Im Profil: Alexandria Ocasio-Cortez

Sollte Donald Trump doch etwas Gutes bewirkt haben? Als der Ex-Präsident 2016 gewählt worden ist, war das für die damals 27-jährige Alexandria Ocasio-Cortez – abgekürzt AOC – ein Erweckungsmoment: Es war das Signal, politisch noch aktiver zu werden und die eigenen Vorstellungen einer Trump diametral gegenüber­stehenden sozialen, ökonomischen und ethnischen Gerechtigkeit zu verbreiten. Dieser Weg führte die New Yorkerin als jüngste US-Abgeordnete 2019 in den Kongress.

Für die Demokraten ist Ocasio-Cortez eine linke Radikale. Dazu muss man wissen, dass die Unterscheidung zwischen den beiden amerikanischen Parteien nicht nach europäischen Maßstäben funktioniert. Zwar progressiver als die Republikaner sind die Demokraten nämlich keinesfalls eine linke Fortschrittspartei, sondern haben eine in vielen Punkten eher traditionelle Agenda.

Politisiert wurde Alexandria Ocasio-Cortez während ihres Studiums an der Boston University in Economics and International Relations durch ein Praktikum bei Senator Ted Kennedy. Dabei konnte sie einen direkten Einblick nehmen in die Arbeit der amerikanischen Einwanderungsbehörde ICE, die für die Verhaftung und Abschiebung illegal Eingewanderter zuständig ist. Was sie dabei sieht, führt zehn Jahre später als frischgewählte Congresswoman zur Forderung „Abolish ICE“, weil die Behörde Familien zerreiße und wahllos Einwanderer in Nacht-und-Nebel-Aktionen abschiebe.
Im gleichen Jahr 2008, in dem AOC für das Büro von Ted Kennedy arbeitet, stirbt ihr Vater und die Familie puerto-ricanischer Abstammung kommt in finanzielle Schwierigkeiten. Alexandria kellnert und hilft der Mutter, die Familie durchzubringen und arbeitet zusätzlich nach ihrem Examen 2011 als Lehrkraft. Es sind die working-class people, denen sich Ocasio-Cortez seit dieser Zeit verpflichtet fühlt – und die sie nicht fair in der amerikanischen Politik vertreten sieht.

Während des Vorwahlkampfes 2016 arbeitet sie als Unterstützerin von Bernie Sanders, der linken Ikone der Demokraten, der sich am Ende knapp der späteren Kandidatin Hillary Clinton geschlagen geben muss. Nachdem diese gegen Donald Trump verliert, greift AOC selbst an als Kandidatin und tritt als Underdog bei den Vorwahlen gegen das Partei Establishment der Demokraten an und gewinnt. Obwohl sie nur einen Bruchteil der Wahlkampfmittel aufbringen kann, erreicht sie mit Fleiß und Eloquenz ihr Zwischenziel der Nominierung, welches sie am Ende in den Kongress führen wird. Dort wird sie mit ihren linken Ideen zum obersten Feindbild der rechten Republikaner: Reichensteuer, Green Deal, verdoppelter Mindestlohn und eine staatliche Beschäftigungsgarantie und die ICE-Abschaffung sind Forderungen aus der Hölle für viele der Erzkonservativen. Im US-Wahlkampf 2020 wird AOC zur Chance und Bedrohung für die Demokraten: Einerseits könnten ihre Thesen für die amerikanische Mittelschicht zu radikal sein, andererseits erreicht sie die Latinos als Wähler. Biden gewinnt die Wahl und sein Schwenk zum „Big Government”, dem starken Sozialstaat, ist ganz im Sinne der progressiven Demokraten.

Todesängste steht Alexandria Ocasio-Cortez beim Sturm auf das Capitol aus. In einem Instagram-Video schildert sie mit Tränen in den Augen, früher einmal Opfer von sexueller Gewalt geworden zu sein – und dass der Sturm auf das Capitol das Trau­ma wieder gegenwärtig gemacht habe. Republikanern wirft sie vor: „Ihretwegen wäre ich fast ermordet worden!“ Wo der Weg von Alexandria Ocasio-Cortez noch hinführen wird? Die Washington Post hat schon einmal in die Zukunft geschaut und einen Beitrag mit dem Titel „A column from 2025, when President Alexandria Ocasio-Cortez takes office” verfasst.


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