Wie können Frauen im Finanzsektor Karriere machen? Sechs Arbeitgeber, darunter Allianz und Deutsche Bank, zeigen ihre Chancen.

Bis heute sind Frauen im Finanzsektor – gerade in Führungspositionen – oft noch unterrepräsentiert. Die Branche galt lange als Männerdomäne und wenig attraktiv für weibliche Talente. Sechs Arbeitgeber aus dem Bankenbereich, der Versicherungswirtschaft und aus dem Industriecontrolling geben Einblicke in ihre Aufgabenfelder und ihre Unternehmenskultur. Exklusiv befragt von unserer Redaktion nehmen sie Stellung zu den Herausforderungen, mit denen Frauen auf ihrem Karriereweg konfrontiert sind und welche Chancen sich ihnen bieten.
Was du wissen solltest
Die einstige Männerdomäne wandelt sich
Lange Zeit war die Finanzbranche von einem männlich dominierten Umfeld geprägt. Bis heute sind Frauen in der Finanzbranche, insbesondere in leitenden Positionen, weniger stark vertreten als ihre männlichen Kollegen.
Mehr Frauen in Führungspositionen bedeute dabei nicht nur positiven Einfluss für eine diversere Unternehmenskultur. Auch der „weibliche Blick“ auf das Thema Finanzen – etwa in der Entwicklung neuer Produkte – ist wichtig, um den Gender Finance Gap zu schließen. Kaum zu glauben: In Deutschland durften Frauen erst ab 1962 ohne Erlaubnis ihres Ehemanns ein eigenes Bankkonto eröffnen.
Auch die Vereinbarkeit von Familie und Karriere spiele nach wie vor eine bedeutende Rolle, bei der Frage warum der Finanzsektor in den Beliebtheitsrankings von Studentinnen als weniger attraktiv als von ihren männlichen Kommilitonen bewertet wird. Eine hohe Arbeitsbelastung und geringe Planbarkeit in Führungspositionen hinderten Frauen mit Verantwortung für die Kinderbetreuung schlicht häufiger daran, höhere Positionen anzustreben.
Hinzu kämen unbewusste Vorurteile bei Beförderungsentscheidungen, durch die Frauen benachteiligt werden, die Führungspositionen erreichen möchten. Lena Stohrer, Leiterin der Gruppe HR-Marketing bei der LBBW, zufolge wird das Konzept von Führung immer noch zu eingeschränkt verstanden. Es gibt weitaus mehr Möglichkeiten, den Führungsalltag zu gestalten, als oft angenommen wird.
Frauen aktiv in Führungsrollen bringen
„Entscheidend ist, Chancengleichheit nicht dem Zufall zu überlassen”, erklärt Anja Rechenberg, Spokesperson bei der Allianz SE. „Unternehmen müssen gezielt auf eine ausgewogene Talentpipeline, transparente Karriere- und Beförderungsprozesse, gleiche Bezahlung sowie eine inklusive Kultur setzen. Ebenso wichtig sind Vorbilder, Sponsorship-Programme und flexible Arbeitsmodelle, die unterschiedliche Lebensrealitäten berücksichtigen.“
Es brauche deutliche Zielvorstellungen, konsequente Unterstützung und Führungskräfte, die die vorhandenen Talente erkennen und fördern. „Inklusion entsteht nicht auf dem Papier, sondern im echten Leben und Arbeitsumfeld”.
Langfristig solle eine kulturelle Veränderung etabliert werden, von der alle Angestellten profitieren. „Was es braucht, ist ein Arbeitsumfeld, in dem Talente unabhängig vom Geschlecht die gleichen Chancen erhalten: transparente Karrierewege, faire Auswahlprozesse, verlässliche Flexibilität und Führungskräfte, die Vielfalt aktiv fördern – und Frauen nicht nur begleiten, sondern aktiv für Führungsrollen einsetzen”, bringt es Carmen Behrens, Corporate Spokesperson von Covestro, treffend auf den Punkt.
