaltig zu pflegen.


© Urban Zintel

Tijen Onaran ist Unternehmerin, Moderatorin, Speakerin und Diversity-Expertin. Mit Global Digital Women engagiert sie sich für die Vernetzung und Sichtbarkeit von Frauen in der Digitalbranche und berät zudem Unternehmen in Diversitätsfragen. Im Dezember 2018 hat sie gemeinsam mit der ehemaligen stellvertretenden Chefredakteurin der myself FemaleOneZero gegründet – eine internationale Content-Plattform. Zudem publiziert Tijen Onaran regelmäßig als Mitglied des Handelsblatt Expertenrates Artikel rund um die Themen Digitalisierung, Unternehmertum und Diversität.

Sie wurde in das Faculty Board für „Digital Leadership“ der Management School St. Gallen berufen. Vor ihrer Selbstständigkeit war Tijen Onaran für Europa-, und Bundestagsabgeordnete, für das Bundespräsidialamt sowie für Verbände und eine Hochschule in leitenden Funktionen tätig.

Das Wirtschaftsmagazin Capital wählte sie zu Deutschlands Top 40 unter 40 und Anfang 2019 erhielt sie den InspiringFifty Award für „Women in Tech“. Jede Woche erscheint der Podcast How to Hack in Kooperation mit Business Punk, bei dem sie spannende Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Gesellschaft interviewt. 2019 erschien ihr erstes Buch „Die Netzwerkbibel” im Verlag Springer Gabler.


Wenn du jemanden vor dir hast, der sich quasi in der Stunde Null seines Netzwerklebens befindet und dir sagt „Ich mag das nicht, weil Networking etwas geheucheltes hat.” – wie bringst du so jemanden aufs Gleis?
Meist frage ich dann: „Was machst du, wenn du mal mit einem Projekt, einer Aufgabe, einer Herausforderung nicht weiter weißt? Wer hilft dir dann? Und vor allem: wer hilft dir in der Krise?“ Ein richtig gutes Netzwerk zeigt sich vor allem in der Krise. Am Ende geht es mir aber weniger darum, die „Menschen aufs Gleis“ zu bringen, sondern ihnen aufzuzeigen was sie verpassen können, wenn sie sich nicht mit anderen zusammentun.

In sozialen Beziehungen unterscheiden Menschen oft zwischen den „echten Freunden” und den „eher Bekannten”. Wo verortest du diejenigen, die zu deinem Netzwerk gehören?
Über mein Netzwerk sind schon mal Freundschaften entstanden, aber ich er­warte das nicht. Mit dieser Erwartungshaltung an sein eigenes Netzwerk heranzutreten, finde ich falsch. Mein persönliches Netzwerk besteht vor allem aus Menschen, die mich inspirieren – die mir eine Perspektive zeigen und mich auch mal fordern.

Wie unterscheidet sich das Networking im digitalen Raum von dem im real life?
Das Networking im digitalen Raum bietet sich besonders dann an, wenn Menschen zurückhaltender sind. Im ersten Schritt lässt sich beobachten, was das Gegenüber beschäftigt und welche Themen gerade eine Rolle spielen. Auch kann ich über digitales Netzwerken mei­ne eigenen Themen sichtbar machen, was wiederum auch wichtig beim Netzwerken ist. Nur wenn ich weiß, wofür andere stehen, kann ich anknüpfen; umgekehrt gilt: wenn andere wissen, wofür ich stehe, lässt sich ebenfalls besser netzwerken.

Welche konkreten Tipps hast du für diejenigen, die in sozialen Netzwerken Kontakte knüpfen wollen?
Vorbereitung ist alles! Ganz konkret hilft sich zunächst zu erkundigen, welche The­men den Kontakt gerade umtreiben. Weiter ist es wichtig, sich vorzustellen und kurz zu erwähnen, warum man den Kontakt sucht oder sich vernetzen will. Selbst wenn es im ersten Schritt nur darum geht, verknüpft zu sein, um informiert zu bleiben, was den jeweiligen Kontakt beschäftigt. Und zu guter Letzt: bitte vermeidet Vertriebsnetzwerken. Das bedeutet: keine Produktpräsentation nach Bestätigung des Kontakts hinterherschicken. Das ist ein absolutes No Go!

Und wie geht man auf Veranstaltungen vor, wenn man jemanden kennenlernen möchte?
Auch hier gilt: Je besser man vorbereitet ist, desto effektiver kann man netzwerken. Zu wissen, wer auf der Veranstaltung spricht, welches Thema beleuchtet wird und im Idealfall auch an welche Zielgruppe sich die Veranstaltung richtet, hilft, mit anderen in Kontakt zu treten. Mein Tipp hier: sich selbst nicht zu überfordern und sich zunächst die Challenge zu stellen, eine Person auf der Veranstaltung anzusprechen. Das erfordert schon Mut und ist eine gute Übung, um die eigene Komfortzone zu verlassen.

Für Hochschulabsolventen ist eine der wichtigsten Fragen, wie sie den für sich passenden Arbeitgeber finden. Kann Networking hier auch helfen?
Um einen Eindruck von Jobs zu bekommen, hilft es Veranstaltungen zu besuchen, die eben diese Einblicke bieten. Es gibt einige Organisationen die den Blick hinter die Kulissen von Unternehmen gewähren, beispielsweise ist das fester Bestandteil unserer Aktivitäten mit GDW: Jeden Monat bieten wir ein sogenanntes „Afterwork“ an, bei dem wir die Community bei unterschiedlichen Gastgebern, sprich Unternehmen, zusammenbringen. Diese Afterworks finden in Köln / Düsseldorf, Berlin, München, Frankfurt, Hamburg, Zürich und London statt. Auch ein klassischer „Tag der offenen Tür“ bietet sich für eben diese Einblicke an.

Welche Visionen treiben dich persönlich gerade an und welche Kontakte, die du derzeit noch nicht hast, würden dich bei der Verfolgung deiner Ziele ganz besonders unterstützen können?
Mich treibt vor allem an, Diversität noch breiter zu denken. Gender-Diversity ist nur eine von insgesamt 6 Dimensionen von Diversität, spannend finde ich auch die anderen. Beispielsweise auch und gerade das Thema Digitalisierung und Innovation in internationalen Kontext: Was können wir hier in Deutschland von anderen Ländern lernen? Daher bin ich sehr am internationalen Austausch interessiert und versuche zunehmend auch mit MultiplikatorInnen aus anderen Ländern zu netzwerken, umso auch neue Ideen und Lösungen für unsere Community in Deutschland als auch für die Unternehmen zu bekommen.

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