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    „Die WP-Branche wird nicht auf die Berufseinsteiger verzichten können“

    Wie gelingt der Einstieg in die Wirtschaftsprüfung im KI-Wandel? Jörg Hossenfelder erklärt, welche Fähigkeiten zählen und welche Karrierewege es gibt.

    Der demographische Wandel verändert auch die WP-Branche. „Ohne Nachwuchs fehlt in einigen Jahren die nächste ­Generation von Professionals, ­Managerinnen und Partnern“, sagt Jörg Hossenfelder

    Für die Lünendonk-Studie „Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung 2026 in Deutschland“ hat Interviewpartner Jörg Hossenfelder die Marktentwicklung der Branche genau unter die Lupe genommen. Seine Studie bietet ­Entwicklungen und Insights zum Markt für Audit, Tax & Advisory, basierend auf den umfassenden Angaben von 81 WP-Gesellschaften und Netzwerken. Ein Gespräch über Karrierechancen in der Wirtschaftsprüfung, neue ­Anforderungsprofile und die wichtigsten Unterschiede zwischen Big Four, Next Ten und dem WP-Mittelstand.


    Was du wissen solltest

    • Der Wandel: KI automatisiert standardisierte Aufgaben in der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung. Dadurch gewinnen Analyse, fachliches Urteilsvermögen und der sichere Umgang mit Daten und Technologien an Bedeutung.
    • Die Chancen: Berufseinsteiger bleiben gefragt, doch die Erwartungen verändern sich. Neben fachlichen Grundlagen zählen Lernbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
    • Die Orientierung: Big Four, Next Ten und mittelständische Gesellschaften unterscheiden sich bei Spezialisierung, Internationalität und Nähe zu Partnern und Mandanten. Bei der Wahl des Arbeitgebers sind Ausbildung, Aufgaben und Entwicklungsmöglichkeiten wichtige Kriterien.

    Wenn heute ein Student sagt: „Wirtschaftsprüfung klingt nach Excel, Belegen und langen Nächten“ – wie viel davon stimmt 2027 eigentlich noch?

    Die Arbeit eines Wirtschaftsprüfers wird künftig weniger darin bestehen, Belege manuell zu sortieren, Stichproben abzuarbeiten oder Zahlen wiederholt in Tabellen zu übertragen. Künstliche Intelligenz und moderne Prüfungssoftware unterstützen bereits heute bei der Prüfungsplanung, der Risikoanalyse, der Auswertung großer Datenmengen, der Dokumentenanalyse und der Berichterstattung. Sie können Auffälligkeiten erkennen, Verträge und Anhänge strukturieren, Checklisten vorbereiten und erste Berichtsentwürfe erstellen.
    Auch 2027 wird es Phasen hoher Arbeitsbelastung geben. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass sich die Belastung schrittweise von manueller Aufbereitung hin zu komplexerer Analyse, Koordination, Kommunikation und fachlicher Beurteilung verschiebt.

    Ihre aktuelle Studie enthält Zahlen, bei der Studierende vermutlich kurz schlucken: 65 Prozent der Gesellschaften planen einen Abbau beim Anteil der Junior Professionals, gleichzeitig wollen 71 Prozent den Manager-Anteil erhöhen. Braucht die Branche künftig tatsächlich weniger Berufseinsteiger – oder einfach andere?
    Die von Ihnen genannte Verteilung beschreibt zunächst die Einschätzung der befragten WP-Gesellschaften. Auf den ersten Blick wirkt das widersprüchlich zum anhaltenden Fachkräftemangel. Tatsächlich zeigt sich darin aber eine zentrale Veränderung des Geschäftsmodells. Die Branche wird nicht auf die Berufseinsteiger verzichten können. Ohne Nachwuchs fehlt in einigen Jahren die nächste Generation von Professionals, Managerinnen und Partnern. Allerdings verändert Auto­matisierung die klassische Mitarbeiterpyramide. Für bestimmte standardisierte Tätigkeiten werden möglicherweise weniger Personen benötigt. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Mitarbeitenden, die komplexe Sachverhalte beurteilen, automatisierte Ergebnisse kontrollieren, Prüfungen und Projekte steuern sowie mit Mandanten auf Augenhöhe kommunizieren können.
    Für Studierende bedeutet das: Die Einstiegschancen werden nicht pauschal schlechter, aber die Erwartungen an die ersten Berufsjahre verändern sich.