Weibliche Role Models sichtbar machen
Konkrete Maßnahmen, auf die alle sechs Unternehmen setzen, seien eine Diversifizierung der Repräsentanz. Besonders wichtig seien dabei weibliche Role Models. Wenn Frauen in Führungspositionen sichtbar gemacht werden und gezeigt wird, welche attraktiven Karrierewege abseits der klassischen und linearen möglich sind, ermutige das andere Frauen, ebenfalls höhere Positionen anzustreben und Vorurteile und Zweifel aus dem Weg zu räumen. „Entscheidend ist, diese Vielfalt der Aufgaben frühzeitig aufzuzeigen und unterschiedliche Karrierewege sichtbar zu machen. Ebenso wichtig sind weibliche Vorbilder, die zeigen, dass erfolgreiche Karrieren in Finance auf verschiedenen Lebens- und Berufswegen möglich sind”, so Carmen Behrens.
Darüber hinaus haben die Unternehmen eigene auf Frauen zugeschnittene Initiativen entwickelt, die sich auf den Aufbau von Netzwerken, Plattformen zum Austausch und Mentoring fokussieren. „Ziel ist es, Frauen nicht nur zu ermutigen, sondern sie aktiv zu fördern und ihnen Entwicklungschancen zu eröffnen“, erklärt uns LBBW-Expertin Lena Stohrer.
Die neue Realität
„Tatsächlich prägen nach wie vor Klischees das Bild von Finance-Jobs – oft mit der Folge, dass sich qualifizierte Frauen gar nicht erst bewerben oder die Branche frühzeitig verlassen“, berichtet Svea Rüter, Communication Officer bei BNP Paribas. Trotz der noch bestehenden Schwierigkeiten habe sich die Finanzbranche jedoch erheblich verändert und die neue Realität ist nun viel optimistischer zu betrachten. Dr. Christina Heidemann, Diversity and Culture Manager bei Union Investment, erklärt: „Die Finanzbranche gilt manchen als konservativer und hierarchischer, als wir sie heute leben. Zum Teil begegnet man der Sorge, dass Beruf, Familie und Privates nicht im gleichen Maße vereinbar seien wie in anderen Branchen. Diesem Vorbehalt können wir als Unternehmen entschieden entgegentreten.”
Unternehmen setzten sich zunehmend zum Ziel, Frauen in Führungspositionen gezielt zu fördern. Denn davon würden nicht nur die Einzelpersonen selbst profitieren, sondern auch das Unternehmen, das von zusätzlichen neuen Perspektiven und einem erweiterten Horizont gewinnen würde.
Natalie Merkel, Head of Talent Acquisition Germany bei der Deutschen Bank, ergänzt: „Statt den Blick auf Vorurteile zu richten, lohnt es sich, die Realität der heutigen Finanzbranche zu betrachten. Der Finanzsektor bietet weit mehr Möglichkeiten, als vielen bewusst ist.”
Das stereotype Bild der Finanzbranche als sehr zielorientiert, kompetitiv und männlich geprägt könne mittlerweile als überwunden betrachtet werden. „Viele Frauen und Männer verbinden mit der Finanzbranche nach wie vor veraltete Klischees, die ein realistisches Bild der heutigen Arbeitswelt verzerren: Da ist zum einen das Vorurteil der ,80-Stunden-Wochen‘ und der ständigen Verfügbarkeit, das zwar noch immer als prägend empfunden wird, in der Praxis jedoch längst nicht mehr der Standard ist. Im Gegenteil, moderne Arbeitsmodelle mit flexiblen Zeitmodellen, Homeoffice-Optionen und einer stärkeren Betonung der Work-Life-Balance haben hier einen deutlichen Wandel eingeleitet”, kommentiert Svea Rüter von BNP Paribas. Eine ausgeglichene Work-Life-Balance sei heute ein enorm wichtiger Bestandteil der Unternehmenspolitik vieler Firmen.