    Welche Erwartungen meinen Sie?
    WP-Gesellschaften werden künftig weniger Menschen suchen, die ausschließlich vorgegebene Arbeitsschritte erledigen. Gefragt sind Personen, die fachliche Grundlagen mit Urteilsvermögen, Datenverständnis, Verantwortungsbewusstsein und Kommunikationsfähigkeit verbinden.
    Auf höheren Karrierestufen gewinnen zudem Führung, Mandantenpflege, Akquisition und Geschäftsentwicklung an Bedeutung. Führungspotenzial zeigt sich dabei nicht erst in der formalen Übernahme einer Führungsrolle. Früh erkennbar sind beispielsweise Eigeninitiative, verlässliche Kommunikation, der konstruktive Umgang mit Konflikten, die Fähigkeit, andere zu unterstützen, und der Mut, fachlich begründet zu widersprechen. Wer später Führungsverantwortung übernehmen möchte, sollte deshalb nicht nur durch gute Noten oder schnelle Bearbeitung auffallen. Ebenso wichtig ist, ob jemand Verantwortung für das Gesamtergebnis übernimmt, andere Mitarbeitende einbindet und gegenüber Mandanten professionell und souverän auftritt.


    „Führungspotenzial zeigt sich nicht alleine durch gute Noten oder Schnelligkeit“


    Zu welchen Typ Mensch passt aus Ihrer Sicht die Wirtschaftsprüfung – und wer wird in der Steuerberatung glücklicher?
    Wirtschaftsprüfung passt häufig zu Menschen, die Sachverhalte systematisch untersuchen, Widersprüche aufdecken und sich schnell in unterschiedliche Geschäftsmodelle einarbeiten möchten. Freude an Datenanalyse, Risikobeurteilung und der unabhängigen Beurteilung von Informationen ist hilfreich. Hinzu kommt die Bereitschaft, auch unangenehme Feststellungen sachlich anzusprechen.
    Steuerberatung kann hingegen besonders gut zu Menschen passen, die Freude an Recht, Gesetzesänderungen und komplexen Detailfragen haben und daraus konkrete Lösungen für Mandanten entwickeln möchten. Steuerberatung ist dabei nicht nur rückblickende Deklarationsarbeit. Sie umfasst auch Strukturierungs- fragen, Transaktionen, Umwandlungen, internationale Sachverhalte und die steuerliche Begleitung unternehmerischer Entscheidungen.

    Wie viel an Daten- und Prozessverständnis wird von Einsteigern heute erwartet?
    Von Berufseinsteigern wird normalerweise nicht erwartet, dass sie bereits jedes Prüfungs- oder Steuersystem beherrschen. Erwartet werden jedoch Technologieaffinität, Lernbereitschaft und ein grundlegendes Verständnis dafür, wie Daten, Prozesse und Systeme zusammenwirken. Studierende sollten deshalb bereits vor dem Berufseinstieg erste praktische Erfahrungen mit digitalen Werkzeugen und KI sammeln.
    Entscheidend dabei bleibt der sogenannte Human in the Loop. Das bedeutet nicht nur, dass ein Mensch am Ende auf einen Knopf drückt. Er muss fachlich verstehen, was das System getan hat, welche Daten verwendet wurden, wie belastbar das Ergebnis ist und ob es nachvollziehbar dokumentiert werden kann.

    Wie blicken Sie auf die Karrierepfade, die Big Four, Next Ten oder mittelständische WP-Gesellschaften heute bieten?
    Die Big Four – also Deloitte, EY, KPMG und PwC – bedienen große internationale Mandate. Hier finden Einsteiger eine strukturierte Ausbildung, internationale Mobilität und starke fachliche Netzwerke vor. Die Teams sind stärker spezialisiert. Es herrscht eine größere organisatorische Struktur und teilweise größere Distanz zu Partnern und Mandanten vor.
    Die Next Ten – das Verfolgerfeld der Big Four – stellen eine Kombination aus professionellen Strukturen und häufig etwas größerer persönlicher Sichtbarkeit dar. Sie bedienen interessante mittelgroße und größere Mandate mit je nach Gesellschaft unterschiedlich ausgeprägter Internationalität, Spezialisierung und technologischer Ausstattung. Die mittelständischen WP-Gesellschaften geben Einsteigern einen recht frühen Einblick in verschiedene Aufgaben, größere Nähe zu Partnern und Mandanten und häufig ein breiteres Tätigkeitsprofil. Die Karrierepfade sind teilweise weniger standardisiert, und die internationale Reichweite ist geringer. Ferner werden dort weniger spezialisierte Ressourcen bereit- gehalten. Wie wichtig ist das Renommee des ersten Arbeitgebers? Wichtiger als der Name des Arbeitgebers sind konkrete Fragen: Welche Aufgaben übernimmt man im ersten Jahr? Wie hoch ist der Anteil standardisierter Arbeit? Welche Weiterbildung und Examensvorbereitung gibt es? Wie häufig arbeitet man direkt mit Mandanten und Partnern? Wie werden Arbeitszeiten, Reiseanteile und Belastung gesteuert? Welche Karrierewege bestehen jenseits des klassischen Partnerwegs? Und wie werden Mitarbeitende gefördert, die sich fachlich spezialisieren möchten?

    „Wer bildet mich aus und wie werde ich konkret gefördert?“– Fragen, die wichtiger sein können als das Einstiegsgehalt

    Stellen wir uns eine Studentin oder einen Studenten vor, der 2027 Jobangebote aus mehreren Branchen auf dem Tisch hat und sich fragt: „Warum ausgerechnet Wirtschaftsprüfung oder Steuerberatung?“ Was würden Sie dieser Person sagen?
    Ich würde zunächst sagen: Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung bieten eine anspruchsvolle, aber sehr vielseitige Lern- und Entwicklungsphase. Wer verstehen möchte, wie Unternehmen funktionieren, wie sich Entscheidungen in Zahlen widerspiegeln und wie wirtschaftliche Veränderungen rechtlich und organisatorisch umgesetzt werden, findet hier ein besonders breites Lernfeld.
    Man arbeitet mit unterschiedlichen Geschäftsmodellen, Branchen und Menschen. Dabei erwirbt man nicht nur Fachwissen, sondern entwickelt auch ein Verständnis dafür, wie Organisationen tatsächlich handeln. Hinzu kommen verschiedene Karrierewege, internationale Einsatzmöglichkeiten und die Chance, früh Verantwortung zu übernehmen sowie Mandanten kennenzulernen.
    Allerdings sollte man wissen, dass die Karriere mit einer intensiven Ausbildungs- und Lernphase verbunden ist. Je nach angestrebtem Berufsweg können später das Wirtschaftsprüferexamen oder das Steuerberaterexamen hinzukommen. Der Einstieg ist in vielen Gesellschaften zunächst stark durch Prüfungs-, Deklarations- beziehungsweise Analysearbeit geprägt. Eigenständige Beratungsaufgaben entwickeln sich meist erst mit zunehmender Erfahrung.
    Auch die Entwicklung des Gehalts sollte realistisch betrachtet werden. Das Einstiegsgehalt ist nicht der einzige Maßstab. Entscheidend sind die Qualität der Ausbildung, die langfristigen Entwicklungsmöglichkeiten, die fachliche Spezialisierung, die Arbeitskultur und die Perspektiven, die sich mit wachsender Erfahrung eröffnen.


    „Beruf für Menschen, die früh Verantwortung übernehmen wollen“


    Und wer langfristig eine Partnerposition anstrebt?
    Der benötigt neben sehr guten Fachkenntnissen auch unternehmerisches Denken, Leistungsbereitschaft und die Fähigkeit, Mandantenbeziehungen sowie neues Geschäft aufzubauen. Damit können Phasen hoher Arbeitsbelastung verbunden sein. Gleichzeitig gibt es zunehmend auch attraktive Fach- und Führungslaufbahnen, die nicht zwingend in eine Partnerschaft führen.

    Wenn wir Sie am Ende um ein Fazit zu den Veränderungen in der WP-Branche im Hinblick auf die Karrierewege bitten, wie fällt dieses aus?
    KI nimmt der Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung nicht einfach die Arbeit weg, sondern verändert deren Zusammensetzung. Standardisierte Tätigkeiten werden reduziert oder automatisiert; gleichzeitig gewinnen fachliches Urteil, Daten- und Prozessverständnis, Kommunikation, Führung und technologische Kontrolle an Bedeutung.
    Für Nachwuchskräfte bedeutet das weder eine pauschale Verschlechterung noch eine automatische Karrieregarantie. Die Einstiegspyramide kann in bestimmten Bereichen flacher werden, während der Fachkräftemangel und die bevorstehende Übergabe von Verantwortung an die nächste Generation den Bedarf an qualifizierten Nachwuchskräften aufrechterhalten.
    Besonders gefragt werden diejenigen sein, die fachliche Substanz mit digitaler Kompetenz, professioneller Skepsis und der Fähigkeit verbinden, Verantwortung zu übernehmen.

    Häufige Fragen zum Einstieg in die Wirtschaftsprüfung

    Welche Rolle spielt KI künftig in der Wirtschaftsprüfung?

    Nach Hossenfelders Einschätzung unterstützen KI und moderne Prüfungssoftware bereits heute bei Prüfungsplanung, Risikoanalyse, Datenauswertung und Dokumentenanalyse. Die Arbeit verschiebt sich dadurch von manueller Aufbereitung hin zu Analyse, Koordination und fachlicher Beurteilung.

    Welche Fähigkeiten brauchen Einsteiger in der Wirtschaftsprüfung?

    Erwartet werden Technologieaffinität, Lernbereitschaft und ein Grundverständnis dafür, wie Daten, Prozesse und Systeme zusammenwirken. Hossenfelder rät, schon vor dem Berufseinstieg erste praktische Erfahrungen mit digitalen Werkzeugen und KI zu sammeln.

    Ist die Wirtschaftsprüfung auch ohne Partnerambition eine langfristige Option?

    Ja. Der Weg zur Partnerschaft verlangt laut Hossenfelder neben sehr guten Fachkenntnissen auch unternehmerisches Denken und die Fähigkeit, Mandantenbeziehungen aufzubauen. Zunehmend gibt es aber auch attraktive Fach- und Führungslaufbahnen, die nicht in eine Partnerschaft führen.

    Welche Einstiegsmöglichkeiten gibt es in der Wirtschaftsprüfung?

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