„Diversität und Inklusion sind heute strategische Prioritäten”
„Viele Menschen verbinden Finance noch immer mit Zahlenarbeit am Schreibtisch, starkem Konkurrenzdenken oder sehr traditionellen Karrierewegen. Dieses Bild greift heute zu kurz.” Im Gegenteil, wie Anja Rechenberg berichtet: „Moderne Finance-Bereiche sind strategische Partner für das Geschäft. Erfolgreich sind dabei nicht nur analytische Fähigkeiten, sondern auch Kommunikationsstärke, Neugier, Teamarbeit und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen.”
Für Berufseinsteigerinnen würden sich dadurch viel mehr Möglichkeiten ergeben als je zuvor. „Die wichtigste Botschaft für Nachwuchstalente lautet: Es gibt kein einheitliches Erfolgsprofil für eine Karriere im Finanzsektor. Entscheidend sind Talent, Neugier und die Bereitschaft, zu lernen und sich weiterzuentwickeln”, empfiehlt Natalie Merkel von der Deutschen Bank. „Ebenso hartnäckig hält sich der Mythos vom ,Haifischbecken‘, in dem Ellenbogenmentalität und rücksichtsloser Konkurrenzdruck vorherrschen, während in der Realität Teamarbeit, kollegialer Aus- tausch und eine unterstützende Feedbackkultur immer mehr an Bedeutung gewinnen“, empfindet es Svea Rüter. „Nicht zuletzt schreckt viele Frauen die Annahme ab, sie müssten ,sich verbiegen oder ihre Authentizität aufgeben‘, um in einer männlich geprägten Kultur akzeptiert zu werden. Doch gerade hier hat sich viel verändert: Diversität und Inklusion sind heute strategische Prioritäten.”
Als Fazit für angehende Berufseinsteigerinnen kristallisiert sich heraus, dass die Kultur und das Umfeld in Finance nicht mehr als generell konservativ und männerdominiert bezeichnet werden können. Es lohnt sich also, den Finanzsektor nicht fälschlicherweise aufgrund veralteter Klischees auszusortieren, sondern gezielt nach den Arbeitgebern zu suchen, die „Female in Finance“ als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Unternehmenskultur verstehen – und dies auch glaubhaft kommunizieren können.
Häufige Fragen zu Frauen im Finanzsektor
Warum bewerben sich so wenige Frauen bei Finanzunternehmen?
Klischees über Finance-Jobs führen laut BNP Paribas oft dazu, dass sich qualifizierte Frauen gar nicht erst bewerben oder die Branche früh verlassen. Auch in Beliebtheitsrankings bei Studentinnen schneidet der Finanzsektor schlechter ab als bei ihren männlichen Kommilitonen. Dazu kommt die Sorge, Beruf, Familie und Privatleben seien schwerer vereinbar als in anderen Branchen. Dem treten die Unternehmen laut Union Investment entschieden entgegen.
Lässt sich eine Führungsposition in der Finanzbranche mit Familie vereinbaren?
Das ist laut dem Artikel eine der Hürden, weil hohe Arbeitsbelastung und geringe Planbarkeit in Führungspositionen es Frauen mit Verantwortung für die Kinderbetreuung schwerer machen. Gleichzeitig setzen die Unternehmen zunehmend auf flexible Zeitmodelle, Homeoffice und Work-Life-Balance.
Woran erkenne ich einen Arbeitgeber, der Frauen wirklich fördert?
Achte darauf, ob Karrierewege transparent sind, Auswahlprozesse fair ablaufen und Mentoring sowie Netzwerke angeboten werden. Ein guter Hinweis ist, ob Frauen aktiv für Führungsrollen eingesetzt werden und ob das Unternehmen „Female in Finance“ als selbstverständlichen Teil seiner Kultur versteht und glaubhaft kommuniziert.
Wo finde ich Vorbilder und Einblicke in Karrieren von Frauen in Führung?
Weibliche Role Models und Karrierewege abseits der klassischen, linearen Laufbahn stellen wir auf unserer Seite Female Leadership vor.